Magdeburg/ Frankfurt (Oder) l Das Video aus einem Polizeiwagen ist knapp vier Minuten lang und fesselt Tausende Zuschauer an den Bildschirm. Es zeigt, wie ein weißer Mazda CX5, der in der Nacht zum 5. Oktober 2018 in Magdeburg von einem Hinterhof in der Hans-Grade-Straße gestohlen wurde, mit hoher Geschwindigkeit über die Autobahn 12 bei Müllrose (Brandenburg) rast.

Am Steuer sitzt ein 18-jähriger Pole. Sein Ziel: die Grenze. Mit deutlich überhöhtem Tempo prescht er durch eine Baustelle, wechselt ohne Vorwarnung die Spuren, drängelt andere Autos ab, rammt mindestens einen Wagen und einen Lkw, jagt über den Standstreifen.

Polizei filmt Verfolgungsjagd

Dahinter der Streifenwagen der Bundespolizei. Die Beamten versuchen, über Funk Straßensperren zu organisieren. Ein Beamter nimmt die irre Verfolgungsjagd mit einer Kamera auf.

Am Ende des Videos versucht der junge Fahrer ein Täuschungsmanöver, gaukelt vor, an der Abfahrt Müllrose die Autobahn verlassen zu wollen, rast dann über eine Wiese und fährt sich fest. Er steigt aus und läuft los. Über Funk brüllt ein Polizist aus dem Streifenwagen seinen Kollegen zu: „Täter flüchtet, Täter flüchtet, Täter flüchtet Richtung ...“.

Entsetzen über skrupelloses Verhalten

Oberstaatsanwalt Ulrich Scherding von der Staatsanwaltschaft Frankfurt (Oder) schaute sich das Video mehrfach an und ist entsetzt über das skrupellose Verhalten des jungen Fahrers. Er bestätigt gegenüber der Volksstimme, dass der gefasste Fahrer seit dem 6. Oktober in Untersuchungshaft in Wriezen sitzt. Es ist eine Justizvollzugsanstalt für Jugendliche im Land Brandenburg.

Man wolle nun eine Freiheitsstrafe ohne Bewährung beantragen. Dieses Ziel verfolge man bei Autoschiebern schon seit einigen Jahren. „Wir stellen grundsätzlich einen Antrag auf Haftbefehl, wenn ein Fahrer gefasst wird, und versuchen, Freiheitsstrafen zu erreichen“, erklärt er. Das soll abschrecken.

Sonderabteilung für Grenzkriminalität

Seit einigen Jahren schon gebe es in Frankfurt eine Sonderabteilung für Grenzkriminalität. Denn gestohlene Autos, die über die polnische Grenze gebracht werden sollen, gehören für Polizei und Staatsanwaltschaft schon lange zum Tagesgeschäft.

Momentan sind die Diebe auch auf Mazdas spezialisiert. Das bestätigt auch Bärbel Cotte-Weiß, Pressesprecherin der Polizei in Frankfurt. Sie und ihre Kollegen arbeiten in solchen Fällen im grenznahen Bereich eng mit der Bundespolizei zusammen.

Organisierte Banden in Magdeburg aktiv

Sowohl in Brandenburg als auch in Magdeburg ist man sicher, dass die meisten Autodiebstähle von Banden organisiert werden. Der auf der Autobahn 12 gefasste Fahrer gehörte vermutlich zu den Kurierfahrern, muss das Auto also nicht zwingend selbst gestohlen haben. Er wird sich deshalb unter anderem wegen versuchter Hehlerei verantworten müssen.

Andreas von Koß, Pressesprecher des Landeskriminalamtes Sachsen-Anhalt (LKA), kennt diese Vorgehensweisen. Er erklärt, die Banden und ihre Mitglieder würden sich die Arbeit meist teilen. „Einer muss beispielsweise feststellen, wo die Fahrzeuge stehen, der nächste klaut das Auto und wiederum ein anderer bringt den Wagen über die Grenze.“

Zweiter Fahrer warnt vor Polizei

Meistens wird das gestohlene Fahrzeug von einem polnischen Wagen begleitet. Das war auch in dem aktuellen Fall so und ist in dem Video ebenfalls dokumentiert. Der Fahrer soll unter anderem seinen Mitstreiter vor der Polizei warnen.

In Magdeburg sind seit Jahresbeginn 2018 bis zum 17. Oktober laut Polizei 157 Autos gestohlen worden. Wie viele Mazdas darunter waren, konnte die Polizeisprecherin nicht sagen. Doch Fakt ist: „Die Diebstahlserie ist noch nicht abgerissen“, weiß auch von Koß vom LKA.

Mehrere Mazdas in Magdeburg gestohlen

Hier einige Beispiele: In der Nacht zum 5. Oktober wurden neben dem Mazda aus dem Video zwei weitere Mazda CX5 gestohlen. Am 7. August wurden drei Mazda (Modell 2, 3 und CX5) als gestohlen gemeldet. In der Woche davor waren es fünf Fahrzeuge diesen Typs, ausschließlich Wagen der Baujahre 2017 und 2018. Der Mazda, dessen Fahrer nun geschnappt wurde, hatte einen Zeitwert von etwa 25.000 Euro.

Übrigens: Die Bundespolizei ist über die Veröffentlichung des Videos mehr als verärgert, will sich zu dem Vorfall möglichst wenig äußern. Nur so viel: „Wir sind dabei zu prüfen, wie das Video an die Öffentlichkeit gelangen konnte und müssen den Sachverhalt intern aufarbeiten“, sagt Matthias Lehmann, Sprecher der Bundespolizei Berlin.

Bundespolizei hält sich bedeckt

Er bestätigt gegenüber der Volksstimme zumindest, dass es am 5. Oktober eine Verfolgung gab. Doch man könne – oder wolle (Anmerk. d. Redaktion) – nicht sagen, ob das Video genau diesen Vorfall zeigt.