Krähenplage

Osterburg: Saatkrähen rauben Kinder mit ihrem Gekrächze den Schlaf

Vogel-Kolonie an Osterburger Tagesstätte „Jenny Marx“ wird immer größer / Stadt will reagieren

Von Nico Maß
Auf den Bäumen am Osterburger Hain reiht sich Nest an Nest. Nun hat sich die Krähenkolonie auch auf das angrenzende Gelände der Kindertagesstätte „Jenny Marx“ ausgebreitet. Foto: Nico Maß

Osterburg. Sie krächzen laut und immer wieder. Ruffreudige Saatkrähen strapazieren in Osterburg die Nerven ihrer menschlichen Nachbarschaft. Und sie bringen Kinder in der Tagesstätte „Jenny Marx“ um den Mittagsschlaf. Das berichtet Kita-Chefin Ute Löschner, „Gerade erst mussten wir wieder die Fenster im Krippenbereich schließen. Die Kinder konnten wegen dem Lärm nicht schlafen. Dabei ist das Lüften der Räume doch so wichtig“, sagt sie.

Das Problem mit der gestörten Mittagsruhe hat die Kita-Chefin noch neu auf den Tisch. Denn bislang hätten die Vögel Abstand gehalten und im nördlich der Kita gelegenen Hain ihre Horste gebaut. Doch die Kolonie wuchs in den zurückliegenden Jahren stetig an. Zählte der Osterburger Vogelkundler Uwe Bach 2020 noch 46 Horste im Hain, sind es 2021 bereits 70. „Und 2022 wird wohl an die 100er-Marke gekratzt“, ahnt Bach voraus.

Schon jetzt wurde der Platz auf dem Hain also knapp. Die Kolonie breitete sich weiter aus und hat nun auch von Linden Besitz ergriffen, die sich südlich vom Kindergartengebäude befinden. Das bekomme die Kita etwa seit Februar lautstark zu spüren, der Lärm habe „brutal zugenommen“, sagt Ute Löschner.

Und der Krach scheint nicht das einzige Problem. Der Kot der Krähen verunreinigt die Spielgeräte einer Einrichtung, „die höheren hygienischen Anforderungen unterliegt“, stellt Osterburgs stellvertretender Bürgermeister Detlef Kränzel (parteilos) fest. Ähnliches gelte für den auf einem Teilstück des Hains gelegenen Verkehrsgarten. Laut Kränzel sucht die Kommune deshalb nach Möglichkeiten, um die Saatkrähen von der Kindertagesstätte sowie den Verkehrsgarten zu vertreiben und auch fernzuhalten. Das aber sei nicht ohne Weiteres möglich, weil die Vogelart unter strengem Naturschutz steht.

Die Einheitsgemeinde könne nur tätig werden, wenn das Landesverwaltungsamt (LVWA) per Ausnahmegenehmigung „grünes Licht“ für Maßnahmen gegen die Vögel gebe. „Um diese Ausnahmegenehmigung zu erhalten, genügt es aber nicht, wenn Vogelkot auf Autos fällt oder sich Bürger durch das Gekrächze der Krähen gestört fühlen. Denn dabei handelt es sich ja um ganz normale Äußerungen der Tiere“, erklärt Kränzel.

Deutlich schwerer dürfte dagegen die Notlage der Jenny-Marx-Kita wiegen. Und auch für den Verkehrsgarten sehe er „besondere Gründe“ gegeben, „weil dort ebenso wie in der Kita erhöhte hygienische Anforderungen zu stellen sind.“ Daher habe die Kommune den Ausnahmeantrag gestellt. „Nun will sich das Landesverwaltungsamt die Situation vor Ort anschauen.“

Nach dem noch für den April geplanten Vor-Ort-Termin werde das LVWA entscheiden und bei „grünem Licht“ auch aufzeigen, „was machbar ist“, so Kränzel. Schon jetzt sei aber klar, dass zeitnah nichts passieren werde, „weil die Krähen schon mit dem Brüten begonnen haben.“ Womöglich könne dann im Zeitraum von Spätherbst bis zur Brutzeit 2022 etwas unternommen werden, schätzt er ein. Davon ab stehe für ihn aber fest: „Aus dem Hain werden wir die Vögel nicht mehr bekommen.“

Auch Uwe Bach ist davon überzeugt, dass die Saatkrähen bleiben. Zumal es in Osterburg bei Raiffeisen mit 17 Horsten eine zweite und im Bereich der Kirchstraße mit acht Horsten sogar eine dritte Kolonie gebe. Dass es Saatkrähen in den zurückliegenden Jahren immer mehr in Siedlungen zieht, daran habe der Mensch im Übrigen selbst schuld. Vor allem durch Abholzung und den Einsatz von Pestiziden in der Landwirtschaft sei das ländliche Lebensumfeld der Saatkrähen nach und nach so zerstört worden, „dass sie dort nichts zu fressen bekommen.“. In Siedlungen wie Osterburg fänden die Vögel dagegen „angefangen bei Lebensmittelresten in Mülleimern bis hin zum weggeworfenen Pausenbrot“ ein vielseitiges Fressangebot vor. Das halte die Vögel auch in der Stadt. Um sie von einem Standort zu vertreiben, helfe nur eines, glaubt Bach: „Da muss schon ein Raubvogel wie Uhu, Habicht oder Wanderfalke her.“

Die Saatkrähe ist streng geschützt. In den zurückliegenden Jahren hat sich der Bestand aber spürbar erholt.
Foto: dpa