Magdeburg l Prekär sei die Lage, dramatisch und existenzbedrohend. Seit März 2020 unterliegen die Schausteller quasi einem Berufsverbot. Der Magdeburger Weihnachtsmarkt bot die letzte Hoffnung auf ein paar Einnahmen. Seit vergangener Woche ist jedoch klar: Der Weihnachtsmarkt wird so, wie er geplant war, nicht stattfinden. Nicht einmal die coronakonforme Variante, die den Markt sich bis zum Domplatz erstrecken ließ, lässt die aktuelle Infektionslage zu.

An einer Absage des Weihnachtsmarktes hängen jedoch nicht nur die Existenzen der Schausteller, sondern in zweiter und dritter Kette viele Hundert mehr, weiß Paul Gerhard Stieger. Dazu gehören die Winzer, die den Schaustellern den Glühwein verkaufen oder auch die Fleischer, die den Bratwurststand beliefern. Aus diesem Grund setzen der Chef der Magdeburger Weihnachtsmarkt GmbH und sein Team alles daran, neben ein wenig weihnachtlicher Atmosphäre auch Einnahmemöglichkeiten zu schaffen.

Kinderpunsch statt Alkohol

Aus dem Weihnachtsmarkt wurde kurzerhand die Weihnachtswelt. Sie soll sich über die Innenstadt verteilen mit den Hauptpunkten Alter Markt und Domplatz sowie City Carré/Bahnhof. Und um der Ausbreitung des Coronavirus Einhalt zu gebieten, wird auf den Ausschank von Alkohol verzichtet. Denn dieser mache leichtsinnig. Die Idee dazu sei von den Schaustellern selbst gekommen, erklärt Stieger. Es handele sich dabei mitnichten um eine Auflage der Stadt. Viele Gastronomen schenkten lieber Kinderpunsch und Kakao aus als gar nichts, sagt er.

Ralf Hedt, Vorsitzender des Schaustellervereins und selbst Betreiber einer Glühweinhütte sagt hingegen: „So viel Kakao und Tee kann ich gar nicht verkaufen, dass sich das rechnet. Allein die Standgebühren liegen fast im fünfstelligen Bereich. Kosten für Strom und Weiteres kommen noch hinzu. Verdienen muss ich ja auch noch etwas.“ Aus diesem Grund hat Hedt seinen Ausschank auf der Magdeburger Weihnachtswelt zurückgezogen. Lediglich mit zwei Grillwurstständen werde er dabei sein.

Auch Dagmar Fischer wird ihre Glühweinhütte nicht beziehen. Die Bestellung für den Wein ihres Lemsdorfer Glümmel, der eigens zubereitet wird, hat sie zurückgezogen. „Ich kann meinen Gastraum nicht nutzen, keinen Glühwein ausschenken und die Gäste dürfen an den Ständen nicht verweilen – das lohnt sich für mich nicht.“ Im Oktober habe sie noch die Hoffnung gehabt, verkaufen zu dürfen. Doch nun glaubt die Magdeburgerin ebenso wie Ralf Hedt, dass nach dem Weihnachtsmarkt auch die Weihnachtswelt abgesagt werden wird. „Die Infektionszahlen sind einfach zu hoch.“

Weihnachtswelt wird kleiner

Letztlich seien es etwa 60 Prozent der Gastronomen und Beschicker, die sich für den Weihnachtsmarkt angemeldet hatten und nun an der Weihnachtswelt teilnehmen, verrät Paul Gerhard Stieger. Durch die Absage des Weihnachtsmarktes konnten die Händler und Schausteller sowie die Organisatoren formal von den Verträgen zurücktreten und alles für den Weihnachtsmarkt 2021 übernehmen. Derzeit sei Stieger mit den Rückabwicklungen beschäftigt. Neue Verträge würden aufgesetzt. Die Weihnachtswelt werde kleiner als der geplante Weihnachtsmarkt – doch immerhin mit 70 bis 75 Prozent der Händler.

Mit Sorge blickt Stieger dennoch in Richtung Bundes- und Landesregierung. „Ich hoffe wirklich, dass wir Anfang Dezember, nach dem Lockdown, die Weihnachtswelt eröffnen können. Wir stehen dafür Gewehr bei Fuß.“

Zusätzliche 100.000 Euro hat der Finanzausschuss der Landeshauptstadt für die coronakonforme Umsetzung des Weihnachtsmarktes zur Verfügung gestellt. Desinfektionsspender, Hygieneinseln, abstandgerechte Verlegung der Stände, Sicherheitspersonal und nun auch noch das Alkoholverbot – mehr geht nicht. Danach wäre nur noch eine Absage denkbar. Das wäre jedoch für alle Beteiligten insbesondere auch für den Innenstadthandel ein Desaster, weiß Paul Gerhard Stieger. „Das Weihnachtsgeschäft ist für viele von existenzieller Bedeutung. Das Niveau fiele von zwei Millionen Besucher, die es im vergangenen Jahr waren, auf null.“