Osterburg l Ortstermin an der Stadtrandsiedlung: Mit Susanne Bohlander aus der Kreistagsfraktion der Grünen, ihrem frisch in den Osterburger Stadtrat gewählten Parteifreund David Elsholz sowie Fabian Rieger blicken Thomas Meißner und Norbert Schumacher über den Weg zwischen den Kastanien.

Der hat sein gewohntes Bild abgelegt. An Stelle seiner bisherigen Oberfläche, die sich abgeschält im Bankett wiederfindet, deckt jetzt Asphaltgranulat den Boden ab: Um die Allee zu verfestigen, als „Baustraße“ herzurichten und für Schwerlasttransporte fit zu machen. Schon jetzt wird der Weg regelmäßig von Lkw befahren, die Material anliefern, um den Bau der drei Windräder vorzubereiten. Die „Nagelprobe“ steht der mehr als 100 Jahre alten Kastanienallee aber erst ins Haus, wenn die Windenergieanlagen voraussichtlich Mitte September antransportiert werden.

Um diese durch den Weg bugsieren zu können, drohe den Bäumen ein Rückschnitt, der die Kastanien zerstören würde, befürchten Meißner und Schumacher. Ihre Sorge begründet sich auf Informationen, die den Anwohnern der Stadtrandsiedlung vorliegen. Danach sei ein Rückschnitt der Bäume in einem Lichtraum bis zu 5,50 Metern Breite sowie bis zu 6,50 Metern Höhe genehmigt. Welche Auswirkungen ein Rückschnitt in dieser Größenordnung haben würde, zeigt Thomas Meißner mit Messlatte an. „Die Kastanien wären dann unwiederbringlich dahin“, fasst es David Elsholz in Worte.

Fabian Schwarzlose, Leiter Projektmanagement beim Vorhabenträger Fefa, kann diese Befürchtung nachvollziehen. „Im Bereich der Kastanienallee würde die ,lichte Höhe‘ von 6,50 Metern zu einem nicht hinnehmbaren Eingriff führen, der die Allee als solche gefährden könnte.“ Dies sei vonseiten des Ingenieurbüros aber nicht gewollt. „Wie in der Bauausführung üblich, muss vor Ort gegebenenfalls eine Anpassung erfolgen. Genau dies ist im Bereich der Kastanienallee der Fall und die maximal mögliche Lichtraum-Höhe wurde auf 4,50 Meter begrenzt“, äußert sich Schwarzlose. Man werde weder Kastanien fällen noch massive Rückschnitte im Kronenbereich der Bäume durchführen, betont der Projektmanagement-Leiter. Nach seinen Angaben habe man im Zuge der Begehungen zur Routenfindung festgestellt, dass unter den Kastanien eine lichte Höhe von gut vier Metern vorhanden sei. Die genüge, „dass die derzeitigen Transporte die Zufahrt ohne Probleme nutzen können“.

Für den Transport der Windenergieanlagen könne sich eine Erhöhung auf die lichte Höhe von 4,50 Metern erforderlich machen. Welche Maßnahmen dazu nötig seien, werde in einer für Ende Juni/Anfang Juli geplanten Begehung mit Mitarbeitern der unteren Naturschutzbehörde besprochen und protokolliert. Er erwarte die Kürzung einzelner, dünner Äste, diese Maßnahmen würden dann aber dennoch beim Umweltamt zur Genehmigung beantragt. „Vorher passiert in der Kastanien­allee nichts.“

Alternative

Warum der beliebte Spazier- und Wanderweg überhaupt als „Baustraße“ in Erwägung gezogen wurde, kann Norbert Schumacher nicht nachvollziehen. „Es gibt doch Alternativen, die sich viel besser geeignet hätten.“ Schumacher verweist auf den sogenannten Birkenweg, der von der B 189 in Höhe des Osterburger Wohnquartiers An der Golle zum zukünftigen Standort der Windräder führt, um Stadtrandsiedlung und Allee aber einen Bogen macht.

Davon abgesehen sei der Birkenweg auf den ersten Metern schon befestigt, seitdem an seinem Rand eine Trafostation gebaut wurde. Eine andere Alternative würde sich mit einem Abzweig von der Straße zwischen Storbeck und Osterburg auftun. Wenn im dortigen Waldgebiet Rückschnitte nötig wären, sei das nicht so gravierend, weil dies ohnehin bald geschehen werde, da dort die zukünftige Autobahn verlaufen wird und noch dazu quasi daneben von der Stadt ein Industrie- und Gewerbegebiet geplant sei, begründet Schumacher. Und es gibt, über Klein Ballerstedt, sogar noch eine dritte Alternative abseits der Kastanienallee, um zum designierten Standort der drei neuen Windriesen zu gelangen.

Es habe im Rahmen des Antragsverfahrens zu dem Windpark Osterburg einen Variantenvergleich „hinsichtlich der Wegeführung zu den Windkraftanlagen“ gegeben, teilte das Landratsamt auf Nachfrage mit. „Die jetzige Wegeführung ist das Ergebnis des Variantenvergleichs, wobei eine Beschädigung der Alleebäume dabei auszuschließen war oder ist.“ Welche Gründe für die dicht an Häusern der Stadtrandsiedlung vorbei und durch die Kastanien­allee führende Route sprach, dazu hält sich der Landkreis trotz erneuter Nachfrage bedeckt. Dagegen bestätigt er, dass Alleen gesetzlich geschützt seien und „alle Handlungen, die zu deren Zerstörung, Beschädigung oder nachteiligen Veränderung führen können, verboten sind“. Und kündigt deshalb im Wortlaut an: „Sollte sich also heraus­stellen, dass durch die Befahrung mit den Schwerlasttransporten eine Beschneidung der Alleebäume erforderlich wäre, muss und wird nach einer anderen Zufahrtslösung außerhalb der Allee gesucht“ werden.

Ob in diesem Fall tatsächlich noch einmal ernsthaft über eine alternative Route nachgedacht würde, scheint mit Blick auf die bereits umgesetzte Investition in die Aufrüstung der „Baustraße“ inklusive ihrer Anbindung an die B 189 fraglich. Fragen hat auch David Elsholz. „Wurde die massive Belastung der vorhandenen mitbenutzten Anwohnerstraße durch Baufahrzeuge berücksichtigt?“, ist eine davon. Eine andere Frage adressiert das zukünftige Stadtratsmitglied an das Osterburger Rathaus. Elsholz will wissen, ob „hier eigentlich die bestehende Baumschutzsatzung der Biesestadt beachtet wird“. Das sichert Matthias Köberle zu: „Natürlich, wir haben da ein Auge drauf“, sagt der Bauamtsleiter.