Altes Handwerk in Seehausen

Uhrmachermeister hofft bei der Firmentradition auf seinen Enkel

Zwei der drei Zeigerpaare der Turmuhr von St. Petri Seehausen wurden jetzt bei Uhrmachermeister Günther Haut restauriert. Der 72-Jährige nutzte die Gelegenheit, seinem Enkel und Azubi das Vergolden näherzubringen, das nicht zum Lehrplan des künftigen Gesellen gehört.

Von Ralf Franke
Carl Robra hörte bei der Berufswahl schon sehr früh auf den Rhythmus der mechanischen Uhren.
Carl Robra hörte bei der Berufswahl schon sehr früh auf den Rhythmus der mechanischen Uhren. Foto: Ralf Franke

Seehausen

Nur auf der Westseite der Petrikirche können die Seehäuser und ihre Gäste momentan die Zeit ablesen. Aus allen anderen Himmelsrichtungen müssen sie sich mit dem Stundenschlag der Glocken begnügen. Nach Süden durch die Doppelturmkonstellation sowieso seit eh und je. Derzeit aber auch aus Süden und Osten, weil der Kirchenförderverein die beiden Zeigerpaare frisch vergolden lässt.

Bis zu 4,5 Kilogramm

Die größte Hürde auf dem Weg zur Restauration war für die beiden Minuten- und Stundenzeiger (bis zu 1,2o Meter lang und 4,5 beziehungsweise 3,5 Kilogramm schwer) der Weg von oben durch die Wartungsluken in den Zifferblättern über die vielen Treppenstufen nach unten. Von da ist es nur ein Steinwurf bis zur Werkstatt von Günther Haut.

In vierter Generation

Dort legte der Uhrmachermeister nicht nur selbst Hand an. Der fast 72-Jährige bekam sachkundige Verstärkung von seinem Enkel Carl Robra, der in Seehausen das alte Handwerk seines Opas lernt und sich vorstellen kann, dessen Geschäft weiterzuführen. Dass der gebürtige Dresdener dafür noch öfter als bisher am Aland statt an der Elbe weilen müsste, nimmt der 21-Jährige, der sich Ende des dritten Lehrjahres auf seine Gesellenprüfung vorbereitet, in Kauf. Wie sehr sich die Großeltern darüber freuen würden, wenn die 117-jährige Geschichte des Familienunternehmens dann in vierter Generation weitergehen würde, versteht sich eigentlich fast von selbst.

Der junge Mann sog das magische Tick-Tack der mechanischen Uhren schon bei seinen Besuchen als Kind in Seehausen auf, bekam die Liebe zum Beruf aber auch durch Mutter Elisabeth – ihres Zeichens Uhrmacherin und Goldschmiedemeisterin – praktisch in die Wiege gelegt.

Für seine Zukunftspläne setzt Carl Robra auch auf den Trend zurück zur mechanischen Uhr an der Wand, aber noch mehr am Handgelenk. Kein Wunder, dass er sich selbst auf eine Automatik-Uhr aus Glashütte verlässt, wo er die Berufsschule besucht.

Das Vergolden gehört übrigens ebenso wie der Schmuckverkauf im Geschäft nicht zu den Lehrinhalten der vergangenen drei Jahre. Das war bei Günther Haut aber auch nicht anders, der sich das Auftragen des hochwertigen Schutzbelages erst später aneignete.

Mit Fingerspitzengefühl

Etwas Fingerspitzengefühl gehört schon dazu, um keinen Quadratmillimeter der acht mal acht Zentimeter großen und nur 0,1 Mikrometer „dicken“ Blätter zu verschenken und die Zeiger so zu bedecken, dass sie wenigsten die nächsten 30 Jahre glänzen.

Inzwischen sind die Zeiger längst vergoldet und fachgerecht zwischengelagert, damit Kleber und Gold bis zur Montage aushärten können.

Uhrmachermeister Günther Haut schaut seinem Enkel Carl Robra beim Vergolden der  Turmuhrzeiger ganz genau auf die Finger und gibt Tipps für den Zuschnitt der feinen Blätter.
Uhrmachermeister Günther Haut schaut seinem Enkel Carl Robra beim Vergolden der Turmuhrzeiger ganz genau auf die Finger und gibt Tipps für den Zuschnitt der feinen Blätter.
Foto: Ralf Franke