Oebisfelde/Breitenrode l Als die Berliner Mauer fiel, lebte Uwe Kasprowiak in West-Berlin, arbeitete als Bäcker. Er gehörte nicht zu den sogenannten Mauerspechten, sondern besann sich darauf, dass er wieder frühmorgens mit seinem Handwerk beginnen musste. Der im Jahr 2001 nach Oebisfelde gezogene Hauptstädter findet fast nur Gutes an der Wende. Allerdings müsste nach seiner Meinung der Tag der Deutschen Einheit am 9. November jeden Jahres gefeiert werden.

Diese Auffassung vertritt auch Hans-Günther Lochau. Der Oebisfelder Rentner war 1989 Eisenbahner in Oebisfelde. Er vermisst heute die Pünktlichkeit der Bahn, erinnert sich mit Schrecken, dass er nach der Wende als Zugbegleiter gleich drei Mal überfallen wurde. Regina Temme arbeitete 1989 in Wilsdruff bei Dresden. Die gebürtige Oebisfelderin war von der Stasi, so ihre Angabe, aus ihrer Heimatstadt verbannt worden. Erst im Jahre 2000 kehrte sie zurück. Die Wiedervereinigung empfindet sie als Segen. Für die unterschiedlichen Renten in Ost und West hat sie aber kein Verständnis.

Der Vorsitzende des Heimatvereins in der Allerstadt, Ulrich Pettke, meint zum Thema Wiedervereinigung, "dass es selbstverständlich nicht alles Gold ist, was glänzt. Doch versuchen, die Uhr zurückzudrehen, wäre verkehrt." Die Magdeburgerin Christa Ploke ist häufiger bei der Verwandtschaft in Büstedt zu Besuch. Nachdem die Mauer gefallen war, erlebte sie hautnah mit, wie die DDR-Wirtschaft "platt gemacht wurde", Tausende von Menschen über Nacht ohne Arbeit ihrem Schicksal überlassen wurden. Dass die Wiedervereinigung stattgefunden hat, war sehr gut. Nur der Preis, den viele DDR-Bürger dafür zahlen mussten, war ein Unding, das so nicht hätte sein müssen, meint die Magdeburgerin.

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Marie Bruhn ist 15 Jahre jung, Janne Dörschlag ein Jahr älter. Die beiden Braunschweiger Teenager halfen am Mittwoch beim Service in der Breitenroder Heimatstube aus. Sie kennen die Wiedervereinigung nur aus dem Schulunterricht. Unter die Haut geht ihnen dieses Ereignis nicht. Auch sind ihnen die Ausdrücke "Ossi" und "Wessi" fremd. Damit können sie nichts anfangen. "Wir leben im Hier und Jetzt. Und Breitenrode ist ein cooles Dorf", so die gemeinsame Auffassung.

"Meine Frau und ich kehrten nach der Wende zurück nach Breitenrode. Es war zuerst nicht leicht, doch heute sind wir im Dorf angekommen, wieder zu Hause", blickt der Gründer der Heimatstube, Günter Bruhn, auf die Zeit nach der Wende zurück.

Trotz des regnerischen Wetters traf sich eine große Schar von Besuchern in der Breitenroder Heimatstube und auf dem Innenhof der musealen Einrichtung. Die Heimatstube gilt mittlerweile nicht nur "im Dorf" am Tag der Deutschen Einheit als Geheimtipp für gesellige Stunden. Dafür gibt es drei Gründe: Die exzellente und üppige Kaffeetafel, das Platzkonzert von und mit der Breitenroder Blaskapelle und die "Erinnerungen an damals", die als Fotos, Urkunden, Dokumentationen aus Tagen, als Breitenrode Sperrzone war, und auch durch einst genutzte Alltagsartikel und Gerätschaften, die dort ausgestellt sind. Wer dann noch mit der älteren Dorfbevölkerung ins Gespräch kommt, der kann erleben, wie diese stillen Zeitzeugen im Gespräch wieder mit Leben erfüllt werden.

Über zahlreiche Besucher konnten sich auch die Gästebetreuer im Heimatmuseum Oebisfelde an diesem besonderen deutschen Feiertag freuen. Aus der nahen Region, aber auch aus Wolfsburg und Hannover waren Menschen für einen Rundgang durch die Ausstellungen gekommen, die die Oebisfelder wie DDR-Geschichte thematisch dokumentieren.