Krumke l  Journalistin Sibylle Sperling führte im Krumker Kavaliershaus zum Thema "Literatur gestaltet Heimat“ die Autoren Michaela Maria Müller und Ammar Awaniy mit Musikjournalist Markus von Schwerin zusammen und stellte eigene Gedanken dazu aus ihrem Buch vor.

"Min Heimat“, das sind für Sibylle Sperling zwei: Berlin, die inspirierende Großstadt, und die schöne grüne Altmark, die sie vor zehn Jahren aufnahm und kennenlernte, Menschen, Tiere, Himmel und Kirchen. Ganz nebenbei erforschte sie das Land ihrer Großeltern, wo man sich nicht darum kümmert, was andere denken.

Wie passend schloss Markus von Schwerin mit Gitarre Otto Reutters Lied „Einsamkeit“ an, das die Vorteile derselben aufzuzählen weiß: „Ach, wir leben heut‘ meist für andre Leut‘! Sei von Zeit zu Zeit in der Einsamkeit, dann erkennst du dich, prüfst dein Ich, bist von dir erfreut in der Einsamkeit. Schau auf die Natur! Schaff‘ im Stillen nur!“

Michaela Maria Müller aus Potsdam arbeitete gerade an ihrem fünften Buch und Sperling an ihrem zweiten, als sie sich im vergangenen Jahr in Wittenberge kennenlernten. Beuster hatte Müller gleich gefallen. Die Bayerin fand im Landleben der Altmark Parallelen zu ihrer Heimat. Tatsächlich stellte sich heraus, der Onkel aus Bayern stammte aus jenem östlichen Landstrich. 1917 geboren, Kriegsheimkehrer, der spanischen Grippe getrotzt und nach München übergesiedelt, wurde er in einem bayerischen Kirchendorf sesshaft, fand seine Frau Leni, für die er vom protestantischen zum katholischen Glauben wechselte. Viehzucht, Schweinemast, Rindermast, Biogasanlage in der Nähe heute. Mit 54 starb ihm die Frau, 34 Jahre blieb er allein. Müllers Onkel bestand auf dem „Pfiati“ aus Bayern, obwohl er doch Altmärker war und in der Schule Hochdeutsch gelehrt wurde. Die Autorin beschrieb, wie sie als Kinder mit dem Brotzeitbrett über die Straße gingen und Naschzeug vom Onkel bekamen.

„Mein Großvater hat eine ähnliche Geschichte, er ist 1914 in Wittenberge geboren“, bemerkte Sibylle Sperling. Durch den Krieg kam er nicht zurück. Die Eltern ihres Mannes wiederum stammten aus Schlesien, flüchteten nach Hannover, wo sie zeitlebens als Flüchtlinge betrachtet wurden. In Stendal angekommen „ist er jetzt der Wessi“.

Ammar Awaniy wurde 1993 in Syrien geboren. Er war 17 bei Kriegsausbruch. Sein Bruder besuchte die Hochschule für Kunst und Theater in Damaskus, wollte Schauspieler werden. Ammar entschied sich für Elektrotechnik. Seit fünf Jahren lebt er in Magdeburg, Schriftsteller und Schauspieler ist er in Deutschland geworden. Alles ist anders als früher. Am liebsten würde er seine Eltern holen, aber sie würden hier nicht heimisch werden. In seinem Buch „Fackel der Angst“ schreibt er seine persönlichen Erfahrungen nieder. Er lässt die Zuhörer im Kavaliershaus an seinem letzten Tag in Syrien teilhaben. „Ich hatte ja keine Lebenserfahrung, war nie unabhängig“, sagt er.

Seine Mutter hatte Minze getrocknet, den Tee trank er, ohne krank zu sein. Ein Ritual. „Vaters Couch ist die beste. Von dort sieht man die Welt aus seinen Augen“, erzählt Awaniy. „Guten Morgen, mein Lieber“, sagt dieser. Und sein Sohn Amman antwortet: „Guten Morgen, Meister!“ Wie immer. Drei oder vier Umzüge hat die Familie schon hinter sich seit Kriegsausbruch. Stromausfall sieht Awaniy als tägliche Chance. Um schätzen zu lernen, das Handy oder den Computer nutzen zu können. „Hast du gut geschlafen?“, fragt der Vater und: „Trinkst du einen Kaffee mit mir?“ Als könnte, als würde Amman ablehnen! Es wird vielleicht die letzte in der Heimat sein.

Lebensgeschichten und Lebenslieder nahmen die Zuhörer mit auf die Reise in das Thema Heimat. Aufmerksam lauschten sie und angeregt tauschten sie sich darüber aus, was für sie selbst Heimat bedeutet.