Magdeburg l Eines hat gestern sowohl Händler als auch Kunden geeint: die Freude darüber, dass der Handel, wenn auch unter Auflagen, wieder öffnen durfte. „Juhu, wir dürfen wieder öffnen“ stand etwa auf dem Schild des Geschäftes von Elisabeth Peymann. Sie hat ihren Concept-Store am 1. März des vergangenen Jahres eröffnet und ist froh, dass es nun erst einmal wieder weitergeht. „Den ersten Geburtstag konnten wir noch feiern, zwei Wochen später mussten wir schließen“, erzählt die junge Frau, die sich im Jahr der Existenzgründung einen loyalen Kundenstamm aufgebaut hat. Neben Kleidung gibt es bei ihr auch Kaffee-Spezialitäten. „Wir sind ein Laden, der auch als Treffpunkt funktioniert“, sagt sie.

Umso schwieriger sei die Zeit der Schließung gewesen: „Es war leer.“ Doch untätig war die Geschäftsfrau nicht. Quasi über Nacht organisierte sie einen Online-Verkauf, baute den Laden entsprechend um, damit die Auslieferung schnell funktionieren konnte. Viele Stammkunden seien gestern auch vor Ort gewesen und hätten sich gefreut, dass es wieder losgeht. Abzuwarten bleibe allerdings, ob sich die Öffnung auch rechnen werde. Denn mit der Öffnung gilt es, Personal zu stellen, das finanziert werden müsse. Aufgeben aber will die junge Frau nicht, auch wenn die vierwöchige Schließung für sie eine existenzbedrohende Situation darstellte. „Es wird sich in den nächsten Wochen zeigen, wie es nun weitergeht“, sagt sie und hofft, dass „bessere Monate“ folgen werden.

Verkäuferin trägt Mundschutz

Auch Kerstin Laack freute sich, dass sie ihr Geschäft an der Annastraße mit „Dingen für die Seele“ wieder öffnen konnte. Sie selbst trägt einen Mundschutz, achtet darauf, dass Kunden Abstand halten, und stellt Kunden sogar einen Mundschutz zur Verfügung. Die Masken habe sie extra in Auftrag gegeben und noch vor der Wiedereröffnung nähen lassen. Kunden können sie entweder gleich kaufen oder die Händlerin wäscht sie mit Kochwäsche aus.

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Handschuhe trage sie selbst ohnehin sehr oft, um keine Fingerabdrücke auf Gegenständen aus Silber zu hinterlassen. Außerdem stellt sie ihren Kunden ein Desinfektionsmittel zur Verfügung. Die Stammkunden hätten sich gefreut und seien gleich ab dem Vormittag in das Geschäft gekommen. Rund um den Schellheimerplatz hatten gestern viele der kleinen Lädchen wieder geöffnet. Und so herrschte auch in den Stoffläden reger Betrieb.

Viele kamen mit defekten Nähmaschinen

An der Maxim-Gorki-Straße hat Karl-Heinz Lüders sein Nähmaschinen-Center. „Es war chaotisch“, erzählt er am späten Montagnachmittag von seinem Tag. Zwar habe er auch während der Schließzeit zumindest den Reparaturbetrieb aufrechterhalten können. Doch zahlreiche Kunden hatten bereits auf die Wiedereröffnung gewartet. „Viele kamen mit defekten Nähmaschinen“, erzählt er. „Die Leute wollen sich selbst behelfen und Masken nähen“, sagt er, doch die einfachen Hausmaschinen seien damit zum Teil schon sehr strapaziert und kaputtgegangen. In seinem Geschäft achtet er darauf, dass Abstand eingehalten wird. Desinfektionsmittel stehe zur Verfügung. Auch habe er Masken bestellt, erzählt Lüders. Wenn diese geliefert werden, wolle er sie Kunden zur Verfügung stellen, die keinen Mundschutz mitbringen. Der Handel sei während der Schließzeit komplett weggebrochen. Seine Mitarbeiter schickte er in Kurzarbeit und beantragte Soforthilfe: „Wir hoffen, dass wir das Ganze damit gut überstehen können.“

Wichtig, dass es weitergeht

Birgit und Ulrich Zachau gehören zu jenen Kunden, die Handschuhe und einen Mundschutz immer dabei haben. „Wenn es erforderlich ist, können wir das nutzen“, sagt Birgit Zachau. Gestern waren die beiden im Allee-Center in Magdeburg unterwegs. „Als Senioren brauchen wir ja nicht viel. Wenn wir unsere Lebensmittel bekommen, sind wir schon zufrieden“, da sind sich die beiden einig. Doch trotzdem sei es „schön, dass man wieder sieht, dass es noch andere als Lebensmittelgeschäfte gibt“, sagt Birgit Zachau. Und so blieben sie unterwegs auch am einen oder anderen Schaufenster stehen. Vor allem aber für die Händler sei es wichtig, dass „es wieder einen Anfang gibt“.

Dass sie ihr Geschäft überhaupt wieder öffnen können würde, damit hatte Shopmanagerin Merilyn Kelch von Orsay im Allee-Center zunächst nicht gerechnet. „Wir dachten, dass das Center als Gesamtfläche zählt“, erzählt sie, und damit geschlossen bleiben müsse. Im Gebäude wird versucht, die Besucher in einer Art Einbahnstraßensystem zu lenken – auf einer Seite der Mall in Ost-West-Richtung, auf der anderen Seite in West-Ost-Richtung. Große Schlangen bildeten sich am Nachmittag noch nicht vor den Geschäften. Und wenn, dann seien die Kunden sehr verständig gewesen, berichtet Merilyn Kelch.

Auf alles gut vorbereitet

Wenn acht Personen im Laden sind, stellt sie ein Schild vor den Eingang. „Und das funktioniert gut“, erzählt sie. Wer in den Laden kommt, kann sich die Hände desinfizieren. Und auf entsprechende Abstände werde ebenfalls geachtet. Die Kaufkraft sei gut. Vor allem die eigentliche Zielgruppe der 18- bis 35-Jährigen komme gezielt zum Kaufen. Die älteren Kunden kämen auch zum Erzählen, würden aber trotzdem kaufen, sagt sie.

Auch Mario Glockmann kam gestern ins Allee-Center, weil er gezielt auf der Suche war. Er wohnt im Umland von Magdeburg, war ohnehin in der Stadt, und brauchte eine Beratung zu Schuhen.

Seine Freundin Julia wollte sich Inline-Skates kaufen und sich dafür ebenfalls beraten lassen. Die Zeit der Schließung hätten die beiden gut überstanden. „Man beschäftigt sich mal wieder mit anderen Dingen“, sagt Glockmann. Seine Freundin erzählt, dass sie das, was sie benötigte, über das Internet bestellt habe, aber einmal auch nachts geträumt habe, dass sie einkaufen gegangen sei.

Viel zu tun für Uhrmacher

Bei Uhrmacher Martin Haller herrschte am Montag ein Kommen und Gehen, so dass kaum Zeit für ein Interview blieb. Durch den Werkstattbetrieb habe er bereits Erfahrung mit der Einzelbedienung gesammelt. Die werde nun fortgeführt, sagt er knapp, und dann will er auch schon wieder seinem Tagewerk nachgehen.

Ganz anders sieht es vor dem Geschäft von Ines Beck aus. Mit „Ottos Spezialitäten“ hat sie ihren Laden im großen Innenhof des Hundertwasserhauses. Mit der Lichterwelt und zur Weihnachtszeit habe sie ein erfolgreiches Geschäft gehabt. Traditionell kommen in den ersten drei Monaten eines Jahres weniger Touristen ins Hundertwasserhaus. Mit dem Weihnachtsgeschäft wäre es in diesem Jahr möglich gewesen, die geringeren Umsätze am Jahresanfang gut auszugleichen. Doch durch die komplette Schließung würden die Einkünfte aus der Weihnachtszeit nun gegen null gehen. Und gestern herrscht vor dem Ladengeschäft Leere. Die Leute seien verängstigt, würden von weitem in den Laden lugen und dreimal überlegen, ob sie hineingehen würden.

Auf Abstandsmarkierungen habe sie bewusst verzichtet. „Wir können doch miteinander reden“, sagt sie. Und wenn sich jemand bedrängt fühle, könne er ja auch freundlich darauf hinweisen, wobei freundlich hier das Schlüsselwort sei. Statt sich gegenseitig zu belehren und anzumotzen, sollten die Menschen freundlich miteinander umgehen, wünscht sich Ines Beck. Ihr Gefühl ist, dass mit der Corona-Krise ein Stück Verkaufskultur verloren gehe. Und die habe mit Beratung und auch mal einem persönlichen Gespräch zu tun. Wie es in den nächsten Wochen weitergehe, werde sich zeigen. Aber derzeit finden keine Hochzeiten, Silberhochzeiten, runde Geburtstage, Verabschiedungen von Firmenchefs und andere Zusammenkünfte in größerem Rahmen statt. Also würden die Leute auch keine Geschenke kaufen – für Geschenke zu ebenjenen Anlässen sei ihr Laden aber prädestiniert. Sie wolle sich das positive Lebensgefühl aber dennoch nicht verderben lassen und trotz Beschränkungen versuchen, ihr Leben so gut wie möglich zu leben.

Wucherpreise für Masken ärgerlich

Auf dem Breiten Weg ist auch Frank Krakow unterwegs. Er arbeitet seit fast 30 Jahren als Barchef im Herrenkrughotel. Sein Gefühl der Geschäftsöffnungen: „Es kommt wieder Leben in die Innenstadt.“ Er selbst ist mit Maske und Handschuhen unterwegs. Die Masken habe er bereits im Februar bestellt: 50 Stück für fünf Euro. Inzwischen würden in einer großen Drogerie am Breiten Weg 50 Stück für 69 Euro verkauft. Das sei Wucher, der erschwerend zu den ohnehin schon vorhandenen Beschränkungen hinzukomme, sagt er verärgert. Krakow freut sich für die Händler, dass diese nun wieder öffnen können. Er selbst werde wohl noch einige Zeit warten müssen, bis er wieder arbeiten könne.

Auch Karin Grötenherdt ist am Montag als Kundin in der Innenstadt unterwegs: „Ich brauche unbedingt neue Schuhe“, erzählt sie. Auch sie freute sich, dass die Geschäfte wieder geöffnet haben und etwas Abwechslung in den Alltag komme.