Meseberg l „Es war ungefähr vor einem Jahr, dass mir unsere Bürgermeisterin Helga Beckmann von dem Projekt „Wissen der Region erzählte“, erinnert sich Bernhard Sasse. „Dann habe ich mich einfach hingesetzt und die Geschichte der Mühle aufgeschrieben. Ich habe ja das meiste im Kopf. Manches Detail weiß man nicht, aber dafür gibt es Unterlagen, in denen ich nachschauen kann.“

Der Meseberger schrieb also die Geschichte „seiner Mühle“ und ein bisschen über sich: „1988, als ich das Grundstück erworben hatte, war ich ja noch jung und hatte eine romantische Vorstellung“, beginnt Sasse. Er baute neben der Mühle ein Haus, gründete eine Familie und sah 1990 als selbstständiger Tischler idealistisch in die Zukunft. Die Mühle musste doch allein zu stemmen sein! Doch die Marktwirtschaft nahm ihn in Beschlag, die Mühle mit Geburtsjahr 1812 lag brach. Irgendwann war sie, in Calberwisch erbaut, nach Meseberg gekommen und eines Tages Bernhard Sasse zu ihr.

Neuseeländer sorgten für Initialzündung

„Es war schon ein Kraftakt, überhaupt das Dach provisorisch zu sichern. Dann habe ich die Firma verkauft und hatte eine andere Idee: Ich habe gemerkt, das kann man nicht allein! Die Mühle ist ein Wahrzeichen und keine Privatangelegenheit. Sie hat ihre Funktion verloren und muss für sich stehen, um wieder zu funktionieren.“ Fördermöglichkeiten ergeben sich außerdem nur aus einem Verein. Den gründete Bernhard Sasse 2003 mit sieben weiteren interessierten Altmärkern, aber wieder kam er nicht weiter. „Wir dümpelten vor uns hin, wussten nicht recht, wie wir es anfangen sollten, bis 2006 Besuch aus Neuseeland kam“, kramt Sasse in Erinnerungen. Nachkommen von Karl Friedrich Wilhelm Daßler, der 1878 als Besitzer eingetragen war, tauchten im altmärkischen Meseberg auf, „reckten ihre Hälse“ über Sasses Zaun und wollten sich auf die Spuren ihrer Vorfahren begeben. Besser gesagt, der hochbetagte Urenkel Leslie Daßler mit seinem Schwiegersohn und ein paar Freunden aus Deutschland. Sie schauten die Dachbalken an, auf denen Karl Daßlers Namen ebenso verewigt war wie dessen Bruder, der die Mühle einst gebaut hatte. Mit Jahreszahl.

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Gemeinde sprang mit ein

Leslie bekam eine kleine Broschüre mit auf den Weg und die Geschichte von Bernhard Sasses Plan. „Er war so davon angetan, dass er uns Geld vermachte, als er ein halbes Jahr später starb“, berichtet der Vereinsvorsitzende noch immer staunend und gerührt. „Das war die Initialzündung! Ich dachte mir, wenn sich am anderen Ende der Welt Leute für die Mühle einsetzen, müssen wir es doch als Altmärker erst recht.“ Sasse sprach die Gemeinde an und erhielt auch dort den Zuschlag. Damit war die finanzielle Grundlage da, denn ohne Eigenanteil sind keine Fördermittel zu bekommen. Die gab es 2007 endlich. „Dann nahm das Projekt richtig Fahrt auf! Wir gründeten das Mühlentheater, das die Eigenmittel einspielte, machten mit Festen und Auftritten zu Himmelfahrt und den Literaturtagen Gewinne, um die Fördermittel zu sichern.

Zum Jubiläum fertig

Als das Geld für eine Verjüngungskur reichte, stand Bernhard Sasse vor der nächsten Hürde: „Ich komme zwar aus der Holzbranche, aber ich habe das Fachwissen, das man dafür braucht, unterschätzt.“ In Ulrich Blümner aus Bismark fand er mit dem Verein den richtigen Mann, die Mühle wieder aufzubauen. „Wir hatten eine gute Zusammenarbeit und konnten bis zum 200-jährigen Bestehen 2012 die Mühle so instandsetzen, dass sie sich wieder drehte und Besucher sie seitdem besichtigen können. Daran hatte jeder seinen Anteil.“

In Bernhard Sasses Haus hängt ein Foto von Jörg Gerber, das die Mühle in ihrem maroden Zustand zeigt, ein Zeitungsartikel. Darunter steht ein Gedicht des ehemaligen Bürgermeisters Werner Zierke, der seinerzeit wenig hoffnungsvoll über das Wahrzeichen Mesebergs schrieb. „Mein Mühlen-Gedicht ist noch offen, denn so deprimierend steht es heute nicht mehr um die Mühle“, erklärt Bernhard Sasse und schmunzelt. „Es formen sich schon Gedanken“, fügt er hinzu. Schließlich fröhnt er im Club Altmärkischer Autoren seine Liebe zur Dichtkunst seit mehr als drei Jahrzehnten. Als Kopf der Musikgruppen Tippelbrüder und Schwarzbrand spielte er oft zum Wohle der Mühle auf, aber die Musik ist in diesem Jahr nicht mal auf Sparflamme. „Du brauchst Auftritte, um motiviert zu sein. Dass wir in diesem Jahr wegen Corona nicht mal Himmelfahrt unser Fest hatten, ist ein großer Verlust, wir brauchen die Einnahmen.“

Sasse stolz auf Gemeinschaftswerk

Vor zwei Jahren hatte ein schwerer Sturm einen halben Flügel abgerissen, der dankenswerterweise durch Spenden wieder erneuert werden konnte. Zuletzt war die Bremse kaputt und schluckte ein paar hundert Euro. Allein die Wartung kostet schon Geld, das Gelände will gemäht, das Benzin bezahlt werden. Dazu kommt ein weiteres Problem: „Wir überaltern! Es ist dringend notwendig, dass wir engagierte, gesellige Nachfolger finden, die daran interessiert sind, ein altes technisches Denkmal zu erhalten.“ Die Theatergruppe verwaltet sich inzwischen selbst und ist als Mäzen raus. „Und das ist ja auch selbstverständlich. Requisiten und Bühnenbilder sind nicht umsonst“, gibt Sasse zu, „fest steht, ohne das Theater hätten wir das nie so hinbekommen.“

Der 65-jährige Tischlermeister sprüht vor Energie und ist stolz auf sein Lebenswerk, das er als Gemeinschaftswerk sieht, wie er betont. Noch immer baut der Vater dreier Kinder Tische und Stühle, dazu Holzhäuser an der Ostsee und im Berliner Raum. „Rentner? Kann ich mir nicht vorstellen“, bemerkt er lachend. „Zur Ruhe setze ich mich jedenfalls nicht. Bei mir gehen doch Arbeit und Freizeit ineinander über.“ Und dann sind da noch seine Enkel, bei denen ihm das Herz aufgehe. Hörbücher und Musik. Sein Blick fällt auf die Mühle. „Werner Zierke hätte wohl nie gedacht, dass die Mühle einmal wieder in altem Glanz erstrahlen würde.“ Das letzte Kapitel ist noch lange nicht geschrieben. Bernhard Sasse hat noch ein paar Buchseiten zu füllen.

Wer sich näher für die Mühle interessiert, kann sich unter Tel. 0172/3 25 25 59 bei Bernhard Sasse melden. Spenden für den Meseberger Mühlenverein sind willkommen unter der Kontonummer DE23 810.505.553.030.014.370, NOLADE21SDL

Band V der Reihe „Das Wissen der Region“ kostet 22 Euro und ist unter anderem in der Stadtinfo Osterburg erhältlich.