Oebisfelde l Über die letzten Monate vor dem Mauerfall in der Allerstadt, denn auch dort gab es eine Mauer als Grenze, und die ersten Wochen nach der Grenz-öffnung berichtet der heute noch in Oebisfelde öffentlich wertgeschätzte Bürger. Der Mauerfall von vor 30 Jahren in Berlin und die Grenzöffnung in Oebisfelde sind eigentlich zwei völlig voneinander getrennt anzusehende deutsch-deutsche Ereignisse. Das ist die Auffassung von Steffen Wetterling. Der letzte eingesetzte Bürgermeister von Oebisfelde in der DDR sieht den Berliner Mauerfall und die Grenzöffnungen an wenigen Stellen der knapp über 1300 Kilometer langen Demarkationslinie als Kanalisierung der Menschenströme an.

In den Westen nur über Umwege

Für die Oebisfelder Einwohner ging es darum, nicht von der überwältigenden Wucht der Wende überrollt und abgehängt zu werden. Es war nämlich wenige Tage nach der Bekanntmachung durch das damalige SED-Politbüro-Mitglied Günter Schabowski angeordnet worden, dass der Weg in den Westen nur über Zicherie/Brome und Marienborn/Helmstedt führt. Das löste blanke Wut gegen die Kreisleitung in Klötze und bestimmte Personen aus diesem Leitungskader aus, erinnert sich Wetterling an unliebsame Szenen. Er selbst blieb von solchen Anfeindungen vor und nach der Wende verschont, wie er sagt. „Ich war und bin Pragmatiker. War überzeugt davon, dass der Sozialismus der richtige Weg für Menschlichkeit, Fortschritt und Wohlstand ist, war fassungslos darüber, dass ,meine‘ Regierung sich seit Sommer 1989 mit Beginn der Unruhen und ersten öffentlichen Demonstrationen so passiv verhielt“, erläutert Wetterling seine Sicht zu jener Zeit.

Heute, nach 30 Jahren, fällt ihm in Sachen Wiedervereinigung immer wieder der eine Satz ein, der im Verlauf einer der letzten Sitzungen der Kreisleitung fiel: „Wenn es uns nicht gelingt, die Arbeitsproduktivität dem Westen anzupassen, bleibt die DDR eine Episode der Geschichte“. „Das war wohl der Schlüssel für den Untergang der DDR, nachdem die UdSSR das Treuebündnis mit der DDR aufgelöst hatte“, meint Wetterling.

Der Ruf nach der Reisefreiheit kann als ein Grund für die friedliche Revolution durch die Bevölkerung angesehen werden, der andere ist nach meiner Meinung tatsächlich das Produktivitätsdefizit. Nicht die Menschen, das System hat versagt“, schätzt der damalige Bürgermeister ein.

Unfriede ab dem Sommer

Seit dem Sommer 1989 wurde der bürgerliche Unfriede immer spürbarer, doch das Alltagsleben blieb normal, wie es Wetterling empfand. „An jenem Donnerstag, dem 9. November 1989, tagte die Stadtverordnetenversammlung, als eine Einwohnerin in die Sitzung hineinplatzte und uns zurief, dass die Grenzen auf sind. Wir brachten unsere Sitzung zu Ende. Dann ging es nach Hause, direkt vor die Fernseher“, so seine Erinnerung. Es folgte eine schwierige Zeit für Wetterling, allein schon, weil das ganz normale Alltagsleben in Gang gehalten werden musste. Weil in Sachen Grenzübergänge außerhalb von runden Tischen und Sonntagsgesprächen unbedingt etwas passieren musste, telefonierte und besuchte er zentrale Stellen von Magdeburg bis Kalbe – mit erhofftem Erfolg. Gemeinsam mit dem damaligen Volkskammermitglied und Leiter des Straßenbaus, Eberhard Kunert, wurden Gespräche mit der damaligen Velpker Gemeindebürgermeisterin Edith Schünemann für einen grenzüberschreitenden Wegebau begonnen – alles klappte.

Der mittlerweile verstorbene Bruno Jerchel war es dann, der wenige Tage vor der Eröffnung des Grenzübergangs Oebisfelde–Velpke am 26. November 1989 um 6 Uhr die Elemente der Oebisfelder Grenzmauer mit einem Bagger in die Vergangenheit beförderte.