Oschersleben l Keine tröstliche Umarmung, kein Trauergottesdienst in der Kirche, noch nicht einmal ein Händedruck und zudem auch noch Teilnehmerbeschränkung bei der Bestattung - Abschiednehmen ist derzeit noch schwieriger geworden. Auch am Ende des Lebens – ob durch oder unabhängig vom Coronavirus eingetreten – hat der Virus jetzt das Sagen auch auf dem Friedhof. Am schwersten fällt der Verzicht auf Umarmungen. „Physische Nähe ist ein zentraler Bestandteil im Trauerprozess für viele Angehörige bei Beisetzungen“, sagt Walter Klinzmann. Tod und Trauer ist derzeit eine sehr einsame Angelegenheit.

Auch die Arbeit der Bestatter wie Walter Klinzmann hat sich gewandelt. Der Oschersleber Bestattermeister ist dennoch überzeugt: „Ein würdevoller Abschied von einem geliebten Menschen ist immer noch möglich – trotz der Restriktionen zur Eindämmung der Corona-Pandemie.“

Wegen des Coronavirus werden Beerdigungen in Sachsen-Anhalt derzeit oft anders begangenen als üblich. In einigen Städten sind Trauerhallen und Kapellen bereits geschlossen. Nicht so in Oschersleben.

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Abstandsreglung gilt auch in Trauerhallen

Nach Auskunft von Stadtsprecher Mathias Schulte sind die Trauerhallen nicht offiziell geschlossen. „Damit wollen wir vermeiden, dass die Trauergäste auf andere, kleinere Räumlichkeiten ausweichen“, sagt Schulte. Die Nutzung sei jedoch von der Anzahl der Trauernden abhängig. In einigen Ortsteilen würde sich die Nutzung der Trauerhallen jedoch automatisch verbieten. „In den kleinen Kapellen kann die Abstandsregelung nicht eingehalten werden“, so der Rathaussprecher. Die Hinterbliebenen seien angehalten, an den Gräbern und vor den Kapellen einen größeren Abstand voneinander zu halten, um eine mögliche Verbreitung des Coronavirus zu vermeiden, sagt Schulte. Särge oder Urnen sollten für die Feierlichkeiten nach Möglichkeit lediglich vor den Trauerhallen im Freien oder direkt an der Begräbnisstätte aufgebahrt werden. An Beerdigungen kann wegen des Coronavirus in Oschersleben sowie seinen Ortsteilen nur der engste Familienkreis teilnehmen.

„Eine sinnvolle Maßnahme, denn auch bei Trauerfeiern kommen viele Menschen zusammen, die recht eng beieinander sitzen oder stehen“, sagt Bestatter Walter Klinzmann. Bislang hätten alle von ihm betreuten Trauernden sehr verständnisvoll auf diese „besondere Situation und die damit verbundenen Einschränkungen“ reagiert, berichtet Walter Klinzmann. „Zwar sind ein Blumenmeer und ein großer Abschied mit vielen Gästen zurzeit nicht denkbar, aber das ist nicht entscheidend“, sagt Klinzmann. Viel mehr komme es auf Trost für die Menschen an, die einen ihrer Lieben verloren haben. Bestattungen finden derzeit mit einer kurzen Trauerfeier am Grab statt. Klinzmann und seine Mitarbeiter haben auch die Möglichkeit, einen Pavillon aufzustellen. Bei der minimalistischen Zeremonie unter freiem Himmel dürfen nur Familienangehörige ersten Grades, also Ehe- oder Lebenspartner, Eltern und Kinder beiwohnen mit dem allgemein geforderten Abstand von eineinhalb Metern untereinander. Freunde, Nachbarn, entfernte Verwandte, selbst Enkel, Großeltern und Geschwister dürfen den Verstorbenen derzeit nicht auf seinem letzten Weg begleiten. Schlechte Zeiten für Trost und menschliche Wärme.

Abschied in Würde weiter möglich

„Eine schöne Trauerfeier ist auch im kleineren Rahmen möglich. Wir können am Grab Musik spielen. Eine Film-Aufzeichnung der Bestattung für die, die nicht dabei sein konnten, ist ebenfalls denkbar“, erläutert der Seelsorger. Für ihn zähle zudem, in der Grabrede den richtigen Ton zu treffen. Statt vieler Kränze könnten genauso Pflanzschalen und ein Windlicht für ein feierliches Ambiente sorgen. Gleichzeitig würde er versuchen, für jede Familie eine individuelle Lösung zur Bewältigung des Verlusts zu finden.

Auch für die Bestatter ist es nicht immer einfach, wenn etwa ein Angehöriger dem Verstorbenen noch einmal über das Gesicht streichen oder seine Hand nehmen möchte und das nicht darf. „Bei uns ist die Corona-Welle noch nicht angekommen“, sagt Klinzmann. Die Arbeit habe sich daher noch nicht so sehr verändert. Der Bestatter aus Oschersleben ist auch Sprecher der Bestatterinnung Sachsen-Anhalt. Gezielte Hygienemaßnahmen wie das Tragen von Schutzkleidung, Einweghandschuhen und Mund-Nase-Schutz sowie der Einsatz von Desinfektionsmitteln seien auch vorher schon bei der Versorgung der Toten, der Einsargung, Überführung und Aufbahrung an der Tagesordnung gewesen. „Es muss ja nicht Corona sein“, so Klinzmann, „es gibt auch andere Infektionskrankheiten, an denen man versterben kann, wie etwa ein multiresistenter Keim.“

Mitarbeiter von Bestattungsunternehmen kommen beim Waschen, Einkleiden und Einsargen den möglicherweise am Coronavirus Verstorbenen so nahe wie sonst zu Lebzeiten nur Ärzte und Pfleger. „Tote husten zwar keine Viren aus, verlieren aber durchaus Körpersäfte, etwa wenn die Körper in einen Sarg gelegt werden“, sagt Klinzmann. Deshalb müssen sich Bestatter generell vor gefährlichen und ansteckenden Krankheiten schützen. Momentan allerdings gelten auch in dieser Branche verschärfte Sicherheitsmaßnahmen.

Seit kurzem ist der Beruf des Bestatters als systemrelevant eingestuft. Bei den Beerdigungen muss eine Anwesenheitsliste geführt werden, inklusive der Adressen und Telefonnummern, um im Fall einer Ansteckung möglichst schnell reagieren zu können. Seine Arbeit gebe ihm aber auch Kraft, sagt Walter Klinzmann. Auch wenn sich einige Dinge verändert hätten: „Man versucht den Angehörigen alles zu geben, was sie brauchen“, sagt der Oschersleber. Und wenn das den Hinterbliebenen helfe, das endgültige Abschied nehmen zu erleichtern, habe er eine gute Arbeit gemacht.