Oebisfelde l Vorweg muss gesagt werden, dass dieser Artikel die Problemstellungen und Anforderungen für Medienkompetenz im Grundschulalter nicht umfassend beleuchten kann. Vielmehr gibt der Artikel eine Zusammenfassung der Recherche wieder – will damit Denkanstöße im Umgang mit Medien geben.

Einer der in der jüngsten Zeit mit seinem Buch „Digitale Demenz: Wie wir uns und unsere Kinder um den Verstand bringen“ ist der Psychiater, Hochschullehrer und Buchautor Professor Manfred Spitzer. Der in seinen Thesen und Zeilen nicht unumstrittene Kenner ist seit 1998 ärztlicher Direktor der Psychiatrischen Universitätsklinik in Ulm, hat im Jahre 2004 dort das Transferzentrums für Neurowissenschaften und Lernen (ZNL) eröffnet und beschäftigt sich dabei schwerpunktmäßig mit Neurodidaktik, also mit praxisorientierten Ansätzen, die für sich in Anspruch nehmen, didaktische bzw. pädagogische Konzepte unter Berücksichtigung der Neurowissenschaften und insbesondere der neueren Hirnforschung zu entwickeln.

In seinem Buch und in einem Deutschlandfunk-Interview behauptet Spitzer, dass Nutzer von digitalen Medien, umso mehr wenn sie jüngeren Alters sind, sich Aufmerksamkeitsstörungen antrainieren. Einhergehend damit folgen schlechtere geistige Leistungen, würden Versuche Aufgaben zu lösen, schneller aufgegeben werden und die Frustrationsschwelle bewege sich auf einem unteren Level. Spitzer geht davon aus, dass Navigationsgeräte, Multimediaspiele und Facebook den Nutzer dumm machen würden. In der Summe der Nutzung moderner Medien würden Nutzer die Kontrolle verlieren. Da das Gehirn aufgrund von digitalen Automatismen nicht ausreichend genutzt werde, verkümmere dieser Großrechner. Auf das jüngere Alter übertragen, so Spitzers Behauptung, tun sich solche Kinder im Kopfrechnen schwerer, die von klein auf an einen Taschenrechner nutzen konnten.

Bilder

Spitzer stellt für sich fest, dass der Gehirnspeicher nicht wie eine Festplatte funktioniere, auf der der Speicherplatz knapp sei. Das Gehirn fordert Leistung, nur so kann es seine Komplexität behalten.

In seinem Interview räumt Spitzer dann aber doch ein, dass moderne Medien nicht zu verteufeln sind. Ihm gehe es darum, die digitalen Medien nicht als das Nonplusultra anzusehen. Der richtige Umgang und die richtig angewandten Strukturen bringen letztendlich den Nutzen für Körper und Wissen.

Von der Wissenschaft zur Schulbank

„Wenn wir Lehrkräfte den Kindern im Computerraum freien Lauf lassen würden, dann brauche ich nicht lange zu überlegen, welche Programme auf den Bildschirmen erscheinen würden“, weiß der Beauftragte für digitale Medien an der Oebisfelder Grundschule an der Aller, Steffen Kopischke. „Das liegt aber in der Natur der Sache, dass die Mädchen und Jungen im Grundschulalter die Spiele ihrer älteren Geschwister oder die von Freunden ausprobieren möchten. Das nächste Level zu erreichen, dass ist eben angesagt“, berichtet Kopischke.

Und diese Begeisterung für Neues nutzen der Medienbeauftragte und seine Mitstreiterinnen ganz gezielt. Wer seine Lernziele und vorgegebenen Arbeiten am PC im Computerraum vorbildlich erreicht hat, der kann als „Bienchen“ ein altersgerechtes PC-Spiel beginnen. „Nun ist es ja nicht so, dass in unseren Medienstunden nur trockener Lernstoff vermittelt wird. Die Kinder erlernen die Bausteine von Computern, damit sie dann verstehen, wie dieses Arbeitsgerät das Lernen erleichtern kann“, erläutert Kopischke. Wie er beschreibt, wird den Grundschülern dabei aber nicht das Denken abgenommen. „Nur die Funktionen nutzen, ohne im Kopf vorweg den Rechner ,auszunutzen’, das gibt es bei uns nicht“, lässt Kopischke keinen Zweifel daran, dass auch im Computerraum „stets Köpfchen gefragt ist“.

Sehr wohl müssen die Grundschüler ihr geistiges Potenzial erheblich in Anspruch nehmen, um sich Wissen für mehr Medienkompetenz anzueignen, wie Kopischke berichtet: Die Grundschule an der Aller verfügt über Lernsoftware vom Schulbuchverlag und vom Duden-Verlag mit denen Unterrichtsstoff für Deutsch und Mathematik vermittelt wird – nicht ausschließlich digital, aber in einem angemessenen Rahmen. Die Anwenderprogramme sind so aufgebaut, dass ein Ergebnis erst als korrekt zum Anwender übermittelt wird, wenn der dank seines geistigen Fähigkeiten die korrekten Wörter, Buchstaben oder Zahlen in die Aufgabenstellung eingefügt hat. „Die Kinder können mithilfe der digitalen Medien nicht zu Ergebnissen gelangen, ohne dass sie zuvor nicht ihr Erlerntes abgerufen haben“, weiß Kopischke. Im gleichen Zuge lernen die Mädchen und Jungen direkt bei der Anwendung auch den Umgang mit dem Rechner und dem dazugehörigen Equipment.

Dieser Umgang mit modernen Medien entspricht also im Falle der Grundschule an der Aller nicht den negativen Spitzer-Behauptungen über „verdummende digitale Medien“. Es nährt vielmehr die Auffassung des Autors, dass altersgerechtes Lernen mit digitalen Medien, die Lust auf Wissen nährt, das Gehirn der Kinder entsprechend fordert.

Es bleibt jedoch ein lokaler Haken: Die Mädchen und Jungen der Grundschule an der Aller müssen mit Computern arbeiten, deren Prozessoren kaum noch das aktuelle Leistungsspektrum abdecken, was moderne Software erfordert. Zudem mangelt es an Druckern. Sowieso fehlt es an Online-Geschwindigkeit aufgrund mangelnder Transfergeschwindigkeiten. Wünschenswert wären an der Schule zudem mehr als zwei digitale Tafeln in Klassenzimmern. Da könnte in 2019 Abhilfe in Sicht sein, wenn der politische Wille und die Finanzlage stimmig werden.