Oschersleben l Rund um die Jockel-Klein-Halle der Motorsport Arena herrschte am Sonnabend reges Treiben. Mit eigenen Mitgliedern, Gästen aus anderen Parteien sowie mit Vertretern aus Gesellschaft und Wirtschaft beging die Börde-SPD ihren Neujahrsempfang. Durch das Programm führte Wolfgang Zahn als stellvertretender Vorsitzender des Kreisverbandes.

Zu den Teilnehmern gehörte unter anderem Oscherslebens Bürgermeister Benjamin Kanngießer (parteilos). Er erklärte: „Der Beginn eines Jahres ist auch immer der Beginn eines neuen Haushaltsjahres.“ Der werde in der Stadt in der Regel pünktlich beschlossen. Dadurch habe man die Chance, anstehende Projekte zügig in Angriff zu nehmen.

Ländlicher Raum soll gestärkt werden

Ganz besonders widmete sich Kanngießer der Entwicklung des ländlichen Raumes. Ökonomen hätten vorgeschlagen, Menschen mit finanziellen Anreizen in die großen Städte zu locken. Das aber sei nicht der richtige Weg. Besser sei es, das „Attraktivitätsgefälle“ auszugleichen. „Neben den Metropolen in diesem Land gibt es viele keine Gemeinden und Städte, die gerade für junge Familien ein attraktiver Lebensraum sein können“, betonte Benjamin Kanngießer. Um diese Gebiete voranzubringen, seien vor allem „die drei großen Bs“ von Bedeutung: Betreuung, Bildung und Breitbandausbau. „Wir wollen uns für die Menschen vor Ort stark machen“, sagte Kanngießer.

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Frank Hüttemann als Vorsitzender des SPD-Kreisverbandes lenkte den Blick auf die nationale und internationale Politik. Er erklärte, dass die „politischen Unsicherheitsfaktoren und Ungewissheiten“ größer würden. Als Beispiele nannte er das Verhalten der USA und die Lage im Iran. Darüber hinaus ging er auf die Ermordung des Kasseler Regierungspräsidenten und den Terroranschlag von Halle ein. „Die Art und Weise, wie heute argumentiert wird, voller Aggressivität, Hass, Herabsetzung, Entwürdigung und ungezügelter Rechthaberei, sehe ich als Gefahr für unser demokratisches Gemeinwesen“, betonte Hüttemann. Es gebe 2020 aber auch positive Aspekte, beispielsweise das Jubiläum „30 Jahre Wiedervereinigung“. In diesem Zusammenhang sprach Hüttemann von einer „historische Lebensleistung der Ostdeutschen“.

Prominentester Gast war Franz Müntefering, ehemaliger Bundesminister für Arbeit und Soziales sowie einstiger Vize-Kanzler der Bundesrepublik Deutschland. Er widmete sich vor allem dem Thema Solidarität, und zwar unter verschiedenen Aspekten. Die Politik müsse es schaffen, „Gerechtigkeit auf einem guten Niveau“ zu ermöglichen, zu festigen und auszubauen. Dafür brauche es Zusammenarbeit, sei es zwischen den Generationen oder zwischen Parteien. „Die, die vernünftig sind und auf Demokratie setzen, müssen untereinander auf Loyalität bauen können“, erklärte Müntefering.

Anlässe zum Streiten gebe es genug. Doch der entscheidende Punkt sei die Gewissheit, dass der Gegner die Demokratie nicht infrage stelle. „Der Satz ‚Jeder sorgt für sich, dann ist für jeden gesorgt‘ ist falsch. Wir werden Probleme nur lösen können, wenn wir gemeinsam Wege finden“, bekräftigte Franz Müntefering. Das gelte auch im Umgang von Staaten miteinander.

Eines Tages würden zehn Milliarden Menschen auf der Erde leben. Sie alle müssten versorgt werden. Entscheidend sei, ob das auf friedlichem Weg gelinge. In jedem Fall werde eine Lösung „komplizierter sein, als eine Mauer um Europa zu bauen und keinen mehr hereinzulassen“, so Müntefering. „Wir sind nicht aus eigener Stärke in einer Wohlstandssituation, sondern weil wir in die Welt liefern.“

Sachsen-Anhalts Landtagspräsidentin Gabriele Brakebusch und Landrat Martin Stichnoth (beide CDU) waren ebenfalls eingeladen. Letzterer erklärte zu den „drei Bs“, die Benjamin Kanngießer angeführt hatte: „Wir dürfen auch die Wirtschaft nicht vergessen, die eine positive Entwicklung wie in der Börde erst möglich macht.“

Forderung nach Solidarität und gemeinsamen We

Der Landkreis stehe im Vergleich mit dem übrigen Sachsen-Anhalt gut da. Das sei unter anderem seinen Amtsvorgängern zu verdanken. Aber: „Es bleibt eine spannende Aufgabe“, so Stichnoth. Viele Gemeinen befänden sich in der Haushaltskonsolidierung. Angesichts steigender Kosten sei es nicht leicht, allen Verantwortlichkeiten gerecht zu werden. Vor diesem Hintergrund forderte er eine auskömmliche finanzielle Ausstattung der Kommunen.

Gabriele Brakebusch sagte, dass der Beginn eines Jahres eine gute Zeit zur inneren Einkehr sei - eine Chance, den weiteren Weg zu überdenken. „Ich bin der Ansicht, dass die CDU mit der SPD sehr gut das Land Sachsen-Anhalt regieren kann“, so die Landtagspräsidentin.

Ein maßgeblicher Punkt der Veranstaltung war die Ehrung zweier SPD-Mitglieder für ihr Lebenswerk. Dabei wurden Rita Mittendorf und Eckehart Beichler ausgezeichnet. Mittendorf trat 1992 in die SPD ein. Sie war unter anderem Fraktionsvorsitzende im Kreistag des Ohrekreises. Von 1994 bis 2016 saß sie im Landtag. In seiner Laudatio bezeichnete Joachim Hoeft vom Kreisvorstand sie als „interessante und unbequeme Frau“. „Rita mag man oder man mag sie nicht. Sie hat immer polarisiert“, so Hoeft. Aber sie habe ihre Aufgaben ernst genommen, zugehört, Wichtiges geleistet und dafür auch von anderen Parteien Anerkennung erfahren.

Eckehard Beichler ist seit rund 50 Jahren SPD-Mitglied. Frank Hüttemann sprach als Laudator von einem „unermüdlichen beruflichen wie ehrenamtlichen Engagement“. Beichler sei zunächst Pfarrer im niedersächsischen Emmerstedt gewesen, dann Ortsbürgermeister. Nach seinem Umzug in die Börde, nach Sommersdorf, habe er sein Engagement trotz Ruhestand fortgesetzt. Er sei weiterhin bei Gottesdiensten aktiv, leite den Sommersdorfer Männerchor und habe die „Konsumgespräche“ ins Leben gerufen. Nicht zuletzt habe er jahrzehntelang für die SPD verschiedene Mandate wahrgenommen.

Für den kulturellen Rahmen des Neujahrsempfanges sorgte das Gesangsduo Febbraio.