Autobahnprotest in der Altmark

A-14-Gegner nehmen eine ganze Region in Kollektivhaft

Seit sechs Wochen halten die Waldbesetzer und deren verbündete Autobahngegner die Region Seehausen mit ihren gezielten Aktionen inzwischen in Atem. Die meisten Einheimischen wollen einfach nur noch ihre Ruhe haben. Aber daraus wird so schnell sicher nichts werden. Der Protest gegen den Autobahnbau erreicht mit der Brückensperrung nach Wittenberge Sonnabend einen neuen Höhepunkt

Von Ralf Franke
Das Lager der Losser Waldbesetzer war beim Besuch des Seehäuser Verbandsgemeindebürgermeisters auf etwa ein Dutzend Unterschlüpfe angewachsen. Obwohl sie sich selbst illegal eingerichtet haben, nehmen sie es mit „ihren Regeln in ihrem Wohnzimmer“ sehr genau  und bauen bei ungewollten Besuchen  gern eine Drohkulisse auf.
Das Lager der Losser Waldbesetzer war beim Besuch des Seehäuser Verbandsgemeindebürgermeisters auf etwa ein Dutzend Unterschlüpfe angewachsen. Obwohl sie sich selbst illegal eingerichtet haben, nehmen sie es mit „ihren Regeln in ihrem Wohnzimmer“ sehr genau und bauen bei ungewollten Besuchen gern eine Drohkulisse auf. Foto: Ralf Franke

Seehausen - Anfang des Jahres formierte sich eine neue Front gegen den Bau der Autobahn durch die Altmark. Besonders abgesehen haben es die Gegner auf den Abschnitt Osterburg–Seehausen/Vielbaum, einem der letzten der über 150 Kilometer langen Nord-Süd-Trasse durch Sachsen-Anhalt und Brandenburg. Mittlerweile haben die „Naturfreunde Sachsen-Anhalt“ um den früheren BUND-Geschäftsführer Oliver Wendenkampf für die Bündnis-Bürgerinitiative „Verkehrswende Elbe-Altmark“ vor dem Bundesverwaltungsgericht Klage gegen diesen Abschnitt eingereicht.

Bahnhof wird gemieden

Vor fast sechs Wochen richtete sich die Waldbesetzerszene in einem privaten Kiefernwald bei Losse häuslich ein und schaffte noch vor einem Richterspruch punktgenau auf der geplanten Trasse vollendete Tatsachen. Dass die Baumaschinen an der Stelle erst in zwei oder drei Jahren rollen sollen, ist für sie zweitrangig.

Seitdem spielen die meist vermummten Naturschützer mit den Behörden Katz und Maus. Im Wald ebenso wie am Seehäuser Bahnhof, wo die Waldbesetzer sowie Sympathisanten ein Basislager eingerichtet haben und dort „auf Einladung des Besitzers wohnen“. So formuliert es jedenfalls Susanne Bohlander, eine regional bekannte A-14-Gegnerin, die einst für den BUND ins Feld zog, bis der sich mit den Autobahnplanern im Rahmen eines außergerichtlichen Vergleichs auf mehr Ausgleichsmaßnahmen einigte. Wobei Wohnen im Rahmen der Legalität üblicherweise auch für Meldewesen, Ver- und Entsorgung, Steuern und anderes mehr steht.

Dass sich der Bahnhof zu einem „Ort des Austausches und der Begegnung“ entwickelt, ist zu bezweifeln. Vielmehr sprechen die Anzeichen dafür, dass der Bus- und Bahn-Knotenpunkt von vielen Pendlern nur noch ungern genutzt wird und Eltern vor allem an den Tagen der Mahnwache ihre Kinder lieber mit dem Auto von der Schule abholen, wie Leser der Volksstimme berichten.

Und die Mehrheit schweigt

Während die schweigende Mehrheit, wie es Autobahnbefürworter vor Ort mit Verweis auf eine Pro-A-14-Unterschriften-Sammlung vor fast 20 Jahren und das demokratische Zustandekommen des Projektes gern formulieren, abseits der sozialen Medien wenig von sich hören lässt, setzt die neue Generation Autobahngegner immer neue Akzente. Der vorläufige Höhepunkt kündigt sich für den morgigen Sonnabend an, wenn nach einer Sternfahrt mit Fahrrädern und Booten auf der Elbebrücke bei Wittenberge „Für eine klimagerechte Verkehrswende“ mit Picknick demonstriert werden soll. Die brandenburgische Polizei sah offenbar nichts, was gegen die stundenlange Besetzung des grenzübergreifenden Nadelöhrs spricht, und brachte die Behörden diesseits der Elbe in Zugzwang. Denen nur blieb, großräumig Umleitungen für die Zeit zwischen 14 und 22 Uhr auszuweisen – wenn es zu keinen Verzögerungen kommt.

Die Entscheidung der Polizei, die Demo auf dem brandenburgischen Teil der Brücke zuzulassen, kann übrigens auch der Wittenberger Bürgermeister Oliver Hermann (parteilos) nicht nachvollziehen, zumal die Grünen und der BUND in der Prignitz weitere Aktionen gegen die A 14 ablehnen. In dem Zusammenhang wurde auch bekannt, dass sich der Seehäuser Verbandsgemeindebürgermeister Rüdiger Kloth (Freie Wähler) seit über einer Woche vergeblich um einen Termin beim Innenminister Sachsen-Anhalts bemüht, zumal er sich inzwischen selbst schon bedroht fühlte.

Bürgermeister bedrängt

Als erster Verwaltungsbeamter von Seehausen und mit der Legitimation des echten Waldbesitzers wollte sich Kloth in der Vorwoche in Begleitung einen aktuellen Eindruck vor Ort verschaffen. Am Ende wurde er bedrängt sowie kurzzeitig seines Handys beraubt und sah sich genötigt, die Polizei zu rufen. Landrat Patrick Puhlmann (SPD), dessen Haus selbst wegen mehrer Ordnungswidrigkeiten ermittelt, macht sich „große Sorge, dass unter dem Deckmantel des Umweltschutzes möglicherweise Straftaten verübt werden“. Gemeinsam mit den Bürgermeistern der Verbandsgemeinde trat er im Vorfeld der Demonstration vor zwei Wochen in Seehausen jeder Eskalation entgegen.

Die meisten Ziele der Umweltaktivisten zum Schutz der Natur sind nachvollziebar -  weniger die Art, sie durchzusetzen.
Die meisten Ziele der Umweltaktivisten zum Schutz der Natur sind nachvollziebar - weniger die Art, sie durchzusetzen.
Foto: Karina Hoppe

Appell an Waldbesetzer

Ein Appell, der sich auch an die Waldbesetzer richtete und zur friedlichen Verständigung aufrief. „Ein Bürgermeister muss sich überall in seiner Gemeinde ungestört ein Bild machen können. Bedrohungen oder sogar tätliche Angriffe sind ein Skandal, egal von welcher Seite. Angriffe gegen Verantwortungsträger vor Ort sind immer auch ein Anschlag gegen die Demokratie. Sollten neben der widerrechtlichen Baumbesetzung noch echte Straftaten dazukommen, dann wären zusätzlich Staatsanwaltschaft und Polizei gefordert“, nimmt der Landrat Stellung.

Egal, ob im Wald oder am Bahnhof, die Umweltschützer geben gern zu verstehen, mit Interessierten über ihre Ziele ins Gespräch kommen zu wollen. Doch Kompromisse sind nicht in Sicht. Es gibt nichts, was die Entscheidungsträger den Waldbesetzern anbieten könnten. Es sei denn, der Bau der Autobahn wird gestoppt.

Dieser Aufruf wurde vor einer Woche bei Facebook eingestellt und  in wenigen Tagen 5500 Mal angeschaut.
Dieser Aufruf wurde vor einer Woche bei Facebook eingestellt und in wenigen Tagen 5500 Mal angeschaut.
Screenshot: Ralf Franke

Realitätsverweigerung

Dass Letzteres bei diesem Fortschritt des Projektes Realitätsverweigerung sei, gibt Wilfried Treutler zu Protokoll, der Mitglied in der alten Bürger-Initiative „Keine A 14“ war und auf brandenburger Seite den bekannten Vergleich für den BUND mit ausgehandelt hat. In einem Interview mit der Zeitung „Der Prignitzer“ lässt er wissen, dass er immer noch kein Freund der Autobahn sei, betont aber auch mit 15-jähriger Protesterfahrung, dass man mit dem Kompromiss mehr für Natur und Lärmschutz erreicht habe, als es Klagen vermocht hätten. Und was gibt er den Protestlern mit auf den Weg? „Wir wünschen ihnen die Kraft und die Ausdauer, Dinge zu ändern, die sie ändern können, die Gelassenheit, Dinge hinzunehmen, die sie nicht ändern können, und die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden.“

Der Ton macht die Musik (Kommentar)

Gegen die meisten Ziele, die die Umweltaktivisten gern formulieren, kann Otto Normalverbraucher im Grunde nicht einmal etwas einwenden. Der Klimawandel ist allgegenwärtig. Wer will das noch ernsthaft bestreiten. Nur macht auch in dem Fall der Ton die Musik.

Und während die scheinbare Untätigkeit von Politik und Verwaltung die Autobahngegner auf die Kiefern einlädt, bringt die radikale Form des Protestes viele Altmärker auf die sprichwörtliche Palme: Weil sie sich von der A?14 Aufschwung und mehr Mobilität versprechen oder weil sie sich von den Protestlern unter Generalverdacht gestellt sehen. Nicht zuletzt auch, weil die Störenfriede die Regeln des demokratischen Staates, den sie sonst so verachten, genau auszuloten wissen. Dass die Hardliner zugereist sind und sowohl rechten als auch linken Mob in das extrempolitisch bislang unauffällige Seehausen locken, kommt nicht gut an.

Parteinahme für die eine oder andere Seite lässt sich ebenso wie derzeit bei den unterschiedlichen Auffassungen zur Bekämpfung der Corona-Pandemie kaum vermeiden. Doch diese Ereignisse werden zusätzlich tiefe Spuren in der Erde, aber vor allem in den Köpfen der Einheimischen hinterlassen, wenn die Baumbesetzer längst wieder abgezogen sind, die mit eigenen Drohkulissen in „ihrem“ Waldwohnzimmer derweil nicht viel zimperlicher sind als die „Faschisten“, von denen sie sich bedroht fühlen.