Oschersleben l Soll sich die Stadt Oschersleben neben ihrem gut ausgebauten Festplatz an der Friedensstraße noch eine zweite Veranstaltungsstätte auf dem ehemaligen Busbahnhof an der Lindenstraße leisten? Zu dieser grundsätzlichen Frage entbrannte während der jüngsten Sitzung des Hauptausschusses des Stadtrates am Donnerstagabend im Rathaussaal eine teilweise heftige Debatte. Auslöser war eine Beschlussvorlage, die den Bau einer neuen Trafostation zur Stromversorgung des Festplatzes an der Lindenstraße sicherstellen soll.

Der Bau der Trafostation soll 71.300 Euro Kosten. Hinzu kommen Kosten für den späteren Anschluss der Station an das Mittelspannungsnetz der Avacon von 32.100 Euro. Hintergrund des geplanten Baus der Trafostation auf dem Festplatz an der Lindenstraße ist, dass die Stadt dieses Areal künftig und dauerhaft für Veranstaltungen wie Stadtfeste nutzen möchte. Beleg für die Attraktivität dieses Platzes war das im Jahr 2019 in die City verlegte Fest aus Anlass des 1025-jährigen Bestehens der Stadt Oschersleben, das viele Tausend Besucher anzog. Dieses Fest sei aus Sicht der Stadt ein voller Erfolg gewesen und habe maßgeblich zur Attraktivitäts- und Kaufkraftsteigerung der Innenstadt beigetragen.

„Das ist Geld, das wir nicht ausgeben können“, wandte sich Jörg Gildemeister (FUWG/FDP) auch mit Blick auf die in der Stadt Oschersleben geltende Haushaltssperre gegen das Projekt und kündigte an, dagegen zu stimmen. Zumal die Stadt über einen funktionierenden Festplatz an der Friedensstraße verfüge, der in der Vergangenheit mit viel Geld ausgebaut worden sei. Auch erschließe sich Gildemeister nicht, dass das Stadtfest 2019 die Kaufkraft in den Innenstadt gestärkt habe. Er forderte daher von der Stadtverwaltung konkrete Zahlen, die diese Annahme belegen würden.

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Auch Stadtrat Uwe Krause (fraktionslos), der an der Sitzung des Hauptausschusses auf den Besucherrängen teilnahm, aber kein stimmberechtigtes Mitglied des Ausschusses ist, zweifelte an, dass dieses Stadtfest 2019 tatsächlich zu einer Belebung der Innenstadt geführt habe. Zumal die Parkplätze für eine ganze Woche für die Nutzung weg fielen. „Warum soll das Fest mit Druck in die Innenstadt verlagert werden?“, fragte er.

Die Wortbeiträge von Gildemeister und Krause riefen Ausschussmitglied Olaf Pankow (SPD/Grüne/Wir für Emmeringen) auf den Plan. Pankow zweifelte an, dass sich Gildemeister und Krause ein Urteil über den Erfolg des Stadtfestes bilden könnten. Gildemeister habe als Ortsbürgermeister in Klein Oschersleben sein eigenes Fest veranstaltet und Krause habe das Fest nicht besucht. Zwar habe auch Pankow keine Zahlen über eine mögliche Kaufkraftsteigerung, doch sage ihm sein persönliches Gefühl, dass das Stadtfest 2019 ein voller Erfolg gewesen sei.

„Ich finde es verwerflich zu behaupten, nur weil ich nicht da war, kann ich das Stadtfest nicht einschätzen“, konterte Gildemeister den Wortbeitrag von Pankow. Er habe sich von der Veranstaltung berichten lassen und schätzte ein, „das Fest war für Oschersleben ein Gewinn“. Auch deshalb, weil es sich um ein Jubiläumsfest zum Stadtgeburtstag mit einem größeren Aufwand als bei sonst üblichen Stadtfesten gehandelt habe.

Oscherslebens Bürgermeister Benjamin Kanngießer (parteilos) hegte Zweifel, ob der Festplatz an der Friedensstraße mit seiner Lage an der Peripherie der Bodestadt noch im Stande sei, die Besucher anzuziehen. Seiner Einschätzung nach sei das Interesse an den bis 2018 dort stattgefundenen Bode- und Schützenfesten immer geringer geworden. „Es war tote Hose und beschämend, dort war kein Mensch“, gab er seine Eindrücke wieder. Deshalb habe sich die Stadt gesagt, „das können wir besser und wählen als Veranstaltungsort die Innenstadt“. Das Stadtfest 2019 sei ein großer Erfolg, was sich auch in der Zufriedenheit der Händler und Schausteller ausgedrückt habe.

Die Finanzierung des Trafos auf dem Festplatz an der Lindenstraße in Höhe von 71.300 Euro soll aus der Investitionspauschale erfolgen. Diese Pauschale wird der Stadt vom Land Sachsen-Anhalt für Investitionen zur Verfügung gestellt. Beim Jubiläumsfest 2019 habe die Stadt einen Trafo angemietet, was mit etwa 17.000 Euro zu Buche schlug, und immer wieder nötig wäre. Im Jahr 2021 solle es nach den Worten des Bürgermeisters vom 18. bis 20. Juni wieder ein Stadtfest geben. Der Magdeburger Schaustellerbetrieb der Gebrüder Boos mit seinen attraktiven Fahrgeschäften habe bereits sein Kommen zugesagt. Das für dieses Jahr geplante Fest sei wegen der Corona-Pandemie ausgefallen.

Den Antrag von Jörg Gildemeister, den Beschluss zur überplanmäßigen Ausgabe für die Errichtung der Trafostation bis zur nächsten Sitzung des Stadtrates am 13. Oktober zurückzustellen, lehnte der Hauptausschuss ab. Der eigentliche Antrag wurde mit sechs Ja-Stimmen, zwei Enthaltungen und zwei Gegenstimmen von Jörg Gildemeister und Gints Metra (beide FUWG/FDP) angenommen. Der Oschersleber Stadtrat muss darüber nicht entscheiden.