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Gewerbe in OsterburgDer letzte „Späti“ von Osterburg (Kreis Stendal) geht in Rente

Karla und Rüdiger Müller schließen nach drei Generationen ihren Familienbetrieb.Damit verliert die Stadt Osterburg den letzten Tante-Emma-Laden.

Von Astrid Mathis 31.01.2024, 11:16
Karla und Rüdiger Müller aus Osterburg im Kreis Stendal haben ihren Laden geschlossen.
Karla und Rüdiger Müller aus Osterburg im Kreis Stendal haben ihren Laden geschlossen. Foto: Astrid Mathis

OSTERBURG. - Was? Der Tante-Emma-Laden neben dem Haus des Handwerks hat zu? Ja, wirklich. Seit Januar ist der Laden in der Naumannstraße in Osterburg (Kreis Stendal) Geschichte. Karla (65) und Rüdiger Müller (67) ziehen nach 33 Jahren einen Schlussstrich und gehen in Rente.

Aber was haben sie nicht alles erlebt? Dabei fing die Geschichte des Ladens schon viel früher an. Nämlich um 1920 als Kolonialwarenladen. „Mein Großvater Siegmund Müller hat das Unternehmen mit einem Teilhaber gegründet. Er führte den Lebensmittelhandel, Herr Schneegaß den Kohlehandel.“ In nächster Generation übernahmen Sohn Erwin und dessen Bruder Siegmund den Betrieb und tauschten nach einiger Zeit die Verantwortlichkeiten. Als die Brüder 1987 in Rente gingen, stand der Laden erst mal leer. Mit der Wende den Neustart zu wagen, war eine Überlegung wert.

Siegmund Müller eröffnete um 1920 in Osterburg (Kreis Stendal) einen Kolonialwarenladen mit Kohlehandel.  Von der Zeit mit seinem Teilhaber Schneegaß zeugt noch eine Postkarte.
Siegmund Müller eröffnete um 1920 in Osterburg (Kreis Stendal) einen Kolonialwarenladen mit Kohlehandel. Von der Zeit mit seinem Teilhaber Schneegaß zeugt noch eine Postkarte.
Foto: Astrid Mathis

Rüdiger Müller, Jahrgang 1956, und als gelernter Heizungsmonteur bei der PGH „Sanitäre Technik“ angestellt, hatte mit seiner Frau Karla anfangs die Idee, dort ein Eiscafé zu eröffnen. Nach ihrer Ausbildung im Kulturhaus bei Erwin Lewin und zehn Jahren als Küchenleiterin im KFL (Kreisbetrieb für Landtechnik) wollte sie schnell raus aus der Arbeitslosigkeit und wieder unter Menschen. Als der Antrag für das Eiscafé abgelehnt wurde, entschied sich das Paar für den Tante-Emma-Laden – allen Supermärkten zum Trotz. Die schossen Anfang der 90er wie Pilze aus dem Boden. Optimistisch eröffnete Geschäftsführer Rüdiger Müller am 20. September 1990 in dritter Generation. 2002 übernahm Ehefrau Karla die Geschäftsführung, als ihr Mann bis 2007 wieder als Heizungsmonteur arbeitete.

Umzug aus dem Neubau

„Wir mussten ja unsere Familie ernähren und den Kredit für den Ausbau unserer Wohnung im Laden abbezahlen“, erzählt Karla Müller. Ehe das Paar 1996 vom Neubau über den Laden ziehen konnte, vergingen einige Jahre. Die 65-Jährige blickt auch auf gesundheitliche Herausforderungen zurück. „Der Arzt hat gesagt, ich bin ein medizinisches Wunder. Nach den Nasen- und Nackenkarzinomen wurde 2016 bei mir Nierenkrebs festgestellt“, so die 65-Jährige. „Aber der Laden war immer unser Leuchtturm.“ Mal abgesehen von einer Spanienreise kann sich das Paar nicht an Urlaub erinnern. Es war ja sogar sonntags für ein paar Stunden auf. Unter der Woche kamen die Schulkinder vorbei, abends traf sich der eine oder andere auf ein Bier bei Müllers. „Unser Laden war sozialer Treffpunkt für viele.“ Oft halfen Müllers beim Ausfüllen von Anträgen oder wussten, wer bei Problemen helfen könnte. „Sie leisten wichtige Sozialarbeit für unsere Stadt, hat Bürgermeister Hartmuth Raden mal gesagt“, bemerkt Rüdiger Müller. „Und Detlef Schattke meinte auch. Sie machen das richtig. Das hat uns natürlich gefreut.“ Besonders schön war für das Ehepaar jedes Jahr der Karnevalsumzug. Da kamen frühere Schulkinder vorbei und schwärmten: „Wir haben bei Ihnen immer Lutscher und Bonbons gekauft. Wissen Sie noch?“ Die Älteren mochten vor allem Sauerkraut und Salzgurken vom Fass. Wer hat das sonst schon im Angebot gehabt?

Wie in Großstädten als "Späti" beliebt, so war auch der Tante-Emma-Laden von Karla und Rüdiger Müller in Osterburg (Kreis Stendal) ein Anlaufpunkt für viele. Jetzt haben sie Zeit für ihren Hund Willi.
Wie in Großstädten als "Späti" beliebt, so war auch der Tante-Emma-Laden von Karla und Rüdiger Müller in Osterburg (Kreis Stendal) ein Anlaufpunkt für viele. Jetzt haben sie Zeit für ihren Hund Willi.
Foto: Astrid Mathis

Die Umstellung auf den Euro und die zeitweilige Schließung wegen Corona machten es dem Laden nicht gerade leicht, das Überleben der Unternehmer zu sichern. Zuletzt setzte die Erhöhung der Strom- und Gaspreise zu. „Und bei Zeitschriften, Getränken und Tabak galt eine Mindestabnahme, die wir irgendwann nicht mehr gewährleisten konnten“, gibt Karla Müller zu bedenken. Manchmal war sie für zwei Euro die Stunde im Laden. Das Gewerbe abzumelden, stand für sie schon ein Jahr lang im Raum. „Mein Sohn hat sich darüber amüsiert, weil ich die Schließung Monat für Monat hinausgeschoben habe“, bemerkt die 65-Jährige.“Jetzt sitze ich über der Abrechnung für das Finanzamt und habe angefangen, abends Pferde für das Enkelkind zu häkeln.“

"Danke an unsere Kunden!", sagen Karla und Rüdiger Müller aus Osterburg im Kreis Stendal. Der Zusammenhalt lag dem Paar immer am Herzen.
"Danke an unsere Kunden!", sagen Karla und Rüdiger Müller aus Osterburg im Kreis Stendal. Der Zusammenhalt lag dem Paar immer am Herzen.
Foto: Astrid Mathis

Vier Enkel hat das Paar inzwischen, und von Sohn Andreas gab es zum Jahreswechsel Hund Willi dazu, der für Abwechslung und Spaziergänge sorgen soll. Zeit für sportliche Aktivitäten haben Müllers jetzt auf jeden Fall mehr als zuvor. Hof und Garten wollen ebenfalls gepflegt sein. „Ich habe immer darauf geachtet, dass hier Ordnung gehalten wird“, betont Rüdiger Müller. „Und als einer vor unserer Tür Winterlinge ausgebuddelt hat, meinte ich: Sie können gerne welche von mir haben. Sie hätten doch nur zu fragen brauchen.“

Als „Späti“ der Renner

Was in Großstädten als sogenannter „Späti“ der Renner ist, fehlt Osterburg nun mit dem Ende des Tante-Emma-Ladens in der Naumannstraße. Bei einigen kullerte sogar ein Tränchen die Wanger herunter. Müllers Kinder haben sich beruflich anders orientiert: Während Tochter Antje in der Stadtverwaltung Seehausen angestellt ist, hat ihr Sohn Andreas als Leiter der Holzwerkstatt in der Lebenshilfe Osterburg sein Glück gefunden. „Es war immer schön, mit den Kunden ins Gespräch zu kommen. Ein schöner Zusammenhalt“, ist sich das Paar einig.