Magdeburg l Holger Zimpelmann ist morgens oft an der Schrote unterwegs. Hier in der Goethestraße muss seine Hündin „Emmi“ ausgeführt werden. Dazu nutzt er die Grünanlagen entlang des kleinen Baches, der seinen Namen aktuell nicht mehr verdient. Denn hier – parallel zur Goethestraße – war tagelang nur noch ein Trockenbett zu finden. Wo sonst mit einer Wassertiefe von ein paar Zentimetern die Schrote friedlich vor sich hin fließt, war sie staubtrocken. Das Bett des Baches lag über mehrere Tage frei.

Zum Vorschein kam damit auch Unrat, der sonst vom Wasser überdeckt wird. Leere Flaschen, Scherben, unbestimmbare Metallgegenstände und noch mehr fand sich in der Schrote. Holger Zimpelmann: „Seit gut einer Woche gibt es hier kein Wasser. Dafür habe ich leider wieder Ratten gesehen, die hier unterwegs sind.“

Schäden werden beseitigt

Für die Schrote ist der Landesbetrieb für Hochwasserschutz und Wasserwirtschaft (LHW) zuständig. Der Flussbereich Schönebeck kümmert sich hier um die Unterhaltung des Gewässers erster Ordnung. Das trockene Flussbett werde genutzt, um nach Schäden zu schauen und diese zu beseitigen. In dem Zuge werde auch der im Flussbett liegende Müll beseitigt, sagt Martina Große-Sudhues, Geschäftsbereichsleiterin Betrieb und Unterhaltung beim LHW. Dass die Schrote trockengefallen ist, sei aus Sicht der Wasserwirtschaftler kein großes Problem. Auf die Unterhaltungsarbeiten an dem Gewässer habe dies keine Auswirkungen.

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Es ist bereits das dritte Jahr in der zurückliegenden Zeit, dass die Schrote ausgetrocknet ist – in diesem Sommer nach kurzen Regenfällen zwischendurch nun schon zum zweiten Mal in diesem Sommer. 2018 und 2005 war dies schon einmal der Fall gewesen. Ungewöhnlich sei der frühe Zeitpunkt in diesem Jahr gewesen, hieß es. Die Schrote im Bereich von der Quelle in Hemsdorf in der Börde führt selbst nach den Regenfällen der letzten Tage wenig bis gar kein Wasser.

Ein ähnliches Bild wie die Schrote bot beispielsweise auch die Große Sülze. Sie gehört wie die Klinke, Künette, Sülze und Faule Renne zu Magdeburgs Gewässern zweiter Ordnung. Auch sie war quasi im Stadtgebiet nicht mehr vorhanden. Dennoch laufen die Unterhaltungsarbeiten am Flusslauf weiter, wie Constanze Köppe, Geschäftsführerin des Unterhaltungsverbandes Untere Ohre, sagt.

Sorgenvolle Blicke

Während die Unterhaltungsverbände keine Probleme mit den trockenen Flüssen haben, blicken Naturschützer sorgenvoller drein. Marcus Pribbernow vom Kreisverband Magdeburg des Naturschutzbundes (Nabu) hat hier vor allem die Tierwelt im Blick. Denn einige Tiere, die in und entlang der Flüsse leben, leiden unter dem fehlenden Nass. Denn ihnen geht dadurch die Nahrungsgrundlage aus. Beispielsweise der Eisvogel, der vereinzelt im Stadtgebiet beispielsweise an der Schrote und der Klinke vorkommt, muss sich nach neuen Jagdgründen umsehen.

Aber auch Säugetiere wie beispielsweise die Wasserspitzmaus sind betroffen. Die kleine Maus benötigt sehr viel Nahrung. Sie ernährt sich von Libellenlarven bis hin zu kleineren Fischen. Wenn nun Libellen wegen des fehlenden Wassers ihre Eier nicht ablegen, Fische nicht schwimmen können, hat die kleine Maus ein Problem. „Sie werden deswegen nicht aussterben, müssen sich aber Ausweichquartiere suchen. Ihr Lebensraum wird eingeschränkt“, sagt der Naturschützer.

Extremwetterereignisse wie die lange Trockenheit seien zunächst nicht das Problem, allerdings die Häufigkeit solcher Ereignisse könne zu einem werden. „Umso mehr der Mensch Einfluss nimmt, umso schwieriger wird es. Wir sollten daher zusehen, dass wir unsere kleineren Flüsse so naturnah wie möglich belassen“, sagt Marcus Pribbernow.

Magdeburgs Flüsse im Blick hat Prof. Dr. Volker Lüderitz von der Hochschule Magdeburg-Stendal. Seine Lehrgebiete: Renaturierung und Revitalisierung von Gewässern; Naturschutz und Wasserwirtschaft; Ökotechnologien der Wasseraufbereitung.

An der Schrote in der Goethestraße hat der Hochschullehrer eine Dauermessstelle eingerichtet, die er regelmäßig mit seinen Studenten auswertet. Dabei werden dann auch beispielsweise alle wirbellosen Tiere erfasst. „Wir haben schon bei der Trockenheit 2018 in der Schrote festgestellt, dass die Artenzahl um zwei Drittel reduziert war. Nur wenige resistente Arten hatten überlebt“, sagt Volker Lüderitz. In diesem Jahr nun das gleiche Bild – nur noch früher im Jahr. Bei einer ohnehin vergleichsweise geringen Zahl von 25 verschiedenen Arten ein starker Einschnitt. Dabei hatte sich die Schrote seit den 1990er Jahren gut erholt, so Volker Lüderitz. Und bereits hier hatte es zehn Jahre gedauert, bis sich wieder mehr Organismen angesiedelt hatten.

Gerade solche Gewässer wie die Schrote, die durch Oberflächenwasser gespeist werden, seien von langanhaltender Trockenheit schnell betroffen. Aber auch Gewässer, die durch Grundwasser gespeist werden, bekommen mehr und mehr Probleme. Denn auch die Grundwasserreservoirs seien gesunken. Helfen würde Flüssen wie der Schrote, deren Bett mit Pflastersteinen kanalisiert ist, eine Renaturierung. Beispielsweise mit lebender Ufersicherung durch Bäume anstatt Beton. „Das verhindert zwar keine Austrocknung bei langer Trockenheit, aber es verlangsamt den Prozess, zudem wird dadurch die Artenvielfalt erhöht“, so der Professor.

Auch kleinere Flüsse seien wichtig. „Sie sind Lebensraum, sie dienen der lokalen Klimastabilisation und natürlich dem Landschaftsbild“, so Volker Lüderitz.