Telegrafenstation Neuwegersleben ist die einzig erhaltene von 62 Stationen der 600 Kilometer langen Linie

Spione wären bei optischer Telegrafie chancenlos

Von Gudrun Billowie

Die Station Nummer 18 der Königlich-preußischen Telegrafenlinie ist die letzte original erhaltene und restaurierte Station in Deutschland. Doch bald soll diese Station Gesellschaft bekommen. Die Station Nummer 16 in Ampfurt soll wieder auferstehen.

Neuwegersleben l Noch laufen die Nachrichten, die mit Hilfe der optischen Telegrafie aus Neuwegersleben gesendet werden, ins Leere. Das könnte bald anders werden. Denn eines Tages soll auf dem Ampfurter Turm die Station Nummer 16 auch wieder hergerichtet sein. Der Turm selbst ist wieder gesichert und am ersten Septemberwochenende soll es anlässlich der Sanierung und des Jubiläums 180 Jahre optische Telegrafie dort ein Fest geben. Achim Röttger, Vorsitzender des Fördervereins Schloss Ampfurt, hat sich bereits Schautafeln zur optischen Telegrafie aus Neuwegersleben geliehen.

"Im Ampfurter Schlossturm wurde in den Fünfziger Jahren ein Flügel der Telegrafenstation gefunden", erwähnt Werner Neum die enge Verbindung zwischen beiden Orten, "nach diesem Flügel wurden die Flügel für die Neuwegersleber Telegrafenstation nachgebaut." Genauer gesagt sind die Flügel Indikatoren aus Holz mit Blechlamellen.

Werner Neum gehört zur Interessengemeinschaft optische Telegrafie, die sich dem Erhalt der Neuwegersleber Station widmet. Die Mitglieder der Interessengemeinschaft öffnen diese Station an jedem letzten Sonntag im Monat zwischen 14 und 17 Uhr und auf Anfrage auch außerhalb dieser Zeit für Gruppen.

Werner Neum hat die Leidenschaft für diese Telegrafenstation aus seinem Berufsleben in das Rentnerdasein hinübergerettet. "Ich habe im Landkreis in der unteren Denkmalschutzbehörde gearbeitet", sagt Werner Neum, "und hatte den Auftrag, diese Telegrafenstation wieder aufzubauen." Peter Fuchs hatte sich für den Wiederaufbau stark gemacht. Der "Telegrafenvater" ist allerdings 2011 verstorben. Werner Neum und seine Mitstreiter Henry Fuchs und Peter Hobohm führen das Erbe fort.

"Aus dem einstigen Dienstauftrag ist längst eine innige Verbundenheit geworden", sagt Werner Neum und teilt diese Faszination gerne mit anderen.

"Bei der optischen Telegrafie hätten Hacker keine Chance gehabt", sagt Werner Neum, "selbst wer sich in den Straßengraben gelegt hätte und die Flügelstellungen wollte, hätte daraus nichts ableiten können. Die Nachrichten waren verschlüsselt." Die Decodierungsbücher gab es nur in Berlin und Koblenz. Die Offiziere in den 62 Telegrafenstationen der 600 Kilometer langen Linie wussten also selbst nicht, welche amtlichen Depechen sie da gerade übermitteln.

Doppelte Sicherheit war also gewährleistet. Aber wer war zwischen 1833 und 1849 eigentlich Willens und in der Lage, die 4095 Zeichen zu deuten, die mit den sechs Flügeln durch verschiedene Stellungen angezeigt werden? Die Neuwegersleber Bauern und auch all die anderen Bürger entlang der Linie gewiss nicht. Das Militär? Vielleicht.

"Über die optische Telegrafie wurden nicht unbedingt einzelne Buchstaben übermittelt. Es gab Flügelstellungen für verschiedenen Wortgruppen", erklärt Werner Neum. Niemand hat mühsam Zeichen für Zeichen "Ehrenwerter König, Eure Majestät..." übermittelt. Solche Floskeln waren mit einer einzigen Flügelkombination festgeschrieben.

Die optische Telegrafenlinie ermöglichte die Korrespondenz zwischen dem König in Berlin und der Verwaltung der Rheinprovinzen in Koblenz. Vor der optischen Telegrafie wurden die Nachrichten durch Reiter überbracht. "In Frankreich gab es bereits die optische Telegrafie", so Werner Neum, "und weil sie wesentlich schneller und günstiger war als die Reiterpost, wurde sie auch hier eingeführt." Eine Nachricht mit 30 Worten wurde von Berlin nach Koblenz in nur anderthalb Stunden übermittelt.

In allen der 62 Telegrafenstationen waren jeweils zwei Fernrohre installiert. Sie stellten die Sichtverbindung zu den vor- und nachgelagerten Stationen sicher. "Der Spähtelegrafist hat die vorherige Station durch das Fernrohr angeschaut", sagt Werner Neum, "und der Kurbeltelegrafist hat die vom Spähtelegrafist angesagten Zeichen mit Hilfe der Kurbeln an den Flügeln eingestellt."

Mit den eigenwilligen Berufsbezeichnungen Spähtelegrafist und Kurbeltelegrafist mussten sich die Offiziere der Telegrafenstationen allerdings außerhalb ihres Dienstes nicht vorstellen. "Das waren hochrangige preußische Offiziere mit Pensionsanspruch", sagt Werner Neum. Eine uniformierte Puppe in der Station erinnert an die Bediensteten.

Der Wiederaufbau und die Erhaltung der Telegrafenstation wird im Wesentlichen durch Spenden und Eintrittsgelder finanziert. "Auch die Gemeinde Am großen Bruch unterstützt", sagt Werner Neum.

Es finden häufig Besucher den Weg nach Neuwegersleben und halten an diesem seltsamen Haus mit den Flügeln auf dem Dach an. "Im Jahr 2011 sind rund 300 Besucher gekommen", hat Werner Neum gezählt, "im Jahr 2012 waren es 469." Dazu kommen allerdings noch viele Reisegruppen. "Eine Gruppe aus dem Wolfsburger VW-Werk war hier", nennt Neum Beispiele, "eine Motorradgruppe aus Berlin oder Quedlinburger haben uns während ihres Klassentreffens einen Besuch abgestattet." Ganz besonders ist ihm der Besuch des christlichen Blindendienstes in Erinnerung. "Die sehbehinderten Menschen haben alles berührt und an den Kurbeln gedreht", erinnert er sich, "es hat ihnen sehr gefallen, dass sie alles anfassen konnten."