Osterburg l Es ist seine erste Hochzeit, seit das Corona-Virus für unzählige Absagen von Vermählungen sorgte. Nicht unbedingt für Jürgen Endreß, denn er kommt im Jahr ohnehin auf höchstens fünf. Weil er nicht mehr will. „Ich mache das nur für sehr gute Bekannte, sonst wäre ich ja dauernd auf Achse. Mich sprechen wirklich sehr viele an“, verrät der 74-Jährige. Und Maria Kamrath zählt dazu. (Volksstimme berichtete) Ihre Mutter Liane Brauer übernahm schließlich immer die Gartenpflege bei seinen Schwiegereltern. Gern polierte er seinen Mercedes 220S W180 hochzeitsreif und band die Blechbüchsen dazu, die beim Losfahren so schön klappern. So ist das eben in der Altmark.

Doch von vorn. Einen Faible für Autos hatte Jürgen Endreß schon immer. Deshalb ging er auch in seinem Heimatort Gardelegen gleich seinem Interesse nach in die Lehre zum KFZ-Mechaniker und studierte auf diesem Gebiet später weiter. „Mein erster Oldtimer war ein 180er Mercedes Ponton, Baujahr 1960“, erzählt er. „Sein Nachfolger ist vom Baujahr 1957. Zu dem kam ich aber eher durch Zufall. Das ist eine längere Geschichte. So viel Zeit haben Sie nicht“, bemerkt er schmunzelnd. Und dann beginnt er: Nach der Wende hatte es ihn arbeitstechnisch nach Frankfurt am Main verschlagen, wo er bis 2008 mit seiner Frau Bärbel lebte.

1998 besuchte er dort mit ihr die Fraport, sprich: Die Flughafengesellschaft präsentiert einmal jährlich historische Fahrzeuge und zieht damit zahlreiche Gäste an. So auch den Oldtimer-Fan aus der Altmark und ein junges Mädchen mit seiner Mutter, deren Unterhaltung er zufällig mitbekam. „Opas altes Auto muss weg“, hörte er sie sagen und fragte spontan nach: „Was ist das denn für einer?“ Bei der Antwort schlug sein Mechanikerherz gleich höher: eine 2,2-Liter-Maschine, 6-Zylinder-Reihenmotor, zwei Solex-Vergaser, 106 PS, 160 km/h fährt der Benziner Spitze. Kurz: Mercedes Benz 220 S W 180. Sofort hin. Angucken. Pi mal Daumen: Original-Preis, unrestaurierten Zustand bedenken und aktuellen Wert vom Gutachter einschätzen lassen. Einen Tag später waren sie sich handelseinig. Das Prachtstück, damals noch in Hellblau-Metallic überlackiert, brauchte außer Lackier- und Sattlerarbeiten nicht viel, um unter Jürgen Endreß‘ Händen in seinen Originalzustand zurückversetzt zu werden. Die vier Wochen Urlaub vergingen für ihn wie im Fluge. Am Ende glänzte die Limo wieder schwarz und fand bei Oldtimertreffen reichlich Anerkennung. Schließlich wurde sie nur in den Jahren von 1956 bis 1959 gebaut/hergestellt.

Viel mehr Aufmerksamkeit erfährt der Benz allerdings, seit Jürgen Endreß 2008 mit Familie in das Elternhaus seiner Frau nach Osterburg zog. Bald schloss er sich dem Oldtimerstammtisch Calberwisch unter Michael Dihlmann an, wo er sich unter Gleichgesinnten begeistert austauscht, auch wenn der Treffpunkt gewechselt hat. Seitdem nimmt das Ehepaar Endreß gern an Jahrestreffen an, wie zum Beispiel am Tegernsee oder in Celle. Auch Ralf von Hagen unterstützt der Stammtisch mit seinen Hinguckern, die Museumswoche in Beuster im Sommer steht jedes Jahr im Kalender. Jeden ersten Donnerstag im Monat kommen um die 30 Stammtischfreunde zwanglos im Agraneum auf dem Gelände der LLG Iden zusammen. Am Tag des offenen Denkmals konnten sich zuletzt im Vorjahr Besucher ein Bild von Dihlmanns historischer Landtechnik, alten Motorrädern und Motorrollern und den Oldtimer-PKWs machen.

Über die handwerklichen Talente des gelernten KFZ-Mechanikers freuen sich auch andere Oldtimer-Liebhaber. Natürlich profitiert davon die Gemeinschaft, dass er sich auskennt und gern eine Maschine flottmacht, verrät er.

„Der Vorteil an meinem Modell ist, dass es noch alle Teile gibt. So kann ich den Wagen regelmäßig selbst warten und gut am Laufen halten“, nennt Endreß einen großen Vorteil seines Schmuckstücks. Das hat von Mai bis Oktober Saison, bekommt dann ausreichend Bewegung und bleibt in den Wintermonaten in der Garage unter der „Kapuze“. Alle zwei Jahre prüft der TÜV, den die Limo zuverlässig besteht. „Ich sage mal so: Briefmarkensammeln ist weniger aufwendig“, fügt der Osterburger augenzwinkernd hinzu. „Das ist eine sinnvolle Freizeitbeschäftigung, die mir viel Spaß macht. Für mehr bleibt keine Zeit.“

Jürgen Endreß untertreibt. Letztes Jahr hatte er sogar Zeit für einen Filmdreh. Als die Agentur von Til Schweiger bei ihm anrief, um seinen Oldtimer für die Kinoproduktion „Die Hochzeit“ zu gewinnen, zuckte er nicht einmal mit der Wimper. „Oldtimer werden oft gesucht. Das ist nichts Ungewöhnliches, denn wir sind hier in der Region schon eine Hausnummer. Der Kontakt ist schnell hergestellt, weil Oldtimer-Besitzer schnell gefunden werden, und so ging es mir auch mit dem Film in Krumke.“

Vier Tage war der Mercedes-Fan stundenweise am Set im Einsatz. Seine Limo war Kulisse, Statist, wurde nicht bewegt. Endreß immer in der Nähe. „Ich war mittendrin. Die lassen sich beim Film nicht lumpen. Allein schon das Catering!“, schwärmt der Osterburger. „Ich bin Til Schweiger in den Drehpausen öfters über den Weg gelaufen und kam mit ihm ins Gespräch. Ein lockerer, umgänglicher Typ. Der geht gleich auf ,du‘ über, hat keine Berührungsängste. Einmal fragte ich ihn nach einem gemeinsamen Foto zur Erinnerung an meinem Wagen. Das hat er gern gemacht.“ In der Oldtimer-Szene kenne sich der Schauspieler übrigens ganz gut aus. Eine Spritztour mit Jürgen Endreß‘ Mercedes kam trotzdem nicht in Frage. Erstens: die Zeit, „und außerdem gehört was dazu, der fährt sich nicht so leicht“, merkt Jürgen Endreß an. Für seinen Sohn Maik ein Kinderspiel. Er ist selbst seit vier Jahren stolzer Besitzer eines Mercedes 280 SLC W 107, Baujahr 1977, und mischt beim Stammtisch mit. Die Liebe zu Oldtimern ist vererbbar, zumindest bei Familie Endreß. So sieht es der Senior. Im August steht die nächste Hochzeit auf dem Plan. Aber ohne Filmteam.