Oschersleben l Für viele Händler wirkte der Beschluss am Sonntag durch Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und die Ministerpräsidenten der Länder wie ein harter Schlag ins Gesicht. Bereits ab diesem Mittwoch sollen alle Einzelhändler schließen, die nicht unbedingt lebensnotwendige Waren oder Dienstleistungen verkaufen. Vor allem in der jetzigen Vorweihnachtszeit, in der viele Einzelhändler einen Großteil ihres Jahresumsatzes machen, bangen viele Händler um ihre Existenz. Die Volksstimme hat sich bei den betroffenen Händlern in Oschersleben umgehört.

„Noch einen Lockdown verkraften wir definitiv nicht. Maximal acht Wochen können wir schließen, dann ist hier Schluss“, sagt Andrea Reinicke. Sie betreibt einen kleinen Blumenladen in der Hornhäuser Straße. Auch sie muss ab Mittwoch ihr Geschäft schließen. „Natürlich ist das nicht schön für uns, aber was sollen wir denn machen.“ Natürlich werde man versuchen, finanzielle Hilfen zu beantragen. Zumindest sei die Not im Bezug auf ausstehende Mieten noch nicht so groß, da der kleine Laden noch im Eigentum von Reinicke sei. Was ihr weniger passt, ist das Thema Kurzarbeit. „Leider muss ich das meiner Kollegin zumuten, anders würden wir nicht überleben.“ Die Kollegin nimmt das Thema schon fast ironisch. „Ist ja nicht das erste Mal dieses Jahr, dass ich mit meinem Kind zu Hause bin“, ergänzt sie und zuckt mit dem Schultern. Insgesamt hofft Reinicke auf ihre Stammkundschaft. „Nur weil wir schließen, sind wir nicht weg vom Fenster.“ Es bestehe durchaus die Möglichkeit, dass Kunden die Ware telefonisch bestellen könnten. „Ich liefere die Bestellungen dann bis zur Haustür. Mehr Service geht in der aktuellen Zeit leider nicht.“ Mit Blick auf Mittwoch macht sich Andrea Reinicke vor allem Sorgen um ihre Blumen. „Das ist verderbliche Ware. Wenn die bis Mittwoch niemand kauft, bleibe ich auf dem Schaden sitzen.“

Genau für solche verderblichen Waren fordern diverse Spitzenpolitiker angemessene Ausgleichszahlungen. Damit sollen die Verluste zumindest teilweise ausgeglichen werden. Schon beim Lockdown „Light“ im November und Dezember waren der deutschen Wirtschaft enorme Schäden entstanden. Das Institut der Deutschen Wirtschaft rechnete allein für diese Zeit mit Umsatzeinbußen von 16,9 Milliarden Euro im Bundesgebiet.

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Dass in Oschersleben nicht nur Läden wie Andrea Reinickes Blumenparadies ab Mittwoch schließen, merkte man am Montagvormittag mit einem Blick auf die Straßen in der Innenstadt. Vor den Friseursalons, wie zum Beispiel in der Halberstädter Straße, bildeten sich lange Schlangen. Was vermutlich daran liegt, dass, wie beim ersten Lockdown, neben Tattoo-Studios, Kosmetik-Studios und Massagepraxen auch Friseursalons geschlossen bleiben. Vor solchen „Anstürmen“ hatte am Sonntag auch Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) gewarnt. Die Leute sollten seiner Meinung nach nicht alles auf den letzten Drücker erledigen. Dazu zähle auch der schnelle Einkauf von Geschenken in der Vorweihnachtszeit.

„Von einem Ansturm in der Vorweihnachtszeit konnten wir schon in den letzten Jahren nicht sprechen“, erzählt Ortrun Akolk. Sie betreibt eine Buchhandlung in der Halberstädter Straße. Ob sie am Mittwoch schließen muss, wusste sie am Montagvormittag noch nicht. „Da wir auch Tageszeitungen im Sortiment haben, können wir noch nicht abschätzen, wie es weiter geht.“ Wenn man aber schließen müsse, dann komme man trotzdem über die Runden. „Wer in Betriebswirtschaftslehre aufgepasst hat, der hat sich schon in den letzten Jahren finanzielle Rücklagen zurechtgelegt.“ Erstaunlich sei jedoch gewesen, dass die Leute im November quasi das Geschäft überrannt hätten. Ob das mit dem Lockdown „Light“ zusammen gehangen habe, wisse sie nicht. „Vorstellbar ist es aber.“ Aktuell dürfen maximal vier Kunden gleichzeitig die Buchhandlung betreten. Ob es am Mittwoch weiter so bleibt oder ob die Ladentür zu bleibt, ist noch nicht gewiss. So wie Ortrun Akolk geht es einigen Händlern in der Region, auch hier ist es aufgrund eines Mischsortiments nicht immer klar, ob man nun schließen muss oder nicht. In solchen Fällen besteht die Möglichkeit einer Einzelfallprüfung.

Der aktuelle harte Lockdown soll auf Beschluss von Bund und Ländern mindestens bis 10. Januar 2021 bestehen bleiben. Ziel ist es, das Infektionsgeschehen auf 50 Personen pro 100 000 Einwohner zu reduzieren. Im Bezug auf den Einzelhandel gibt es noch einen weiteren Rückschlag neben dem Vorweihnachtsgeschäft, so ist auch der Verkauf von Pyrotechnik vor Silvester strikt verboten. Am Montagabend kam die Entwarnung für Ortrun Akolk. Laut Sachsen-Anhalts Wirtschaftsminister Armin Willingmann bleibe die geistige Nahrung gewährleistet. „Dementsprechend dürfen Buchhändler weiter öffnen.