Oebisfelde l Insgesamt 200 Besucher wollten bei den auch durch in Szene gesetzte Schauspiele abendlichen Streifzügen durch die Altstadt von Oebisfelde mit dabei sein. Diese aufwendig dargebotenen Nachtwächterführungen sind im weiten Umkreis unerreicht, selbst größere Städte als Oebisfelde können diese Art und Weise der Berichterstattung über die Historie einer Stadt nicht vorweisen. „Damit bleiben die Nachtwächterführungen des Heimatvereins Oebisfelde die Sympathiebotschafter für die Allerstadt“, heißt es von Bürgermeister Hans-Werner Kraul.

Und die anerkennenden Worte waren auch von Gästen aus Wolfsburg, Braunschweig und aus Orten der Altmark und der Börde zu hören, die Freitag wie Sonnabend abends mit Nachtwächter Ulrich Pettke durch die Straßen und Gassen der Altstadt unterwegs waren. Diese 120 Minuten in sommerlicher Abendstimmung waren mit Szenen angereichert, wie sie sich im Mittelalter sicherlich abgespielt haben. Doch im 21. Jahrhundert spielten Akteure vom Heimatverein, vom Kulturverein Castrum und mit Unterstützung des All´Cantara-Chores diese Einlagen mit viel Humor und noch mehr emotionaler Energie.

Zu Beginn erklangen das Lied eines Minnesängers sowie die Harfen- und Flötenklänge einer Hausmusik am Gesindehaus auf dem großen Burghof. Wenig später vernahmen die Gäste das Wehgeschrei eines Gefolterten hinter einer dicken Turmpforte. Nachtwächter „Ulli“ vertrieb dann eine Tagelöhnerin samt ihren Kindern, die den Schatz der Stadt aus einem Brunnen rauben wollten. In der Achterstraße stieß die Gesellschaft unverhofft auf den Bettler „Heinrich“, ein finster dreinschauender, jedoch friedlicher Bettler mit einem Holzbein. Den Unterschied zwischen der „heißen Rinne“ und der „kalten Rinne“ wurde der Gruppe im Sträßchen, das heute die Lange Straße mit der Achterstraße verbindet, erläutert. Die Zuhörer waren froh, dass es heutzutage Toiletten und Kanalisation gibt.

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An der Katharinenkirche wandelten Mönche, die Choräle sangen. Aber auch „Spanner“, die in der Badstubenstraße durch Fenster holde Frauen beobachteten, ertappte der Nachtwächter, sehr zum Amüsement seines Gefolges. Was die nicht ahnen konnten: Aus einem Fenster über ihren Köpfen entleerte eine über den Lärm erboste Bürgerin (Ulrike Pok) ihren Nachttopf „auf das plärrende Straßenvolk“. Der Schreck saß, es handelte sich jedoch um eine kleine Menge klares Leitungswasser.

Und auch des Henkers Handwerk konnte auf der historischen Tour als Szene mitverfolgt werden. Am Rathaus in der Burgstraße waltete der seines Amtes. Dem Sünder kostete es nach Zahlen einiger Silberlinge nur die Hand, der Totengräber mit der Sargkarre zog wieder polternd von dannen.

Im gesamten Verlauf der historischen Stadtführung lieferte Ulrich Pettke als Nachtwächter zig Informationen über das Oebisfelde im Mittelalter, über den Magistrat, die Stadtrechte, altes Handwerk und über die Lebensumstände der ehrenwerten Bürger und jene Bewohnern, die von Fronarbeit, Bettelei oder Diebstahl ihr Überleben bestritten. Die Nachtwächterführungen endeten, wo sie begonnen hatten: auf dem großen Burghof. Dort kredenzten Marketenderinnen den Gästen deftige Kost als Suppe und Schmalzbrote sowie Gebrautes und Mineralwasser.