Oebisfelde l Gesicherte Zahlen gehen  von 55 Millionen Toten binnen zwölf Jahren aus. Doch das Leid von Millionen Überlebenden ging weiter. Die Volksstimme berichtet über solche Flüchtlinge, die heute in Oebisfelde leben. Vor dem Hintergrund, dass durch diesen Vernichtungskrieg allein Russland 14 Millionen Zivilisten und 13 Millionen Soldaten zu beklagen hatte, Polen 5,7 Millionen zivile Opfer und 300.000 Soldaten und Deutschland über 1,2 Millionen Zivilisten und knapp 5,2 Millionen Soldaten verloren hatten, sind Wolfgang Pettke und Monika Schöne besagte Einzelschicksale. Doch die beiden heute in Oebisfelde beheimateten Kriegsflüchtlinge stehen beispielhaft für viele andere Überlebende dieses Krieges und für den Überlebenskampf in bitterer Not in den unmittelbaren Jahren danach.

Wolfgang Pettke war zehn Jahre alt, als er mit Mutter, seinem sechs Jahre alten Bruder und der dreijährigen Schwester in der Heimatstadt Danzig nach einem Bombenangriff verschüttet wurde – die Schwester musste tödlich verletzt zurückgelassen werden. Auf einem Militär-Lastwagen mitgenommen, erlebte der junge Pettke seine Heimatstadt als brennende Ruinenlandschaft, gepflastert mit Toten. In einem Dorf angekommen, schnappte die Familie sich gemeinsam mit zwei Soldaten ein Boot, um irgendwie über die Ostsee dem Inferno zu entfliehen, zumal die russischen Truppen vor der Freien und Hansestadt Danzig standen. Sein Vater war noch in den letzten Kriegstagen zum Militär eingezogen worden. Wolfgang Pettke hat ihn nie wiedergesehen. Über den Suchdienst erfuhr er, dass sein Vater im Jahre 1948 in Gefangenschaft in Königsberg gestorben war.

„Es mag Fügung oder der pure Zufall gewesen sein, aber wir trafen bei unserer Flucht über die Ostsee auf das Sanitätsschiff „Pretoria“, das uns die Flucht nach Kopenhagen ermöglichte“, erinnert sich Pettke, als sei alles gestern geschehen. Dort wurden die Pettkes in einer Schule untergebracht. Es gab viel zu fettes Fleisch zum Essen, Typhus breitete sich unter den Flüchtlingen aus, sein Bruder erkrankte so schwer, dass er dank eines weißrussischen Arztes zwar überlebte, aber das Gehen wieder komplett erlernen musste.

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„Die Kapitulation der Wehrmacht verlief in Kopenhagen friedlich. Wir wurden in Barackenlagern zu 18 Personen untergebracht, das waren die blauen Baracken. In den Braunen mussten sich 60 bis 80 Personen den Platz teilen. Was übel war“, so Pettke, „war das knappe Toilettenpapier. Zeitungen waren begehrt für den Toilettengang, aber auch deutsche Geldscheine wurden benutzt, gewaschen und wieder genutzt.“

Ausweisung

Erst im Jahre 1948 wurden die Pettkes mit anderen Deutschen aus Dänemark ausgewiesen, per Fähre nach Warnemünde geschickt. Von dort führte der Weg in die neue, aber unbekannte Zukunft nach Magdeburg, wo sie erst einmal mit chemischem Pulverdampf entlaust wurden. Schon wenig später hieß das neue Ziel Oebisfelde. Dort kam die Familie in einem Schlachtraum bei einem Bauern unter. Wolfgang Pettke begann eine Schlosserlehre, verdiente sich ein paar Groschen durch Melken von Kühen, einer Ziege und einer Stute beim Bauern dazu. Im Jahre 1956 heiratete Wolfgang Pettke seine Hannelore – eine unzertrennliche Einheit bis zum heutigen Tage.

Auch Monika Schöne war, wie sie selbst sagte, noch eine Göre. Ganze fünf Jahre alt, wuchs sie bis zur Flucht vor der vorrückenden russischen Front in einer Großfamilie mit Geschwistern in Königsberg auf. Die Flucht aus der Heimatstadt war lebensgefährlich, weil der Gauleiter für Ostpreußen den Befehl ausgegeben hatte, dass eine Flucht für die deutsche Bevölkerung verboten war – es drohte die sofortige Hinrichtung, erinnert sich Schöne an die Ängste in der Familie.

Doch die Bevölkerung erkannte, dass der militärische Einmarsch der russischen Kriegsmacht unmittelbar bevorstand. Es gab einfach kein Halten mehr, eine Massenflucht setzte ein. Mit der Mutter an der Hand, den Geschwistern, Großeltern und Tanten brach auch Monika Schöne auf. Im Gepäck nicht viel mehr als das, was gegen Wind und Wetter provisorisch schützte. „Das kann sich heute kaum jemand vorstellen, aber es herrschte eine Eisestemperatur von minus 20 Grad Celsius. Noch ex­tremer empfanden wir dann diese Temperaturen, als wir mit einem Transportschiff vom Hafen Pillau ablegten und die offene Ostsee erreichten“, berichtet Schöne. „Trotz Seeminen und feindlichen U-Booten erreichten wir unbeschadet Kopenhagen, wurden in eine Sammelunterkunft untergebracht. Mit dem 8. Mai 45 verwandelte sich diese Unterkunft in ein Internierungslager. Eine ungewisse Zeit mit großer Not begann und endete erst 1947, als wir aus dem Lager nach Deutschland transportiert wurden“, erinnert sich Monika Schöne. In Magdeburg endete auch für sie die Abschiebung, die Flucht endete dann eine ganze Zeit später in Oebisfelde. Monika Schöne wuchs bei ihren Großeltern behütet auf.

Die Redaktion bedankt sich ausdrücklich bei den Zeitzeugen für ihre persönlichen Berichte.