Hordorf l Schnurgerade führt die Landesstraße 101 nach Hordorf hinein und auch wieder hinaus. Dafür haben die Kurven im Ort einen Winkel von teilweise 90 Grad. Welche Folgen das haben kann, musste Torsten Müller bereits erleben. Schon zweimal kam ein Auto von der Fahrbahn ab und fuhr gegen sein Haus. Heikel: Direkt nebenan befindet sich der Kindergarten. Wie Torsten Müller erklärt, haben die beiden Unfallfahrer zumindest versucht, die Kurve noch zu bekommen. „Wenn jemand wirklich geradeaus fährt, landet er direkt in der Kita“, so der Hordorfer.

Risiko ist erhöht

Das Risiko dafür ist in seinen Augen deutlich höher als sonst. Denn seit Mitte März fahren spürbar mehr Fahrzeuge durch den Ort. Der Grund: Wegen Bauarbeiten ist die nahe gelegene L 24 gesperrt. Die Umleitung führt durch Hordorf und Krottorf. Sie soll bis Ende April 2021 erhalten bleiben. „Es muss nicht sein, dass jemand hinterher sagt: Hätten wir bloß etwas gemacht!“, betont Torsten Müller. Ortsbürgermeister Norbert Kurzel sieht das ähnlich. Mehrere Bürger hätten ihn bereits auf das Problem angesprochen. „Sie wissen nicht, was sie machen sollen“, so der Ortsbürgermeister.

Tatsächlich hat es bereits einen Unfall mit einem neunjährigen Mädchen gegeben. Es handelt sich um die Pflegetochter von Marion Syska. Anfang Juli sei diese auf der L 101 von einem Pkw angefahren worden. „Meine Pflegetochter hat das Auto nicht gesehen und die Fahrerin hat sie nicht gesehen“, erklärt Marion Syska. Das Kind habe eine Prellung, eine Gehirnerschütterung und Abschürfungen davon getragen. Mittlerweile sei es körperlich wieder wohlauf. Nur über die Ortsdurchfahrt traue sich das Mädchen nun nicht mehr ohne Begleitung. Wie Marion Syska informiert, wollte sie zusammen mit einer Bekannten sogar eine Unterschriftensammlung auf den Weg bringen. Allerdings seien die Herausforderungen in Sachen Datenschutz zu hoch gewesen.

Kinder in Gefahr

Dennoch: Durch den zusätzlichen Verkehr steige das Risiko, dass auch einem anderen Kind etwas passieren könne. Hinzu komme die Belastung durch den Lärm. „Für vier Wochen wäre das kein Problem. Aber über diese lange Dauer finde ich es belastend“, sagt Marion Syska. In Stoßzeiten seien es etwa 600 Fahrzeuge pro Stunde.

Ob diese Zahl korrekt ist, ist offen. Allerdings hat es laut einer Mitteilung des Landkreises tatsächlich eine Erhebung gegeben. Wie Jürgen Till als Leiter des Straßenverkehrsamtes mitteilt, sind 2015 binnen 24 Stunden 1034 Pkw und 189 Lkw durch Hordorf gefahren. Derzeit seien es 5549 Pkw und 322 Lkw pro Tag. Damit hat sich die Zahl der Pkw mehr als verfünffacht.

Verkehr war davor zu gering

Aber: „Diese Anzahl der Fahrzeuge ist für eine Landesstraße als durchschnittlicher Verkehr anzusehen“, informiert Jürgen Till. „Dass die Anwohner beider Ortschaften die Verkehrsbelegung als störend empfinden, ist der Tatsache geschuldet, dass die Verkehrsbelegung von zirka 1200 Fahrzeugen 24/h für eine Landesstraße sehr gering ist.“

Norbert Kurzel würde sich wünschen, dass in Hordorf für die Dauer der Umleitung Tempo 30 eingeführt wird - so, wie es in Krottorf bereits geschehen ist. Dazu führt Jürgen Till aus: „Die Ortsdurchfahrt wurde im Jahr 2009 komplett saniert, Fahrbahn und Gehwege wurden neu angelegt. In der gesamten Ortsdurchfahrt sind die Gehwege durch einen Grünstreifen von der Fahrbahn getrennt. Alle Maßnahmen, die im Rahmen der Straßenverkehrsordnung rechtlich möglich sind, wurden angeordnet und durchgeführt.“

Hordorf ist nicht Krottorf

In Krottorf gebe es einen Engpass, an dem zwei Lkw nicht aneinander vorbeifahren könnten. Außerdem sei der Zustand der Straße schlecht. Deshalb gebe es dort eine Ampel, ein Halteverbot und eine Geschwindigkeitsbegrenzung auf 30 Stundenkilometer. In Hordorf sehe die Situation anders aus.

„Aufgrund der Widmung dieser Straßen sind keine weiteren Handlungsmöglichkeiten gegeben“, führt Jürgen Till aus. „Eine Sperrung für den überregionalen Verkehr ist nicht möglich.“ Der letzte Satz zielt auf einen weiteren Wunsch Norbert Kurzels ab. Der Ortsbürgermeister hatte gefragt, ob es nicht möglich sei, zumindest den Lkw-Verkehr aus Hordorf herauszuhalten. In diesem Zusammenhang teilt Jürgen Till allerdings auch mit, dass „zur Minimierung des überregionalen und umleitungsbedingten Lkw-Vekehrs eine zusätzliche Umleitung für den Lkw-Verkehr in der Wegebeziehung Halberstadt-Oschersleben über die Bundesstraßen B 245 und B 246 eingerichtet“ wurde. „Die Straßen für einen bestimmten Verkehr zu sperren, ist aufgrund der baulichen Zustände, der vorhandenen Durchlässe und Ingenieurbauwerke nicht begründet“, so der Leiter des Straßenverkehrsamtes. Alles in allem sei „eine erhöhte Gefahrenlage durch die Fahrzeugbelegung nicht ersichtlich“, betont Till.

Polizei blitzt öfter

Nur in einem Punkt stimmt er mit Norbert Kurzel überein: Autos würden tatsächlich zu schnell nach Hordorf hineinfahren. „Das Polizeirevier Börde wurde informiert und es wurden mehrfach Geschwindigkeitsmessungen durchgeführt. Sie werden auch in Zukunft unregelmäßig stattfinden“, so Jürgen Till.

Beruhigt ist Norbert Kurzel dadurch keineswegs. Erst am vergangenen Sonnabendmorgen seien fünf Porsche durch den Ort „gebrettert“, ohne dass die Fahrer den Fuß vom Gas genommen hätten. „Hätte zu diesem Zeitpunkt jemand versucht, die Straße zu überqueren: Er hätte keine Chance gehabt“, so der Ortsbürgermeister.