Gröningen l Mit Sorge betrachtet Hans-Peter Lemgau das Wasser der Bode. Er ist der Inhaber des Gröninger Campingplatzes und des dazugehörigen Bootsverleihs. Als solcher hätte Lemgau eigentlich Grund zur Freude. Wie er erklärt, ist Bootswandern beliebt. Gerade beim Mehrtagestourismus steige die Nachfrage. Jedes Jahr kämen mehr Gäste - und zwar aus ganz Deutschland und den Nachbarländern - zumindest, wenn man die Corona-Zeit außen vor lässt.

Sorge bereitet Hans-Peter Lemgau jedoch das Wehr, das sich wenige hundert Meter flussabwärts befindet. Für Bootstouristen bildet es ein Hindernis, das nicht passiert werden kann und auch schlecht zu umgehen ist. Die Uferbereiche sind sehr steil.

Doch wenn es nach der SBS GmbH aus dem schwäbischen Günzburg geht, sind die Tage dieses Wehres gezählt. Das Unternehmen möchte es durch einen Neubau ersetzen. Der soll zehn Meter flussabwärts entstehen und eine Wasserkraftanlage enthalten. Die Kosten sollen alles in allem bei rund 1,5 Millionen Euro liegen. Die Pläne gibt es seit Ende 2011.

Seit Jahren steht das Projekt bei Anglern und Umweltschützern in der Kritik. Und zwar zu Unrecht, wie Jörg Steinbrunner als Geschäftsführer der SBS GmbH erklärt: „Angler und Naturschützer sind immer grundsätzlich dagegen, wenn man eine Wasserkraftanlage bauen will. Aber eine klimaneutrale Stromversorgung ist nur durch die erneuerbaren Energien möglich, und dazu zählt die Wasserkraft. Das ist gesellschaftlich durchaus gewollt“, so der Geschäftsführer.

Aus seiner Sicht müsse das bisherige Wehr ohnehin irgendwann erneuert werden. Denn die Standfestigkeit sei „nicht mehr zu 1000 Prozent gegeben“. Ersatzlos abreißen könne man es nicht. „Man muss den Wasserpegel auf diesem Niveau halten, weil sonst der Grundwasserpegel sinkt“, verdeutlicht Steinbrunner. Das würde für die umgebenden Bäume das Ende bedeuten. Auch benachbarte Gebäude könnten Schaden nehmen.

In ökologischer Hinsicht sieht Jörg Steinbrunner kein Problem. Das neue Wehr solle einen Fischabstieg, aber auch eine Möglichkeit zum Fischaufstieg bieten. Letzteres sei bisher nicht der Fall. Daher sei bei der „Durchwanderbarkeit“ für Fische zumindest keine Verschlechterung zu erwarten.

Hans-Peter Lemgau sieht das fundamental anders. Die Pläne der SBS GmbH seien für die Entwicklung des Tourismus ein echtes Problem. Dabei belebe der die ganze Region. Immerhin würden die Besucher nicht nur übernachten, sondern auch einkaufen, tanken und so weiter. Davon abgesehen könne naturnaher Tourismus die Menschen wieder näher an ihr ursprüngliches Lebensumfeld heranführen. Eine Wasserkraftanlage diene in erster Linie nur dem Investor. Wie Hans-Peter Lemgau erklärt, wolle er seinen Campingplatz nebst Bootsverleih in naher Zukunft an seine Tochter weitergeben. Die geplante Wasserkraftanlage würde dagegen den Mehrtagestourismus behindern und das Aus für den Betrieb bedeuten. Ein Generationenwechsel mache dann keinen Sinn mehr.

Außerdem ist laut Hans-Peter Lemgau zweifelhaft, ob die Anlage überhaupt wirtschaftlich arbeiten könne. Dafür führe die Bode regelmäßig zu wenig Wasser. Das sieht Ernst Brunner (SPD), der Bürgermeister von Gröningen, ähnlich: „Ich habe größte Bedenken, wie der Vorhabenträger wirtschaftlich arbeiten will“, erklärt er. Beim Streit um das Bodewehr seien viele Einzelinteressen im Spiel. Aber: „Vom Tourismus würden mehr Gröninger profitieren als von einem Kraftwerk, das eventuell nicht wirtschaftlich ist und am Ende vielleicht stillgelegt werden muss“, so Brunner.

Solche Sorgen hat Jörg Steinbrunner nicht. Ihm zufolge soll die Wasserkraftanlage pro Jahr 700.000 bis 800.000 Kilowattstunden Strom erzeugen. „Damit kann man 250 Vier-Personen-Haushalte klimaneutral versorgen“, so der Geschäftsführer.

Naturschützer zweifeln

Heimo Reilein ist der stellvertretende Vorsitzende des Oschersleber Angelvereins. Er bringt noch ganz andere Aspekte ins Spiel. „Die Bode ist ein europäisches Schutzgebiet und unterliegt der Wasserrahmenrichtlinie“, führt Heimo Reilein aus. Dieser Richtlinie gemäß müsse die Bode einen guten ökologischen Zustand aufweisen. Geschehe das nicht, drohten Strafzahlungen gegen die Bundesrepublik. Die würden letztlich auf die Bürger umgelegt. Ein Staubauwerk, wie es für eine Wasserkraftanlage benötigt werde, sei jedenfalls für viele Fischarten ein Problem.

In diesem Zusammenhang verweist Heimo Reilein auf das Gewässerentwicklungskonzept „Untere Bode“ des Landes Sachsen-Anhalt. Darin heißt es, dass „eine Erweiterung von Stauräumen durch Wehrrekonstruktionen oder Wasserkraftanlagen-Neubauten konträr zu den Zielen des Gewässerentwicklungskonzeptes beziehungsweise zu den Rechtsvorgaben“ stehe. Sie „sollten daher dringend überdacht werden, da sie die Zustände weiter verschärfen“.

Sinnvoll könnte laut Heimo Reilein eine sogenannte Sohlgleite sein. Damit ist eine Anlage gemeint, die statt einer Wehrmauer mehrere Stufen aufweist. Laut Hans-Peter Lemgau fügen sich Sohlgleiten harmonisch in die Landschaft ein. Für Fische seien sie gut passierbar. Auch für Wasserwanderer böten sie Vorteile. Doch in den Plänen der SBS GmbH kommt eine Sohlgleite nicht vor.

Auch das Nachrichtenmagazin „Spiegel“ hat bereits über einen Bauboom bei Wasserkraftanlagen berichtet. Dem Artikel zufolge sind europaweit fast 9000 Wasserkraftwerke geplant. Die Projekte stünden im Zeichen der erneuerbaren Energien. Letztendlich stehe aber der Schaden an der Natur in keinem Verhältnis zum Ertrag.

Darauf erwidert Jörg Steinbrunner: „Bis in die 1920er Jahre gab es in Deutschland rund 60.000 Wasserkraftanlagen. Heute sind es nur noch 7000. Erstaunlicherweise gab es damals keine Probleme mit den Fischen, nur heute.“

Die Pläne für das Projekt haben bereits öffentlich ausgelegen. Die sogenannten „Träger öffentlicher Belange“ konnten dazu Stellung nehmen. Da es sich beim Oschersleber Angelverein um eine anerkannte Naturschutzvereinigung handelt, hat auch er sich zu Wort gemeldet. Unter anderem erklärten die Angler: „Bäche und Flüsse sind die Lebensadern der Natur. Sie sind Zentren der Biodiversität, natürliche Hochwasserschutzräume und wichtig für den Trinkwasserschutz.“ Das Wasserkraftpotenzial in Sachsen-Anhalt sei schon lange erschöpft. Wie kein zweiter Fluss im Bundesland verfüge die Bode „noch immer über ein riesiges ökologisches Potenzial“. Dieses müsse gewahrt und genutzt werden. Der Bau von Wasserkraftanlagen gefährde es jedoch. Es sei sogar ein Gutachten von einem unabhängigen Sachverständigen erstellt worden.

Jörg Steinbrunner bedauert dagegen, dass es beim Ausbau der Wasserkraft kein Miteinander gebe, sondern stattdessen eine „Totalblockade“. Derzeit seien zwei Ingenieurbüros damit beauftragt, „die Umweltverträglichkeit des Projektes auf den neuesten Stand zu bringen“. Die vorgebrachten Einwände müssten analysiert werden. Frühestens Ende 2021 könne dann mit einer Baugenehmigung beziehungsweise dem Baubeginn gerechnet werden.

Der Oschersleber Angelverein kündigt dagegen an, sich „auch mit rechtsstaatlichen Mitteln für Erhalt und Rückgewinnung der verbliebenen Fließgewässerlebensräume und gegen den verheerenden Ausbau der Kleinwasserkraftanlagen“ einzusetzen. Sollte das Bauvorhaben genehmigt werden, würde der Angelverein sofort Klage einreichen, so Heimo Reilein.