Oschersleben l „Das muss ich mir nicht antun“, betonte Investor Detlef Mispelbaum. Nach eigenen Angaben hat er die öffentliche Diskussion intensiv verfolgt. Am Mittwochnachmittag erklärte er, dass er seine Pläne zurückziehe.

Stadtrat sollte entscheiden

Zur Vorgeschichte: Bis Freitag (24. April) sollten die Mitglieder des Stadtrates eigentlich über eine Beschlussvorlage entscheiden. Demnach sollte auf dem Schützenplatz ein Netto-Markt mit einer Verkaufsfläche von 1000 Quadratmetern entstehen. Die Stimmung kochte hoch. Auf der Internetplattform Facebook wurde lebhaft diskutiert. Das Volksstimme-Lesertelefon stand nicht still. Gleich mehrere Anrufer fragten, ob es um einen verspäteten April-Scherz handele. „Ich war erschüttert, als ich die Zeitung aufgeschlagen habe“, berichtete Reginald Rudloff. „Ich finde das furchtbar und habe kein Verständnis für dieses Vorhaben. Es gibt in Oschersleben genug Einkaufsflächen.“

Ingrid Köhrich, die früher selbst im Stadtrat saß, bezeichnete es als „Sauerei“, dass man Netto den Schützenplatz zur Verfügung stellen wolle, nachdem man einen geplanten Neubau an der Fabrikstraße abgelehnt habe. Außerdem sei das Gelände wenig geeignet, weil es in der Vergangenheit manchmal überflutet wurde.

Unterschriftenaktion in Planung

Ähnlich äußert sich Melanie Heilenmann als Anwohnerin des Schützenplatzes. Sie bereitete schon eine Unterschriftenaktion vor und schrieb: „Da sich nicht unweit die Bode befindet und auch der Schützenplatz zum Überschwemmungsgebiet gehört, kann man den Bau ordnungsgemäß absichern?“ Außerdem führte sie an, dass die Zuwegung zum Schützenplatz schon jetzt „katastrophal“ sei. „Ein permanenter Fahrzeug- und Belieferungsverkehr ist kaum vorstellbar“, erklärte sie.

Karola Herbert, früher ebenfalls Ratsfrau, betonte, dass das Gelände immer der Festplatz der Stadt gewesen sei. Eine Bebauung wäre „ein absoluter Rückschritt für Oschersleben“. „Der Wiesenpark ist die grüne Lunge der Stadt. Da kann man keinen Markt dran bauen. Das zerstört das ganze Flair“, ergänzte Karola Herbert. „Ich habe das Gefühl, dass Corona genutzt wird, um das einfach durchzuwinken.“

Einzelhandelskonzept Grund für neuen Anlauf

Ralf Gottschlich ist zugleich Präsident des Bürgerschützenvereins zu Oschersleben 1663 und FUWG-Ratsherr. Er fragte: „Wollen wir jetzt in Oschersleben keine Veranstaltungen mehr für unsere Bürger auf dem Schützenplatz anbieten?“ Der Platz sei mit viel Aufwand und hohen Kosten in seinen jetzigen Zustand gebracht worden. „Das Umfeld des Schützenplatzes mit dem Wiesenpark, dem Hundesportverein, dem VfB Oschersleben 1997 sowie dem neu geschaffenen Wohnmobilstellplatz sollte als Kulturgut und Naherholungsgebiet für die Bürger und Gäste in seinem jetzigen Zustand erhalten bleiben.“

Eine weitere Anwohnerin des Schützenplatzes wollte namentlich nicht genannt werden. Sie schrieb: „Ich würde es äußerst ärgerlich finden, wenn der Stadtrat diesem Vorhaben zustimmt. Die Gegend ist gerade wegen des Wiesenparks und der Bode ein beliebter Besuchermagnet. Für Klein und Groß beziehungsweise Alt und Jung ist dies ein Naherholungsgebiet. Dies soll dann alles vorbei sein?“ Der geplante Markt würde zu einem verstärkten Publikumsverkehr führen, der auch die Wohngegend beeinträchtige.

Bürgermeister bleibt neutral

Oscherslebens Bürgermeister Benjamin Kanngießer äußerte sich auf Nachfrage betont neutral: Ein Investor habe sich mit einer Anfrage an die Stadt gewandt. Es sei die Aufgabe der Verwaltung, das Vorhaben zur Abstimmung zu stellen. „Jeder Stadtrat kann selbst entscheiden, ob er dafür oder dagegen ist oder ob er sich enthalten möchte“, so der Bürgermeister. Er selbst sei durchaus der Ansicht, dass es in Oschersleben relativ viel Einkaufsfläche pro Einwohner gebe. Doch seine persönliche Meinung sei in diesem Zusammenhang nicht gefragt. Dem Vorwurf, die Corona-Situation werde bewusst genutzt, um die Öffentlichkeit bei diesem Thema außen vor zu lassen, wies er entschieden zurück. Im Gespräch führte er an, dass einige der öffentlich vorgetragenen Argumente ebenfalls nicht ganz zutreffend seien. Aber das war wenig später Makulatur.

Antrag zurückgezogen

Am Nachmittag sagte Detlef Mispelbaum, dass die Pläne für den Markt hinfällig seien. Der Antrag sei zurückgezogen. Er informierte, dass er einen neuen „Anlauf“ für einen Einkaufsmarkt genommen habe, nachdem das Einzelhandelskonzept der Stadt überarbeitet worden sei. Dabei waren Experten der Frage nachgegangen, ob auch ältere Menschen in allen Teilen des Stadtgebietes einen Einkaufsmarkt zu Fuß erreichen können. An verschiedenen Punkten war das nicht der Fall - unter anderem im Bereich um den Schützenplatz herum.

Detlef Mispelbaum betonte außerdem, dass die ersten Gespräche bereits Ende 2019 gelaufen seien. Warum jetzt eine Hau-Ruck-Aktion draus gemacht worden sei, könne er nicht verstehen.