Hindenburg/Tangermünde l Mathe 1, Bio 1, Geschichte 1, Sozialkunde 1 – Deutsch 3. „Gerade in Deutsch“, sagte Seare Nega gestern Vormittag in der Jugendwerkstatt Hindenburg. Oder nein, vielmehr lächelte er es. Er lächelte über seinen kleinen Ärger hinweg. „Ich bin gesund und glücklich.“

Und stolz kann er sein, denn dass Seare die Nicht-Schüler-Prüfung an der Sekundarschule Goldbeck so gut meistern konnte, hat viel mit seinem Fleiß zu tun, mit seinem Ehrgeiz, unbedingt etwas aus seinem Leben zu machen. Etwas Schönes, Unschönes gab es genug. Seare ist gerade 22 Jahre alt geworden, vor vier Jahren beschloss er, sein afrikanisches Heimatland Eritrea zu verlassen. „Nur ich wusste das.“ Will sagen, auch seine Familie durfte nicht eingeweiht werden. Dass Seare der Diktatur tatsächlich den Rücken kehren und es in Europa versuchen will. „Ich wollte nicht zum Militär.“ Denn wer in Eritrea zum Militär geht, wisse nicht, wie lange das dauert. Jahre, Jahrzehnte. Zukunftsplanung Fehlanzeige.

Mit 400 Flüchlingen auf einen Boot

Seare zog ganz allein los. Zu Fuß bis nach Äthiopien, weiter in den Sudan und dann nach Libyen, „wo es gefährlich ist“. Vier Monate wartete Seare, bis er aufs „Schiff“ kam. Ein Holzboot mit 400 Flüchtlingen darauf. Seare saß zum Glück oben, bekam besser Luft als die Somali unten. Zehn Stunden dauerte die illegale Überfahrt, der „Kapitän“ war selbst ein Flüchtling. Andere Schiffe gingen unter, Seares wurde vom Hubschrauber aus gesehen, als es kaputt war. „Ich glaube an Gott, das hat mir geholfen.“

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Seare, ein orthodoxer Christ, kam in Sizilien an, verbrachte dann noch zwei Monate in einem italienischen Camp, bis er sich ohne Fahrkarte in den Zug nach Deutschland setzte. Ankunft in Köln, die nächsten Stationen waren die Aufnahmelager in Halberstadt und Klietz. Seare lernte zufällig seine „Zieh-Mutti Christina“ kennen, erhielt sechs Monate Kirchenasyl in Steckelsdorf/Rathenow und kam schließlich nach Tangermünde. Seare musste Deutsch lernen, hat mittlerweile das B1-Zertifikat und wurde von seinem Fallmanager Thomas Kämpfer vom Jobcenter Stendal nach Hindenburg vermittelt. Ins Programm „Lele“ (Leben lernen), eine Maßnahme der Jugendwerkstatt Hindenburg (Diakonie Osterburg) und des Jobcenters für 16- bis 25-Jährige. „Sie dient der Berufsfindung“, sagt Jugendwerkstattleiterin Petra Panse. Seare lernte Schulfächer, sagte im Theater „Mull“ statt „Müll“ und absolvierte Praktika. Zum Beispiel im Edeka Tangermünde, wo er auch alle sofort mit seinem Lächeln verzauberte.

Wunschort Hamburg

Vor allem aber fand Seare in Hindenburg so etwas „wie eine Familie“. Seine Mutter, mit der er regelmäßig telefoniert, ist weit weg in Afrika und möchte auch nicht nach Deutschland nachkommen – das Gefühl von Geborgenheit kann Seare also gebrauchen.

Dass der junge Mann seinen Wohnort nun gerne nach Hamburg verlegen würde, sehen seine „Hindenburger Familie“ und auch „Zieh-Mutti Christina“ nicht so gerne. „Wir haben Angst, dass er da untergeht. Er ist auf so einem guten Weg“, sagt Petra Panse. Seare fühle sich wohl in Tangermünde, überhaupt in der Altmark, „mit den vielen netten Menschen“, aber auch die Welt ziehe eben. Das letzte Wort ist noch nicht gesprochen. In jedem Fall will Seare nun entweder den Realschulabschluss oder eine Ausbildung machen. Im Einzelhandel, auch Heizung/Sanitär würde ihn interessieren. Seare möchte deutscher Staatsbürger werden und eine Familie gründen. „Das ganz Normale also“, sagt er. „Ich bin Deutschland dankbar und glücklich. Heimat ist, wo man leben kann.“

In Hindenburg nennen sie Seare „Winni“, weil Seare übersetzt Gewinner heißt und es irgendwie so passt.