Magdeburg l Vor mehr als einem Jahrzehnt wurde in England die Idee der „Essbaren Stadt“ geboren. Statt fast ausschließlich zierender Bepflanzung des öffentlichen Raums, macht die Anpflanzung von Nutzpflanzen in öffentlichen Grünanlagen inzwischen weltweit Schule nach dem Motto „Pflücken erlaubt“. Auch Magdeburg will, wo es Sinn ergibt, zur „Essbaren Stadt“ werden. So hat es der Stadtrat auf seiner Sitzung am 18. Februar 2021 mit großer Mehrheit beschlossen. Die Initiative dazu kam bereits im August des Vorjahres von der Fraktion Tierschutzpartei/ Bund für Magdeburg. Sie ist inzwischen in die neue Ratsallianz FDP/Tierschutzpartei übergegangen. Der alte und neue Fraktionschef und Tierschutzparteiler Burkhard Moll, Ex-Gastronom in Magdeburg und 2019 neu in den Stadtrat eingezogen, verteidigte die Idee nach Kräften. Nein, es ginge nicht um unpassende Varianten wie Kohlrabi auf Rabatten vor dem Rathaus, „aber Beeren werden zum Beispiel in der Nähe von Spielplätzen gerne genommen“, so Moll.

Beifall und Skepsis

Von der AfD kam ein heftiges Kontra. „Das klingt ja ganz niedlich, ist aber nicht ganz unproblematisch“, sagte deren Fraktionschef Frank Pasemann. Wer solle das pflegen? Und was geschehe in der Reifephase? „Ich kann mir nicht vorstellen, dass jemand gerne Gemüse vom Straßenrand genießt. Und wer sammelt das Fallobst? Ich kann Ihnen sagen, wer das macht, die Wespen. Und dann kommen die Klagen über eine Wespenplage in der Stadt!“

„Herr Pasemann kennt nur Äpfel und Birnen und auch davon wahrscheinlich nur das Fallobst“, konterte SPD-Fraktionschef Jens Rösler. Seine Fraktion könne sich sehr gut vorstellen, dass der Startgartenbetrieb an gut ausgesuchten Plätzen viel mehr als bisher auf die Anpflanzung zum Beispiel von Obstgehölzen setzt. Beerensträucher zum Beispiel würden sehr gut an viele Standorte in der Stadt passen.

Starker Rückenwind kam auch von Stephan Papenbreer (FDP). Er hat eine der essbaren Modellstädte Deutschlands, das rheinland-pfälzische Andernach, schon einmal besucht und ist begeistert: „Ja, die pflanzen da auch Tomaten und die Leute sind total begeistert, helfen bei der Pflege und identifizieren sich voll mit dem Projekt.“ Auch die liberale Ratsfrau Carola Schumann sprang ihrem Fraktionskollegen bei. „Zum Beispiel könnten giftige Hecken an Spielplätzen gut durch gesundes Obst ersetzt werden.“ Und an der Allee Richtung Ottersleben stünden schon lange auch Apfel- und Birnbäume, von denen das reife Obst auch gerne geerntet werde.

Andreas Schumann (CDU) steuerte Skepsis bei. Auf bestehenden Streuobstwiesen in der Stadt gebe es hinreichend abgestorbene Bäume, die zunächst erst einmal ersetzt werden müssten. „Damit haben wir genug zu tun. Für mehr müssten wir erst einmal Bürger haben, die das mitgehen.“

Komplett anderer Meinung ist Christian Hausmann (SPD). Er sprach den Initiatoren der „Essbaren Stadt Magdeburg“ ein großes Lob aus. „Das fördert auch die Bildung! Viele Kinder kennen Obst und Gemüse nur noch aus dem Supermarkt.“ Auch im Umfeld von Schulen sei die Anpflanzung von Nutzpflanzen deshalb eine ausgesprochen gute Idee.

Beerensammler schon unterwegs

Mit persönlichem Erleben zur Sache konnte Roland Zander (Gartenpartei) dienen. „Zum Beispiel in der Nähe von Ikea stehen Brombeersträucher. Wenn die Beeren reif sind, pflücken da regelmäßig viele junge Familien.“ Ähnlich sei es auch in verschiedenen Parks und viele Magdeburger würden die Standorte gut kennen und gerne für Ausflüge mit labender Ausbeute nutzen.

Eine Ratsmehrheit war inzwischen von der Initiative „Essbare Stadt“ überzeugt. Am Ende stimmte nur noch die AfD dagegen und der große Ratsrest dafür. Burkhard Moll durfte den Entschluss auf der Sitzung am Donnerstag nebst Blumengaben als selbst gemachtes Geschenk betrachten. Er feierte am selben Tag Geburtstag.