Oschersleben l Für den Förderverein ist es nicht nur der runde Geburtstag, der Anlass zum Feiern gibt. Ohne das Wirken des Vereins, ohne das unermüdliche Sammeln von Spenden wären der Erhalt und die Sanierung von St. Nicolai niemals so weit voran geschritten.

Die Geburtstagsfeier exakt 20 Jahre nach Vereinsgründung bot Gelegenheit, auf das Erreichte zurückzuschauen, aber auch den Blick nach vorn auf neue Projekte zu richten.

Materielle Voraussetzungen geschaffen

Die Vereinsvorsitzende Ingeburg Gerke betonte in ihrer Eröffnungsrede, welche hervorragende Arbeit der in Hinblick auf die Geschichte der Kirche relativ junge Verein geleistet habe. „Die Mitglieder haben die prekäre Situation der Kirche erkannt und die materiellen Voraussetzungen für die notwendigen Arbeiten geschaffen“, so Gerke.

Die heutige Vereinsvorsitzende ist nur ein Beispiel dafür, dass die Rettung von St. Nicolai in Oschersleben gelebte Ökumene ist. Ingeburg Gerke ist ein engagiertes Mitglied der katholischen Kirchengemeinde St. Marien und zugleich Vorsitzende des Fördervereins der evangelischen Kirche St. Nicolai. Oft, und daran erinnerte der ehemalige Vorsitzende und heutige Schatzmeister Georg Hanusch mehrfach in seiner Rede, übernahm St. Marien das Läuten der Kirchenglocken für die evangelische Gemeinde.

Kirche 1881 erbaut

Könnten sich die Oschersleber oder Besucher der Stadt einen Blick auf die Bodestadt ohne die markanten wie prägenden Doppeltürme der Marktkirche vorstellen? Wohl nicht. Aber dieses Szenario ist nicht unbedingt nur der Fantasie entsprungen, wäre beinahe zur Realität geworden.

Georg Hanusch blickte in seiner Festrede auf das Wirken des Vereins zurück. Er spannte dabei einen Bogen zwischen 1025 Jahre währender Stadtgeschichte und der Bedeutung der Kirche am Markt. 1881 entstand die heutige weite, helle im neugotischen Stil erbaute Kirche.

Mittelpunkt der Stadt

„Oschersleben feiert in diesem Jahr sein 1025-jähriges Bestehen, und seit mindestens 840 Jahren steht die Marktkirche St. Nicolai im Mittelpunkt unserer Stadt. Sie prägt seitdem schon von Weitem unverwechselbar das Stadtbild“, so Hanusch.

So wie der Stadtbrand 1659 sollte auch der 2. Weltkrieg verheerende Folgen für das Gotteshaus haben. „Am 20. Februar 1944 explodierte eine Sprengbombe in der an die Kirche angrenzenden Kornstraße. Dadurch wurde das Kirchendach abgedeckt und alle Bleiglasfenster zerstört. Bis das Dach notdürftig gedeckt wurde, drang viel Nässe in Gewölbe und Mauerwerk. 1969 brachte ein schwerer Sturmschaden am Dach neue Nässe ins Mauerwerk. „Für die so dringende Neueindeckung gab es trotz zahlreicher Anträge nie eine Genehmigung. Putz fiel von den Wänden und Gewölben, durch Vandalismus wurden die Fenster zerstört. St. Nicolai wurde unbenutzbar. Schweren Herzens entschied sich der Gemeindekirchenrat 1976, die Kirche aufzugeben“, erinnert sich Hanusch.

Silberstreif am Horizont

Dann 1980/81 der Silberstreif am Horizont, ausgelöst vom neuen und energischen Superintendenten, Günter Henning, und dem neuen Mann im Oschersleber Rathaus, Karl-Heinz Skrypczack. Günter Henning sagt heute, dass für ihn damals ein 39 Jahre währender Sanitätsdienst an der Kirche begonnen habe.

Der einstige Bürgermeister erinnerte sich daran, dass er sich täglich mehr schämte, wenn er morgens auf dem Weg ins Rathaus an der ruinösen Kirche vorbei musste. Gemeinsam mit dem „Sup“ Günter Henning wurde nach einer Möglichkeit gesucht, zumindest das Dach zu decken, um den weiteren Verfall zu stoppen. „Aus einem Topf mit einem großen Loch habe ich die Kapazitäten für das neue Dach genommen“, erklärte Skrypczack augenzwinkernd während der Geburtstagsfeier des Fördervereins. Dass Henning und Skrypczack gemeinsam um den Erhalt der Kirche gerungen haben, sei für das Gotteshaus eine glückliche Fügung gewesen.

Am 20. September 1987 konnte erstmals wieder ein Gottesdienst in St. Nicolai gefeiert werden. Als 1994 Oschersleben 1000 Jahre alt wurde, fand der Festakt in der, wenn auch von Narben gekennzeichneten, Kirche statt.

Hohe Fördersummen für die Türme

Bei der grundhaften Sanierung der Türme 1993 bis 1995 kam das Gotteshaus erstmals in den Genuss einer hohen Fördersumme. „Dann aber versiegten die Fördertöpfe. Bis 2015 bekam die Kirchengemeinde nur 51.000 Euro für die Dacheindeckung“, berichtet Georg Hanusch zu den Beweggründen, einen Förderverein zu gründen. „Zusätzliche Unterstützung war dringend erforderlich und so wurde am 23. April 1999 der ‚Förderverein Kirche St. Nicolai Oschersleben‘ mit dem Ziel gegründet, die Sanierung des Oschersleber Wahrzeichens voranzutreiben. Konzerte und große Veranstaltungen sollten auch optisch wieder zum Erlebnis werden und Oscherslebens Bedeutung stärken. Dies ist im hohen Maße gelungen. Bis zum August 2018 konnten die Sanierungsarbeiten in St. Nicolai mit 203.234 Euro unterstützt und für die kommenden Aufgaben weitere 50.000 Euro zugesagt werden“, zieht der Schatzmeister des Fördervereins eine beeindruckende Bilanz.

Er ließ in seinem Bericht die vielen, vielen Schritte der Rettung von St. Nicolai Revue passieren. So war zwar 1984 das Dach des Gotteshauses neu eingedeckt worden, doch die Zementziegel waren schon wieder undicht. 2004 war die nötige Summe zusammengespart und das Dach konnte erneut gedeckt werden. Erst dann konnte die Innensanierung beginnen. 2006 wurde neuer Putz im vorderen Bereich der Kirche aufgebracht und damit die Voraussetzungen für ein besonderes Geschenk geschaffen: Die Stiftung der Sparkassen spendete eine neue Verglasung für die Fenster im Altarraum, geschaffen vom Glaskünstler Günter Grohs. Aus seinen Händen stammen auch die Fenster im südlichen Querschiff, 2016 erneut von Sparkassenstiftungen spendiert.

Unermüdliches Wirken

Dass derartige „Geschenke“ für St. Nicolai verteilt wurden, sei schlussendlich auf das unermüdliche Wirken des Fördervereins zurückzuführen, der unablässig die „Spendenwerbetrommel“ rührt.

Seit 2009 ist das gesamte Kirchenschiff samt der Seitenkapellen verputzt. 2016 bis 2017 war St. Nicolai komplett eine Baustelle. Um den immer wieder auftretenden Schwamm endgültig aus der Kirche zu verbannen, wurde der gesamte Fußboden mit Sandsteinplatten erneuert. Das stellt die Kirchengemeinde wie den Förderverein nun vor neue Herausforderungen: Zusätzliche Kosten von 60.000 Euro müssen aufgebracht werden. Für neue Fenster, noch immer gibt es eine Notverglasung auf der Rathausseite und unter den Emporen, gab es zwar Fördermittel, aber diese wollen mit gegen finanziert sein. Der Förderverein ist also weiterhin auf Spenden angewiesen.

Viele Worte des Dankes prägten die Geburtstagsfeier des Fördervereins von St. Nicolai, der bereits zehn Jahre nach der Gründung den Kulturpreis der Stadt Oschersleben bekam. Heute engagieren sich 34 Mitglieder dafür, dass die Marktkirche erhalten bleibt.