Magdeburg l Am frühen Morgen zwitschern Singvögel und am Abend raschelt der Igel durch den Laubhaufen. Eigentlich unvorstellbar, wenn man auf den Kalender blickt. Es ist Anfang Januar 2020, da dürfte von diesen Tieren in Magdeburg noch nichts zu sehen, geschweige denn zu hören sein. Und doch sind viele Igel bereits aus ihrem Winterschlaf erwacht und die ersten Zugvögel zurück.

Schuld sind die Temperaturen. Der Durchschnitt in Magdeburg betrug laut Deutschem Wetterdienst (DWD) im Dezember 4,4 Grad Celsius. Damit lag er fast drei Grad über dem langjährigen Monatsmittel. Von Frost war kaum etwas zu spüren. Auch für den Januar machen die Prognosen der Meteorologen wenig Hoffnung auf Wetteränderung. Welche Auswirkungen die ungewöhnlich hohen Temperaturen in diesem Winter auf Pflanzen- und Tierwelt in Magdeburg und Mitteldeutschland haben werden, ist bislang noch nicht abzusehen.

Auswirkungen werden erforscht

Isabell Hensen vom Institut für Geobotanik an der Universität Halle kann nur Vermutungen anstellen: „Die Forschung ist dabei, solche Auswirkungen zu untersuchen, aber bisher weiß man noch nicht sehr viel.“ Das liege hauptsächlich daran, dass diese Forschungen noch nicht sehr lange betrieben werden, führt die Wissenschaftlerin weiter aus. „Wir stehen da erst am Anfang“, so Hensen.

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Auch der wissenschaftliche Leiter der Gruson-Gewächshäuser Ludwig Martins kann nur Mutmaßungen anstellen, wie die heimische Pflanzenwelt auf einen Winter ohne die dafür typischen Temperaturen reagieren wird. „Wenn es den ganzen Winter keinen Frost gibt, dann hat das vermutlich Auswirkungen auf die Schädlingsentwicklung“, sagt Martins. Sollte das Ungeziefer den Winter überleben, könnte das erhebliche Konsequenzen für die Pflanzenwelt haben. Manche Gewächse könnten so stark angegriffen werden, dass sie absterben.

Heimische Pflanzen werden verdrängt

Auch ein verfrühtes Aufbrechen der Knospen kann negative Auswirkungen haben. Isabell Hensen verweist auf das symbiotische Zusammenleben von Pflanzen und Insekten. „Es kann sein, dass es bei einer zu frühen Blütezeit noch nicht genug bestäubende Insekten gibt.“ Das könnte sowohl für Pflanzen als auch Insekten problematisch werden.

Ein anderer Aspekt sei die damit verbundene Entwicklung des Ökosystems. „Es gibt bereits Untersuchungen, die zeigen, dass sich Pflanzenarten aus dem Mittelmeerraum bei uns verbreiten“, berichtet Ludwig Martins. Dies werde durch die milden Temperaturen begünstigt. Es könnte zu einer Verdrängung der heimischen Pflanzen kommen, die den klimatischen Veränderungen nicht gewachsen sind.

Temperatur-Schwankungen schwierig

Weniger dramatisch sieht der Gärtner der Gruson-Gewächshäuser, Stefan Neuwirth, die milden Temperaturen. „Mir ist noch nicht aufgefallen, dass etwas anders ist als sonst. Nur die Haselnüsse blühen eigentlich zwei bis vier Wochen zu früh“, sagt er. Er verweist aber darauf, dass große Temperaturschwankungen für Gewächse schwieriger zu verarbeiten sind. „Wenn es friert, dann über längere Zeit warm ist und dann wieder friert, das machen die Blüten und Triebe nicht mit“, erklärt Neuwirth.

Heimische Baumarten wie Eichen und Buchen seien aber kaum von Temperaturen abhängig. Diese hätten einen genetisch festgelegten Zeitplan, der sie an einer frühen Blütezeit hindere. „Diese Bäume sind eher lichtempfindlich und treiben erst ab einer bestimmten Tageslänge aus.“ Auch Waldbodenpflanzen wie Buschwindröschen seien eher unempfindlich. „Kriegen die Frost ab, legen die sich auf den Boden und wenn es warm wird, richten sie sich wieder auf, da bleibt kein Schaden zurück.“

Obstbäume können Hormon nicht abbauen

Anders sei das bei Obstpflanzen wie Apfel- und Kirschbäumen. „Die brauchen über einen gewissen Zeitraum niedrige Temperaturen, um das Hormon abzubauen, das die Bäume an der Blüte hindert“, berichtet Stefan Neuwirth. Wenn sie keinen Frost bekommen, können sie das Hormon nicht abbauen und blühen im Frühjahr möglicherweise nicht. Das habe dann wiederum Auswirkungen auf den Ernteertrag.

Selbstverständlich kann es auch immer wieder Spätfrostschäden geben, falls es im Frühjahr doch noch zu Frost komme, sagt Neuwirth, aber das sei kein wirkliches Problem. „Die Pflanzen sind robuster als man sich vorstellen kann und die Natur reguliert sich eigentlich immer selbst, sie braucht nur Zeit.“

Genug Futter für Rotwild

Für die heimische Tierwelt ergeben sich durch die milden Temperaturen mehr Vorteile als Nachteile, wie Sven Meichau vom Wildpark Christianental in Wernigerode schildert. „Ich sehe eigentlich nur Vorteile für die heimischen Wildtiere. Das Gras hat praktisch nicht aufgehört zu wachsen, es gibt also genug Futter für das Rotwild.“ Der Mangel an Futter sei auch das größte Problem für die Tiere im Winter, weniger die Temperaturen. Das bestätigt auch Marcus Pribbernow vom Magdeburger Naturkundemuseum. „Mit den niedrigen Temperaturen können die Tiere umgehen, aber sie finden im Winter zu wenig Nahrung.“

Für die Zugvögel, die nicht in den Süden geflogen sind, ergeben sich ebenfalls Vorteile. „Damit haben Vögel wie zum Beispiel Kraniche bessere Chancen auf gute Brutplätze und damit auch bessere Chancen auf Stärkung der Population“, berichtet Wildparkmitarbeiter Meichau.

Wanderfalken am Dom schon unterwegs

Dass in diesem Winter alles etwas früher passiert, ist auch Pribbernow aufgefallen. „Unsere Wanderfalken am Dom sind schon wieder unterwegs und besetzen wieder ihr Revier.“ Auch die Waldkäuze im Stadtpark seien bereits aktiv. Einige Singvogelarten, die sonst im Januar nicht zu hören sind, habe er ebenfalls schon beobachtet, berichtet Pribbernow.

Ein Risiko bestehe für die Tiere aber dennoch, falls es doch Spätfrost geben sollte. „Wenn es Nachwuchs bei den Tieren gibt und es doch nochmal sehr kalt wird, besteht die Möglichkeit, dass die Jungtiere verenden“, sagt Sven Meichau.

Wassermangel in der Elbe

Pribbernow dagegen sieht eher eine langfristige Gefahr im Wassermangel. „Die Elbe hat einen mindestens einen Meter zu niedrigen Pegelstand.“ Daraus ergebe sich für die Sümpfe und Nebenarme eine große Gefahr im Sommer, falls es nicht mehr Regen gebe. „Das Wasser wird sowohl Pflanzen als auch Tieren fehlen und dann könnte es tatsächlich dramatisch werden.“ Er ergänzt: „Man möchte gerne ausgeglichene Wetterverhältnisse haben, aber wir haben extreme Verhältnisse, jetzt stören uns die milden Temperaturen nicht, aber im Sommer könnte es für alle Lebewesen schlimm werden.“

Und was sollten Gärtner nun tun, wenn sie schon Igel auf ihrer Scholle entdecken? „Am besten etwas Katzenfeuchtfutter oder ungewürztes Rührei und Wasser hinstellen“, rät Sven Meichau.