Oschersleben l „Gerichtsstätte Emmersberg“: Diese Worte stehen auf einem 3,8 Tonnen schweren Granit-Findling, der sich seit Kurzem auf dem Emmersberg befindet. Ursprünglich kam der Stein bei Arbeiten an den Stadtvillen der Wohnungsgenossenschaft „Neues Leben“ ans Licht. Nun dient er einem besonderen Zweck. Er markiert die erste richtige Station auf dem sogenannten Sagen- und Geschichtswanderweg. Der führt vom Seehäuser Weg in Oschersleben bis zum langen Stein in Seehausen.

Um den Weg bekannt zu machen, hat sich eigens eine Interessengruppe gebildet. Zu ihren Mitgliedern zählt unter anderem der ehemalige Vermessungsingenieur Ernst-Albert Kube. Wie er informierte, hat sich die Interessengruppe eineinhalb Jahre lang bemüht, einen Stein auf dem Emmersberg zu platzieren. Nun war dieses Vorhaben von Erfolg gekrönt.

„Wir befinden uns hier auf einem Verbindungsweg zwischen zwei ehemaligen Erdwerken. Er wurde schon vor 4000 Jahren benutzt“, berichtete Ernst-Albert Kube bei der offiziellen Einweihung. Durch seinen früheren Beruf habe er sich viel mit Flurnamen beschäftigt. Heute wurden sie meist durch Zahlen ersetzt. Aber früher gab es noch Bezeichnungen wie „Edelmannsgrund“ oder „Am blauen Stein“. „Hinter diesen Namen stecken oft Geschichten“, erklärte Ernst-Albert Kube. Und manchmal bergen sie einen historischen Kern.

Anhand verschiedener Quellen lasse sich auf dem Emmersberg eine Gerichtsstätte nachweisen, die zumindest seit dem Ende des 13. Jahrhunderts bestanden habe. Laut Ernst-Albert Kube hat sie eine überregionale Bedeutung gehabt. Selbst Personen aus Goslar hätten dort zu Verhandlungen erscheinen müssen. Dazu führte der Vertreter der Interessengruppe aus: „Die Gerichtsbarkeit begleitet die Menschen schon immer. Egal, in welcher Gesellschaftsform sie lebten: Es brauchte Grundsätze für das friedliche Miteinander.“

Als Symbol für diese Gerichtsbarkeit wurde auch eine Waage in den Stein graviert. Ein Schwert habe man bewusst nicht ausgewählt, so Ernst-Albert Kube. Denn es sei ungewiss, ob auf dem Emmersberg auch Todesurteile verhängt oder vollstreckt wurden. Der Heimatforscher Karl Kellner habe dies in seinen Schriften zwar so dargestellt. Allerdings habe er keine Quellen angeführt. Das mache einen Nachweis schwierig.

Mythischer Lindenbaum

Auch die Frage, ob sich die Gerichtsstätte exakt am Ort der heutigen Station befand, sei nicht mit Gewissheit zu klären. Er habe die Stelle gewählt, weil sie allen rechtlichen Vorgaben entspreche und weil dort ein Lindenbaum wächst. Diese Bäume seien mythologisch eng mit Gerichtsstätten verbunden, so Ernst-Albert Kube.

Die Einrichtung der Station sei von lokalen Unternehmen und Juristen sowie von der Stadtverwaltung unterstützt worden. Darüber hinaus bedankte sich Ernst-Albert Kube bei den beteiligten Landwirten. Sie hatten einen Weg gefunden, den Stein auf den Emmersberg zu bringen. Graviert wurde der Findling von der Firma Reckling.

Die Tafel neben dem Stein informiert auch über die allgemeine Rechtsgeschichte. Dabei wird unter anderem auf den Sachsenspiegel des Eike von Repgow verwiesen. Darüber hinaus gehören zur neuen Station zwei Sitzbänke und ein Sandstein aus Ummendorf, der als Tisch dient. Die Interessengruppe habe sich bewusst für einen Stein aus der Region entschieden, so Ernst-Albert Kube.

Auf der Rückseite der Informationstafel werden weitere Punkte des Sagen- und Geschichtswanderweges aufgeführt. An einigen von ihnen sollen ebenfalls Stationen entstehen. Ein Beispiel sei etwa der Kniel. Dort sei ein altes Fürstengrab entdeckt worden. Außerdem habe der Kniel bei der Kartierung des Harzes durch die sogenannte Triangulation und die Lotungsmessung eine Rolle gespielt. Auf diese Weise handele es sich auch um ein technisches Denkmal, führte Ernst-Albert Kube aus.

Oscherslebens Bürgermeister Benjamin Kanngießer nahm an der Einweihung ebenfalls teil. Er berichtete: „Vor eineinhalb Jahren schrieb mir Herr Kube eine Mail mit einer schönen Idee, die wir aufgegriffen haben.“ Der Sagen- und Geschichtswanderweg passe gut zur Idee einer Börde-Wandernadel, die analog zur Harzer Wandernadel ins Leben gerufen werden könne. Allgemein spiele das Thema Tourismus heute eine größere Rolle als noch vor einigen Jahren. Im Hinblick auf lokale Besonderheiten wie den Emmersberg könne er weiter ausgebaut werden.

Nicht zuletzt gehörte zu den Gästen auch Amtsgerichtsdirektor Dietmar Beddies. Er bedankte sich im Namen der Mitarbeiter und der Rechtsanwaltschaft für das umgesetzte Projekt. Durch solche Stationen sei es möglich, auch immaterielle Aspekte der Geschichte wieder sichtbar zu machen.