Beuster l Mit dem Glockenschlag der Nikolaus-Kirche in Beuster zu 17 Uhr fällt auch am vierten Adventssonntag das Hoftor bei Halldor Beier wieder ins Schloss. Es ist längst duster. Nur ein paar Schritte weiter an der Kreuzung Breite Straße/Wehlstraße bringt der 57-Jährige das erste Mal an diesem Abend den Notenständer in Position, knipst ein mobiles Schreibtischlämpchen an, benetzt noch einmal die Lippen, um dann auf seiner Trompete Lieder wie „Morgen, Kinder, wird’s was geben“ in die Nacht zu schicken.

Na klar ist diese Geste bemerkenswert, da Corona in den vergangenen Wochen und Monaten das öffentliche Leben samt Kultur auf die Strafbank geschickt hat. Wer wüsste das besser als der Physiotherapeut, der in seiner Freizeit Chef des Quartetts „RiverBrass“ ist und in diesem Jahr noch keinen einzigen Auftritt hatte. Aber Covid 19 ist nicht der Auslöser für die Auftritte von Halldor Beier an den Adventssonntagen. Die haben mittlerweile eine zehnjährige Tradition, gibt der gebürtige Rostocker, den einst die Liebe in die Altmark lockte, auf Nachfrage der Volksstimme preis.

Es war vielmehr die Hektik, die der Mann mit dem besonderen Fingerspitzengefühl bei seinen Patienten und seinen Mitmenschen in der Vorweihnachtszeit wahrnahm und die er sozusagen ein Stück runterholen wollte.

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Wie hilfreich Musik dabei sein kann, weiß er, seit er im zarten Alter von 14 Jahren begonnen hat, Trompete zu spielen. Die Bemerkung, dass ihn das in der ländlichen Region auch ein Stück weit vom Physio- zum Psychotherapeuten macht, quittiert er mit einem vielsagenden Grinsen. In jedem Fall ist der Vater von zwei Töchtern mit seiner Trompete in der Weihnachtszeit eine besondere Institution bei den gut 200 Einwohnern des Elbedorfes. Mal verrät eine wackelnde Gardine einen Zuhörer oder eine Zuhörerin, mal erklingt zaghaft ein „Frohes Fest“ aus der Dunkelheit. Je länger die Aktion dauert und je mehr er sich über die Achterstraße, den Gemeindeplatz an der Alten Schmiede bis in die Deichstraße zur Schäferei Schuster und zurück in die Breite Straße vorarbeitet, desto mehr scheinen die Leute aufzutauen.

Hinter einem angeklappten Fenster wird eine Kerze geschwenkt, andere schauen heraus oder kommen für das eine Lied sogar auf die Straße. Für ein kurzes Gespräch oder, um eine kleine Wegzehrung zu spendieren – in diesen Tagen natürlich auf Abstand

Ein Fläschchen entkorkt er vor Ort, weil es hilft, neben Mütze, Handschuhen, Stiefeln und Regenumhang das regnerische Wetter zu ertragen.

Ein Schnäpschen in Ehren kann niemand verwehr

Mehr gönnt er sich allerdings nicht, weil er sich schließlich bis zum Schluss nicht im Ton vergreifen will.

Zwölfmal wiederholt sich das Schauspiel auch am letzten Adventssonntag des Jahres an markanten Ecken des Dorfes. Zwölfmal presst er die Lippen jeweils für ein weltliches oder kirchliches Lied aus seinem Repertoire, das in die Adventszeit passt, ans Mundstück seines Instruments. Nach einer Stunde klappert erneut das Hoftor. Halldor Beier ist mit einem guten Gefühl wieder im warmen Heim ganz in Familie, freut sich auf das Weihnachtsfest und hofft, dass im neuen Jahr mehr Kultur möglich ist.