Osterburg l Ein clever gewählter Abschied. Ellen Juhnke hat ihren letzten Arbeitstag am 22. Dezember, wenn die ganze Praxis Werderwiese in den Weihnachts- und Neujahrsurlaub geht, wenn also jeder ohnehin so ein bisschen aufgeregt und in Aufbruchsstimmung ist. Jeder oder besser jede, denn bis auf den Hausmeister ist das 13-köpfige Team Werderwiese weiblich. „Ohne Zickenterror, den wollen wir hier nicht, wir sind ein starkes Frauenteam“, sagt die 63-Jährige. „Eine allein kann nichts“, betont sie. Und lässt dann im Gespräch mit der Volksstimme doch zu, dass es kurz um sie geht. Sie, die in Krevese geboren ist und als Kind große Angst vorm Zahnarzt hatte. „Ich wurde falsch behandelt.“ Weil sie es besser machen wollte, folgte sie schließlich dem Beispiel ihrer Schwester und studierte auch Zahnmedizin. Erst vier Jahre in Leipzig, „bis uns dort wegen Baufälligkeit die Decke auf den Kopf fiel“, und dann noch ein Jahr in Rostock. „Das war richtig gut dort.“

Nur eine Krone im Monat

Die erste Etappe ihres Berufslebens hatte Ellen Juhnke im Stomazentrum der Osterburger Poliklinik. Sie absolvierte dort ihre Facharztausbildung für allgemeine Stomatologie und bemerkte, dass der DDR-Materialmangel sich auch auf ihren Berufszweig niederschlägt. „Wir konnten zum Schluss noch eine Krone im Monat machen.“

Die Wende kam für Ellen Juhnke genau richtig. Sie hatte immer den Wunsch, sich selbstständig zu machen, nun durfte und musste sie springen, baute Räumlichkeiten auf dem Hof ihrer Eltern aus. „Ich hatte vorher kein Geld und dann plötzlich 250 000 DM Schulden“, sagt sie und erinnert sich an so manch’ schlaflose Nacht: „Hoffentlich haste das alles richtig gemacht.“

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Vor morgens bis abends gebohrt

Praxiseröffnung war am 28. Dezember 1990, erst im August darauf erhielt sie das erste Geld und konnte ruhiger werden, was allerdings gar nicht so einfach war: „Es gab einen unheimlichen Nachholebedarf bei den Patienten. Wir haben von morgens bis abends gebohrt, gebohrt, gebohrt.“ Morgens standen 20  Leute vor der Tür und nach der Mittagspause noch mal 20  Leute, „das war ein wahnsinniges Arbeitspensum, bis 21 Uhr durch, wir haben es gemacht, das waren wirre Zeiten.“ Es lief gut, Ellen Juhnke stellte Zahnärztin Elke Bach mit ein und spürte irgendwann, dass sie einen nächsten Schritt gehen muss. Es war zu eng auf dem Hof und Privatsphäre kaum möglich. Die Treppe zur privaten Wohnung ging neben der Rezeption nach oben, „einmal stand plötzlich ein Vertreter neben mir in meinem Bad“, sagt Ellen Juhnke, die heute darüber lachen kann. Und sich ganz genau an das befreiende Gefühl erinnert, das sich einstellte, als die Praxis 2005 auf das von ihr erworbene und umgebaute Grundstück nebenan zog. „Das war wunderbar.“ Mit dem Schritt hatte Ellen Juhnke abermals finanziell Mut bewiesen. „Ich war ja gerade schuldenfrei. Beim Umbau musste jeder aus unserer Familie mit Steine schleppen.“ I-Tüpfelchen für ihre Entscheidung zum Kauf war ein Telefonat mit Tochter Franziska Werneke, die damals als Gymnasiastin Austauschschülerin in den USA war. „Sie sagte mir am Telefon, dass sie Zahnmedizin studieren wird.“ Damit war nichts fix, aber es bestand zumindest die Möglichkeit, dass sie irgendwann in ihre Fußstapfen tritt. So, wie es jetzt geschieht.

Ärztinnen-Team bleibt zu zweit

Seit 2016 sind Ellen Juhnke und Tochter Franziska Werneke eine Berufsausübungsgemeinschaft, jetzt übernimmt Franziska Werneke die Praxis ganz. Zahnärztin Vivien Jansen (39), die seit 2006 in Anstellung ist, bleibt dabei. Eine dritte Zahnärztin ist zunächst nicht vorgesehen, de facto sind in den vergangenen Jahren die meiste Zeit ohnehin immer nur zwei Ärztinnen da gewesen, da sowohl Franziska Werneke als auch Vivien Jansen zwei Kinder bekommen haben. „Und das wollte ich auch noch mit begleiten“, sagt Ellen Juhnke.

Frank Juhnke habe die Entscheidungen seiner Frau Ellen immer mitgetragen. „Das war mir eine große Hilfe.“ Auch jetzt ist er an ihrer Seite, wenn sie in Rente geht und sich alles bestimmt erst mal komisch anfühlt. Mulmig ist Ellen Juhnke wohl, aber bange nicht. Da ist die Freude aufs Wohnmobilfahren, aufs Töpfern und vor allem ist mehr Zeit für die fünf Enkelkinder – zwei von Tochter Franziska in Osterburg und drei von Sohn Dr. Thomas Düsing in Leipzig. Er arbeitet als Facharzt für Orthopädie und Unfallchirurgie, hatte mal mit der Kieferchirurgie geliebäugelt, „aber das war ihm zu friemelig“.

Vorliebe fürs Chirurgische

Indes teile Tochter Franziska Ellen Juhnkes Leidenschaft für das chirurgische und prothetische Arbeiten. „Ich konnte die Erfahrungen aus unzähligen Fortbildungen gut hier ans Team weitergeben“, sagt Ellen Juhnke. Und da ist es wieder: das Team. Es soll nicht unerwähnt bleiben, dass die Zahnmedizinischen Fachangestellten Heike Lücke und Grit Gernecke damals vom Stomazentrum mit in Ellen Juhnkes Praxis gekommen sind. Nancy Alph stieß als Lehrling kurze Zeit später neu dazu.

Am 28. Dezember wird die Osterburger Praxis Werderwiese, Ellen Juhnkes „Baby“, 30 Jahre alt. Es ist flügge geworden. Und Frau Juhnke tut’s (fast) gar nicht weh.