Letzte Rettung

Verpflichtung zum Feuerwehr-Dienst

Kroppenstedt ist die erste Kommune in Sachsen-Anhalt, in der die freiwillige Feuerwehr durch eine Pflichtfeuerwehr ersetzt wird.

Von René Döring 01.04.2016, 01:01

Kroppenstedt l Manch ein Kroppenstedter wird morgen seinen Augen nicht trauen, wenn er seine Post liest. Denn in zahlreichen Briefkästen werden am Sonnabend höchst offizielle Schreiben liegen, in denen den Adressaten amtlich mitgeteilt wird, dass sie jetzt Mitglieder der Feuerwehr sind. Und zwar aktive Mitglieder der neuen Kroppenstedter Pflichtfeuerwehr, die auf Grundlage des Brandschutzgesetzes des Landes Sachsen-Anhalt die bisherige freiwillige Feuerwehr ersetzen wird, weil die aus Personalmangel nur noch an Wochenenden, Feiertagen und in der Nacht, nicht aber mehr wochentagsüber einsatzbereit war.

„Bei dem großen Risiko-Potenzial, das es in Kroppenstedt gibt, konnten wir diese Situation nicht mehr hinnehmen“, sagt Westliche-Börde-Gemeindewehrleiter Christian Marquardt. Was Kroppenstedts Stadtwehrleiter Karsten Knigge und dessen Stellvertreter Martin Tiedge ganz genauso sehen, wie sie betonen.

Dieses große Risiko-Potenzial ergebe sich in Kroppenstedt zum einen aus der Tatsache, dass die Kroppenstedter Feuerwehrleute immer häufiger zu Verkehrsunfällen gerufen werden, die sich auf der angrenzenden Bundesstraße 81 ereignen. Aber auch aufgrund der zahlreichen Firmen, vor allem der Landwirtschaftsunternehmen, gebe es ein erhöhtes Brandrisiko im Ort. Und nicht zu vergessen die historischen Kroppenstedter Straßenzüge mit ihren Fachwerkhäusern und weiteren älteren Gebäuden.

„Vor diesem Hintergrund ist in der aktuellen Risikoanalyse der Verbandsgemeinde festgeschrieben worden, dass die Kroppenstedter Feuerwehr rund um die Uhr mit mindestens einer neunköpfigen Gruppe einsatzbereit sein muss“, sagt der Gemeindewehrleiter. Das sei aber nicht mehr gegeben.

„Wir hatten keine andere Wahl mehr und mussten eine Pflichtfeuerwehr ins Leben rufen.“

Und dass beispielsweise beim ersten großen Kroppenstedter Wohnungsbrand in diesem Jahr in der Karlstraße die Feuerwehr schnell sowie in erforderlicher Stärke am Brandort war und damit schlimmeres verhindert hat, war auch etwas Glück im Unglück. „Denn das ist am 6. Januar, also an einem Feiertag passiert, an dem viele unserer Leute zu Hause und damit einsatzbereit waren“, so Martin Tiedge und Karsten Knigge, die zwar nicht sehr glücklich über die Bildung einer Pflichtfeuerwehr, aber überzeugt sind, dass es die einzige Möglichkeit ist, „um auch in Zukunft die Sicherheit für die Einwohner, Einrichtungen und Firmen der Stadt Kroppenstedt zu gewährleisten.“

„Wir hatten einfach keine andere Wahl mehr und mussten nun unbedingt in Kroppenstedt eine Pflichtfeuerwehr ins Leben rufen“, sagte Christian Marquardt gestern Nachmittag gegenüber der Volksstimme, als er sich ein weiteres Mal mit Kroppenstedts bisherigem Wehrleiter Karsten Knigge und dem Stellvertreter Martin Tiedge getroffen hat.

„Zunächst erfolgt eine sechswöchige Grundausbildung im Institut für Brand- und Katastrophenschutz in Heyrothsberge.“

Knigge und Tiedge – und das ist sicherlich die gute Nachricht – haben sich bereit erklärt, auch die Leitung der künftigen Pflichtfeuerwehr zu übernehmen. „Darüber bin ich sehr sehr froh“, so Christian Marquardt, der nun gestern Nägel mit Köpfen und die „Einberufungs“-Briefe unterschrieben hat.

Diese Briefe werden in den nächsten Tagen alle Stadtbewohner im Alter von 18 bis 55 Jahren bekommen. Denn das sind die Bürger, die laut Landesgesetz (siehe Informationskasten) zum Dienst in einer Pflichtfeuerwehr heranzuziehen sind und nun in Kroppenstedt in Abstimmung mit den Arbeitgebern auch herangezogen werden. Wer dabei für die vom Gesetzgeber eingeräumten Ausnahmeregelungen nicht in Frage kommt und sich trotzdem dem Pflicht-Feuerwehrdienst verweigert, der muss mit zum Teil drastischen Strafen rechnen. Deshalb raten Christian Marquardt, Karsten Knigge und Martin Tiedge den Betroffenen, die Sache sehr ernst zu nehmen.

Der nächste Schritt für die neuen Feuerwehrleute ist eine Versammlung, in der ihnen erläutert wird, was sie erwartet, wie beispielsweise die Ausbildung erfolgt. „Denn natürlich wird niemand ohne fachliche und körperliche Vorbereitung zum Einsatz kommen“, wie Christian Marquardt, Karsten Knigge und Martin Tiedge sagen: „Diese Versammlung wird Mitte April stattfinden. Wir können aber jetzt schon mal sagen, dass zunächst eine sechswöchige Grundausbildung im Institut für Brand- und Katastrophenschutz Heyrothsberge erfolgt“, so die drei Feuerwehrexperten. Danach wird die Ausbildung an den Dienstabenden fortgesetzt, die alle zwei Wochen stattfinden.

„Wir würden uns natürlich auch sehr freuen, wenn sich die künftigen Pflicht-Feuerwehrleute genauso wie die bisherigen Freiwilligen zum einen für das kulturell-gesellschaftliche Leben in der Stadt engagieren und zudem auch ein kameradschaftliches Gemeinschaftsleben innerhalb der neuen Wehr entwickeln“, so Christian Marquardt, Karsten Knigge und Martin Tiedge: „Denn nur dann ist es möglich, auch in Zukunft Leben, Hab und Gut der Bürger zu schützen, die gesetzlich vorgegebenen Aufgaben zu erfüllen und überdies einen Beitrag zum gesellschaftlichen Leben in Kroppenstedt zu leisten.“