Marienborn l Wer es bis dahin nicht wusste, was den Künstler Wolfgang Niedecken so beliebt macht, erfuhr es an diesem Abend. Viel Heimatliebe, Gefühl und Politik, alles musikalisch verpackt und vom Bundesjazzorchester „Bujazzo“ aus Köln unter Leitung von Mike Herting begleitet, machten den Abschluss des Festivals zum besonderen Erlebnis.

Schnell hatte Niedecken einen freundschaftlichen Kontakt zu den Besuchern hergestellt, von denen die Hälfte nur einen Stehplatz ergattert hatte. Er sang ein Lied, das er seiner Mutter gewidmet hatte, schwärmte von seiner Heimatstadt Köln und dem Karneval, „wo vieles vom Herzen kommt“, und erzählte, dass das Lied „Mit den Wolken reden“ im Flieger entstanden war. Fast immer gab es eine Geschichte zum nächsten Titel.

Politische Themen

Niedecken wäre nicht Niedecken, würde er sich nicht politischen Themen zuwenden. So dankte er an diesem Abend den Amerikanern für die Befreiung vom Faschismus, fragte sich, warum im Sommer 1990 „die Nazis aus den Löchern krochen und auch einen Präsidenten erschossen“. „Das liegt wohl daran, dass man den Leuten nicht richtig beibringt, was der Faschismus angerichtet hat.“

Immer wieder erfüllte kräftiger Beifall das Festzelt, die Besucher waren begeistert. Das galt auch dem Bundesjazzorchester, dessen herausragende junge Musiker aus Köln, Leipzig, Wien oder Amsterdam mit Trompeten, Posaunen, Saxofonen und Rhythmusgruppe sich in das Herz der Zuhörer spielten. Vor allem mit zahlreichen Solos.

Wolfgang Niedecken, der vor der Wiedervereinigung oft die bestehende Grenze passiert hatte, betonte dann, dass man es wertschätzen solle, dass man in einem Europa ohne Grenzen lebe. Musikalisch unterstrich er das mit einem Lied, das in den Wochen nach der Maueröffnung entstanden war und 17 Fragen seiner kleinen Jungen behandelt. Im Musikstück zur Grenzöffnung hörte man förmlich die Mauer bröckeln.

Fast ohne Pause

Der 68-jährige Musiker dagegen war auch nach fast drei Stunden ohne Pause immer noch voller Schwung dabei, nahm die singende Gemeinschaft „da unten“ mit, von der schon längst alle einen Stehplatz eingenommen hatten und heftig klatschten.

Vor dem Konzert hatte Susan Baumgartl, Leiterin der Gedenkstätte, Augenzeugen auf die Bühne gebeten, die Erlebnisse schilderten. So Edgar Lahmann aus Morsleben, der mit seinem Kniefall am Grenzübergang deutschlandweit in den Zeitungen gestanden hatte, oder Paul Bessler aus Salzgitter, der als Mitarbeiter von Radio Bremen die Kabarettisten der Leipziger Pfeffermühle an der Grenze abholen sollte und ein Transparent mit der Aufschrift „Pfeffermühle“ hochhielt. Dabei wurde er von Anwesenden beschimpft, die da dachten, er würde Reklame für eine Gaststätte machen, wo es doch Wichtigeres gebe. Die Pfeffermüller hatten ihn indes übersehen und warteten anderswo.

Zeitzeugen auf der Bühne

Zu Wort kam auch Dieter Buchwald, ehemaliger Bürgermeister in Hötensleben, der darüber berichtete, wie die Maueröffnung und die Befahrbarkeit der Straße nach Schöningen erfolgten. „Wir konnten uns erst nicht vorstellen, dass die Grenze offen bleiben würde und mussten erst am 15. November einen Antrag stellen, um etwas unternehmen zu können. Das ging dann holterdiepolter und am Neunzehnten war die Mauer offen“, erinnerte sich Buchwald.

Großen Beifall gab es dann für ein Filmprojekt, das Schüler vom Freiherr-von-Stein-Gymnasium Weferlingen und vom Bötschenberg-Gymnasium Helmstedt erarbeitet hatten. Leonard Tiedge und Magdalena Hoffmann stellten es vor. Unter anderem ist zu sehen, wie Schüler auf dem Markt in Helmstedt eine Mauer aufbauen und wieder einreißen. Außerdem kommen Gabriele Brakebusch, Landtagspräsidentin von Sachsen-Anhalt, Helmstedts Bürgermeister Wittich Schober und der ehemalige Redakteur der Braunschweiger Zeitung Norbert Rogoll zu Wort. Eine sehr beeindruckende Dokumentation, für die es ebenfalls viel Beifall gab.