Beruf und Kind

Regenbogenland in Oebisfelde: Einst wie heute ein klasse Team

Von Jens Pickert

Oebisfelde. Die ab Mai 1926 produzierende Konservenfabrik Oebisfelde an der Salzwedeler Straße, von den alteingesessenen Allerstädtern zu DDR-Zeit und danach auch Ogema genannt, gehörte einst mit zu den größten Arbeitgebern der Stadt. Vor allem Frauen standen dort in Lohn und Brot. Prägnant für die Fabrik war der 72 Meter hohe und nach der Wende gesprengte Schornstein des Heizhauses. Aber auch ein Kindergarten hatte auf dem Fabrikareal sein Domizil.

Die Betreuung der noch nicht schulpflichtigen Kinder gehörte mit zu den Hauptthemen in der DDR. Grund: Im Gegensatz zur BRD übten sehr viele Frauen in der DDR einen Beruf aus. Um diesem nachgehen zu können, rückte die Kinderbetreuung für Staat und Partei mit an vorderste Front. So auch in der Konservenfabrik Oebisfelde, in der, wie erwähnt, überwiegend Frauen beschäftigt waren.

Kinderbetreuung in einer schlichten Holzbaracke

Aus diesem Grund wurde im Jahre 1957 auf dem Fabrikgelände ein Betriebskindergarten - auch Hortkinder wurden dort über einige Jahre betreut - eröffnet. Die erste Leiterin des nunmehr zweiten Kindergartens in Oebisfelde, es war eine einfache, grün angestrichene Holzbaracke, war Inge Inglick.

Betreut wurde der Nachwuchs außerdem in einer Villa an der damaligen Karl-Liebknecht-Straße (jetzt Gardelegener Straße). Diese Einrichtung erhielt in den 1970er Jahren den Namen „Fritz Weineck – der kleine Trompeter“ und wurde schließlich einige Jahre nach der Wende in „Villa Kunterbunt“ umbenannt.

Die Baracke auf dem Ogema-Gelände blieb bis zu ihrem Abriss hingegen ohne offiziellen Namen. „Wir firmierten ab Mitte der 1960er Jahren als städtischer Kindergarten II. Denn die Kommune hatte die Trägerschaft der Baracke von der Konservenfabrik übernommen“, erinnerte sich Monika Schöne.

Zu diesem Zeitpunkt war Monika Schöne, die mittlerweile 80 Jahre alt ist, bereits Leiterin des Kindergartens im Norden der Stadt. Vor ihr standen neben Inge Inglick auch noch Gisela Wurm sowie Erzieherin Lehmann an der Spitze des Kollegiums.

Sanitäre Einrichtung war eine Herausforderung

Alle hatten indes mit schwierigen Verhältnissen zu kämpfen. Vor allem wenn die kalten Monate vor der Tür standen. „Die Baracke war aus Holz und nicht isoliert. Wurde es richtig knackig, mussten wir in den beheizten Speisesaal der Fabrik umziehen. Auch die hygienischen Bedingungen waren schlecht. Große oder kleine Geschäfte mussten auf Töpfen oder Eimern verrichtet werden. Heute wäre das unvorstellbar. Doch wir wurden von der Ogema ansonsten bestens betreut“, erinnert sich Schöne.

„Freitags war bei uns immer Duschtag. Wir konnten die Duschen der Ogema nutzen. Für unsere Kinder war das natürlich ein Erlebnis. Denn wer hatte zu dieser Zeit schon eine Dusche im Haus oder in der Wohnung“, sagte Monika Schöne und fügte hinzu: „Es war sicherlich nicht einfach, doch es war auch schön. Obwohl die Baracke auf Betriebsgelände stand, war sie von Bäumen umgeben und auch eine große Spielwiese war vorhanden. Ich denke, unsere Schützlinge haben sich dort wohlgefühlt.“

Im Jahre 1971 kam jedoch das Ende. Vor allem mit Blick auf die hygienischen Verhältnisse wurde eine neue Unterkunft für den Kindergarten II gesucht. Fündig wurde die Kommune in der Stendaler Straße. Dort stand ein zu diesem Zeitpunkt ziemlich verwahrlostes Wohnhaus in der Nähe der Grenzkompanie. Alt-Besitzer war eine Familie, die in Niedersachsen wohnte.

„Das Haus musste aufwendig hergerichtet werden. Dazu wurde ein sogenannter NAW (Nationales-Aufbauwerk)-Einsatz gestartet. An diesem Einsatz haben sich viele Betriebe der Stadt, die Grenztruppen und vor allem unsere Eltern beteiligt. Am 11.?August 1971 konnten wir unseren neuen Kindergarten einweihen. Unsere gute alte Baracke hatte ausgedient“, blickte Monika Schöne zurück.

Sechs Jahre später, am 8. März 1977, dem Internationalen Frauentag, erhielt das Haus an der Stendaler Straße, wie auch kurz zuvor der Kindergarten I, den Namen „Clara Zetkin“. Sie war eine Friedensaktivistin und Frauenrechtlerin und bis 1917 aktiv in der SPD. 1917 schloss sie sich der SPD-Abspaltung USPD an. Dort gehörte sie zum linken Flügel beziehungsweise zur Spartakusgruppe, die während der Novemberrevolution 1918 in Spartakusbund umbenannt wurde. Dieser wiederum ging zusammen mit anderen linksrevolutionären Gruppierungen in der zum Jahreswechsel 1918/1919 neu gegründeten Kommunistischen Partei Deutschlands (KPD) auf. Als einflussreiches Mitglied der KPD war Zetkin von 1920 bis 1933 Reichstagsabgeordnete und 1932 Alterspräsidentin des Parlaments. In der Arbeit für die Internationale gilt sie als prägende Initiatorin des Internationalen Frauentags. Clara Zetkin verstarb am 20. Juni 1933 im Alter von 76 Jahren in der Nähe von Moskau.

„Clara Zetkin war eine engagierte und verdiente Frau, doch als Name für unseren Kindergarten irgendwie ungeeignet. Es war unseren Schützlingen in diesem Alter nicht zu vermitteln, wofür sich diese Frau eingesetzt hatte. Wir hatten andere Vorstellungen. Beispielsweise Bummi. Der Name einer damals sehr bekannten Bärenfigur aus einer Kinderzeitschrift. Doch der Name wurde abgelehnt. Es musste eine sozialistische Persönlichkeit sein“, so Monika Schöne.

Regenbogenland in 2006 am Kindertag geboren

Fast 30 Jahre später, am 1. Juni 2006, dem Internationalen Kindertag, war der Name Clara Zetkin dann Geschichte. Das Haus an der Stendaler Straße wurde in „Regenbogenland“ umbenannt. Monika Schöne war zu diesem Zeitpunkt schon nicht mehr im Amt. Sie hatte sich am 1.?Oktober 1997 in den Ruhestand verabschiedet und den Staffelstab an ihre Kollegin Petra Adamietz weitergereicht.

Zurückblicken können Monika Schöne und ihre ebenfalls im Ruhestand befindlichen Mitstreiterinnen auf ein erfülltes Arbeitsleben. „Unser Ziel war es, unsere Mädchen und Jungen in Zusammenarbeit mit den Eltern auf das Leben ordentlich vorzubereiten. Ich denke, das haben wir, wenn ich zurückblicke, auch gut gepackt“, fasst die in Ostpreußen geborene Monika Schöne zusammen.

Mitten im Arbeitsleben steht noch ihre Nachfolgerin Petra Adamietz. Sie ist nun auch schon seit fast 24 Jahren die Leiterin und plant mit ihren Kolleginnen, Schützlingen und Eltern im September eine Festwoche. „Vor 50 Jahren war an der Stendaler Straße die Einweihung. Das wollen wir natürlich feiern. Nach den diversen Lockdowns wegen Corona hoffen wir, dass diese Fest dann in gemeinsam großer Runde veranstaltet werden kann“, bleibt Petra Adamietz zuversichtlich.