Drüsedau l Vor elf Jahren "mogelte sich Leonie in unser Leben“, so Doreen Günther über ihre schwer und mehrfach behinderte Tochter. Die 52-Jährige sagt das liebevoll, obwohl sie und ihr Lebensgefährte allen Grund hätten, mit ihrem Schicksal zu hadern und über die Resonanz von Menschen, die das Mädchen und seine Handicaps nicht kennen beziehungsweise auf den ersten Blick nicht erkennen, ebenso verbittert zu sein wie über Institutionen, von denen sie sich eigentlich Hilfe erhofft.

Zum Beispiel über die AOK Magdeburg. Bei der bemüht sich die gelernte Zerspanerin, die nur noch einer geringfügigen Beschäftigung nachgehen kann, seit zwei Jahren um ein Therapie-Fahrrad für Leonie, die aufmerksam ihre Umgebung beobachtet, beschäftigt sein will, ihre täglichen Routinen braucht, lebendig und freudig auf Neues reagiert, aber sowohl körperlich als auch seelisch doch so verletzlich ist.

Als extremes Frühchen mit nur 750 Gramm zur Welt gekommen, kämpft das Mädchen seither unter anderem mit mehreren Krankheitsbildern, die die Fachwelt unter dem Begriff Mikroduplikationssyndrom zusammenfasst. Dazu beziehungsweise dadurch begünstigt leidet die Elfjährige unter ADHS, Epilepsie, Autismus und einem leichten Tourette-Syndrom. Dass es Leonie mit ihrer Erbkrankheit überhaupt so weit geschafft hat, ist an sich schon ein Wunder. Ebenso, dass sie sich gut artikulieren kann und trotz spastischer Füße laufen gelernt hat. Logopädie-, Physio-, Ergo- sowie Vojta-Therapien und anderes mehr haben neben viel Geduld und Aufmerksamkeit für den jetzigen Entwicklungsstand gesorgt, den es in kleinen Schritten zu verbessern oder zumindest zu halten gilt.

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Ein Therapie-Fahrrad, so wie es die Kinderärztin verschrieben hat und Leonies Therapeuten befürwortet haben, sollte dabei wichtige Dienste leisten. Dass die Tochter, die tagsüber die Förderschule Erxleben besucht, gern in die Pedale tritt, beweist sie auf einem älteren Kinderfahrrad mit selbst angebauten Stützrädern. Nur ist sie dem Gefährt inzwischen so weit entwachsen, dass es ihr fast mehr schadet als nutzt. Allein für ihre Beckenschiefstellung bräuchte es das Therapie-Fahrrad, bei dem sogar die Umfallsicherung gefedert ist und das in der Grundausstattung unter anderem über einen sehr tiefen Einstieg, ein sicheres Bremssystem, Beleuchtung, Gelsattel und eine Schaltung verfügt und darüber hinaus genau auf die speziellen Bedürfnisse von Leonie eingestellt werden kann. Dazu ist es klappbar. Was den Transport zum Beispiel für Besuche bei der Tante in Karstädt erleichtert, wo Leonie mit Gleichaltrigen fahren kann, die es in ihrem Heimatort kaum gibt.

Die Technik hat allerdings auch ihren Preis, der das Budget der kleinen Familie überfordert. Wiederum wäre es eine nachhaltige Anschaffung, weil das Rad Leonie auch noch als Erwachsene tragen würde. Mit einem Rezept sollte das eigentlich auch kein Problem sein, hatte Doreen Günther im August 2018 angenommen. Bisher indes vergeblich. Die Krankenkasse erkennt zwar an, dass das Mädchen mit seinen neuromuskulären Erkrankungen und aufgrund der Behinderungen keine normalen Kinderräder nutzen kann und dass ein Therapierad von Vorteil wäre, aber offenbar vor allem zur Integration in einer Gruppe Gleichaltriger.

Da Letzteres bei Leonie zumindest zu Hause nicht gegeben und das Radfahren ohne Aufsicht überdies nicht möglich wäre, sei die Heilmittelverordnung nicht zielführend, heißt es in der ersten Antwort, der die Mutter Einsprüche folgen ließ, weil sie nicht zum ersten Mal um Hilfe streitet.

Mit ihrem Latein am Ende hat sie sich inzwischen rechtlichen Beistand gesucht und gefunden. Der Fachanwalt für Medizinrecht lässt keine Zweifel daran aufkommen, dass die Ablehnung rechtswidrig und wie wichtig das Therapie-Fahrrad als Ergänzung der anderen Behandlungen sei. Zum Beispiel, um Haltungsschwächen zu lindern, den Bewegungs- sowie Sehnenapparat zu stärken, Gleichgewicht, Koordination und motorische Fähigkeiten zu verbessern. Insbesondere für die Schieflage im Beckenbereich und die damit verbundene Fehlstellung des Beines sei der Einsatz des speziellen Fahrrads medizinisch sinnvoll, steht unter anderem in der Klagebegründung an die Adresse des Sozialgerichtes Magdeburg. Im Zweifel, heißt es in dem Schreiben weiter, wäre das durch ein Sachverständigengutachten zu bestätigten.

Auf Nachfrage der Volksstimme bei der AOK Magdeburg heißt es aus der Presseabteilung, man habe Verständnis für den Wunsch der Familie, dass sich ihr Kind so frei und selbstständig wie möglich bewegen kann. Im Fall von Leonie gehe es aber vor allem darum, eine Eigen- und Fremdgefährdung auszuschließen, was die Entscheidungsträger neben den körperlichen Behinderungen mit den Epilepsie-Anfällen begründen.

Neue Prüfung unabhängig vom Gerichtsverfahren

Allerdings räumt die AOK auch ein, dass seit dem letzten Gutachten etwas Zeit vergangen ist. „Wir sind gern bereit, erneut zu prüfen, ob sich an der Situation etwas geändert hat. Man werde deshalb jetzt und unabhängig vom laufenden Gerichtsverfahren beantragen, dass der Medizinische Dienst Leonie zu Hause begutachtet, um zu entscheiden, ob beim Benutzen eines Therapie-Dreirades eine Eigen- oder Fremdgefährdung ausgeschlossen werden kann.“