Magdeburger Stadtrat

Ulrichskirche: Vorstoß scheitert

Der Ulrichplatz in Magdeburg soll bleiben wie er ist - das ist das Credo einer rot-roten Mehrheit im Stadtrat.

Von Katja Tessnow 25.02.2017, 00:01

Magdeburg l Grünenfraktionschef Olaf Meister versteht die Welt nicht mehr. Während anderenorts der Wiederaufbau historischer Magdeburger Portale mit viel Applaus bedacht wird (Katharinenportal, Sterntor), führt bei der Ulrichskirche kein Weg zur Schaffung einer repräsentativen Erinnerung an den Bau, dessen kriegsbeschädigte Ruine 1956 gesprengt wurde. Grüne und CDU/FDP/BfM unterlagen im Stadtrat mit ihrer durchaus vorsichtigen Initiative für die Umgestaltung des Ulrichplatzes inklusive Kirchengedenken – in welcher Form auch immer. Dazu, so schlugen es die Fraktionen vor, sollten einmal mehr die Bürger befragt werden. Denkbar wären neben dem Aufbau des Kirchenportals, wie es das Wiederaufbaukuratorium quasi als einen ersten Schritt vorsieht, auch die Freilegung von Fundamentresten. „Wir suchen einen Kompromiss“, so Meister, der die Zerrissenheit der Bevölkerung aufnehme. 2011 hatten mehr als 70 Prozent der Magdeburger bei einem Bürgerentscheid den kompletten Wiederaufbau der Kirche abgelehnt. Aber wären ebenso viele auch gegen das Tor?

Ein Grund dafür, dass eine Ratsmehrheit die Frage danach gar nicht stellen möchte, ist der ungebremste Wille des Kuratoriums, die Option für einen kompletten Wiederaufbau offenzuhalten und wieder und wieder – quasi in Häppchen – für politische Initiativen in diese Richtung zu werben.

„Ich muss gestehen, da kriege ich Blutdruck“, rief SPD-Mann Burkhard Lischka aus und mahnte: „Wir haben dazu einen ganz eindeutigen Bürger-entscheid und jeder im Stadtrat tut gut daran, das Thema nicht ständig wieder aufzurufen.“ Der Mehrheit der Magdeburger gefiele der Platz nun mal so, wie er heute ist, „und aus Sicht unserer Fraktion kann er auch die nächsten hundert Jahre so bleiben“. Frank Schuster (CDU) reagierte enttäuscht auf Lischkas klare Ansage. Es gebe schließlich mehr als zwei Optionen, Wiederaufbau ja oder nein. Die Initiative zur Platzumgestaltung samt neuer Erinnerungskultur akzeptiere den Bürgerentscheid sehr wohl und suche eben deshalb nach alternativen Hinweisen auf die Kirche abseits des kompletten Wiederaufbaus.

Oberbürgermeister Lutz Trümper (parteilos) – Aufbaugegner 2011 – bekannte sich zu seiner unveränderten Meinung, hätte gegen eine erneute Bürgerbefragung allerdings nichts einzuwenden. Die Liberale Carola Schumann setzte sich von den eigenen Reihen ab und mahnte zur Anerkennung des Bürgerengagements von 2011, das zur Herbeiführung des Bürgerentscheides geführt hatte – und zur Anerkennung von dessen Ergebnis. Schumann votierte gegen die neue Erinnerungsinitiative.

Einen emotionalen Höhepunkt erreichte die ohnedies erregt geführte Debatte mit der Wortmeldung des Tierschutzparteilers Lothar Tietge. Der Ratsälteste (82) sagte: „Ich bin wohl der Einzige hier, der 1956 beim Wiederaufbau mitgearbeitet hat. Die Kirchenruine wurde damals gesprengt, um einen zentralen Platz zu schaffen. Das war der einzig wahre Grund. Und die Entscheidung war korrekt.“ Tietge musste für sein Bekenntnis zur Kichensprengung jede Menge Buh-Rufe und Schimpftiraden (Frank Schuster, CDU: „Abartig!“) einstecken. Er ertrug sie gelassen.

Oliver Müller (Linke) zeigte sich genervt von den wiederkehrenden Wiederaufbau-Ansinnen: „Wir sind nicht mehr die Stadt der Kirchtürme!“ Besser solle sich die Stadt um Kristallpalast, Hyparschale und Stadthalle kümmern.

Am Ende stand es 27 zu 23 kontra Wiederaufbau (Portal) oder Fundamentfreilegung und/oder Bürgerbefragung. Alles erhielt eine Abfuhr, aber ein neuer Anlauf ist sicher. Frank Schuster versprach ihn schon: „Ich bleibe penetrant.“