Lichterfelde/Loburg l Ich hatte gerade eine Gießkanne in der Hand an diesem Abend des 6. Augusts 2019, da fuhr plötzlich Claudia Kieckhäfer mit ihrem Auto vor. Gibt‘s was zu feiern? Ich bin dabei. Aber nein, meine Freundin sagte, „du, ich glaube, am Trockenwerk liegt ein verletzter Storch. Komm doch mal schnell mit.“ Wenige Minuten später sind wir an der Brücke zwischen Lichterfelde und Falkenberg und sehen tatsächlich einen Storch. Er liegt in praller Sonne auf der Grabenseite des Geländers, die Flügel ausgestreckt, neben ihm scheinbar irgendetwas Ausgebrochenes. Wir gehen näher und merken, dass er sich kaum wegbewegt. Keine Frage, der hat ein Problem.

Wir rufen alle Menschen aus der Gegend an, die wir irgendwie mit Störchen in Verbindung bringen – ohne Erfolg. Immerhin erhalten wir den Tipp, es doch mal beim Storchenhof Loburg zu versuchen? Aber ob da am Dienstagabend noch jemand ist? Volltreffer, Dr. Michael Kaatz, der Geschäftsführer der Vogelschutzwarte, meldet sich am Handy und ist gleich hellhörig. Wie sieht der Storch aus? Was macht er? Der Fachmann fragt und wir antworten, so gut wir können. Nachdem auch seine Tipps, wo wir hier vor Ort vielleicht doch Hilfe bekommen könnten, nicht fruchten, beschließen wir zu dritt, dass wir uns auf halber Strecke zwischen Loburg und Lichterfelde treffen: auf dem Parkplatz des Klosters Jerichow. So viel Aufwand? Ist das nicht auch irgendwie natürliche Auslese? Vielleicht, aber dieser arme Kerl in der prallen Sonne... Wir sind, wer wir sind, holen ein Handtuch, Claudi sagt „du machst das“.

Ich nähere mich vorsichtig, werfe dem Storch das Handtuch über den Kopf, der macht fein mit, zwickt mich nicht und lässt sich in den Kofferraum laden. Wir beschließen, wir legen ihn ohne Kiste frei hinein. Ich meine, mit diesen verletzten Flügeln... Es ist August und der Bursche soll August heißen.

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Wir kommen in Jerichow an, wenig später Michael Kaatz, der unseren August aufs Asphalt setzt und untersucht. „Das mit dem verschobenen Flügel ist komisch, das hab ich noch nie so gesehen.“ Dass August während der Fahrt abermals gebrochen hat, sei normal angesichts des Stresses. Ich werfe das Erbrochene in den Busch. August wird in eine Vogeltasche verpackt und Michael Kaatz fährt los. Er hatte sich bereits mit einem Tierarzt verabredet, 21.30 Uhr herum wollten sie sich treffen, aber Michael Kaatz und August stehen zwei Stunden auf der Autobahn im Stau. Der Arzt trifft gegen Mitternacht die Dia-gnose, dass Augusts komische Schulterverletzung schon älter sein muss. Vermutlich kam dann noch irgendetwas dazu, ein Crash mit dem Auto? Der Vogel sah auch am Schnabel lädiert aus, humpelte... Wir haben jedenfalls erstmal unsere Schuldigkeit getan, ein gutes Gefühl. Und so etwas wie ein Happy End. Denn wie Michael Kaatz jetzt auf Nachfrage erzählt, lebt August noch – jetzt als Bella.

Den Namen hatte sich ein Wolmirstedter Ehepaar ausgesucht, das bei einer Storchenhof-Führung spontan entschied, eine Patenschaft für das Tier zu übernehmen, Namensgebung inklusive. „Es ist ja trotzdem ein schönes Tier, auch wenn er nicht fliegen kann“, heißt es von dem Ehepaar, das zwar gerne hilft, aber nicht gerne namentlich in der Zeitung steht. 50 Euro kostete die Patenschaft für ein Jahr, vielleicht wollen die beiden sie gar verlängern. „Wir fühlen uns wirklich als Paten und erfahren immer, wenn es etwas Neues gibt.“ Zum Beispiel nämlich, dass Bella in Bälde in den Tierpark Hirschfeld bei Zwickau umziehen soll. Auf Dauer, denn fliegen kann sie nicht. „Vielleicht über einen Zaun flattern, aber nicht mehr“, sagt Kaatz.

Damit gehört Bella zu den 20 Prozent der aufgenommenen Tiere, die Dauerpfleglinge bleiben. Das Gros, nämlich 70 Prozent können zum Glück wieder ausgewildert werden, zehn Prozent verenden.

August ist also eine Sie, der Storchenhof ließ das bestimmen. Wie Kaatz informiert, hat das Findelkind „ziemlich lange gebraucht, um wieder in Gange zu kommen“. Das Weibchen musste über einen längeren Zeitraum gefüttert werden, humpelte stark und brauchte Medikamente. Aber längst frisst Bella die Mäuse und den Fisch ohne Hilfe, ist bis auf ihre Einschränkungen gut drauf. Sie soll bald in den Tierpark Hirschfeld bei Zwickau umziehen. Ein Storch in Gefangenschaft könne immerhin bis zu 30 Jahre alt werden.

So viel Aufwand für einen einzigen Vogel? Sollte man nicht auch die natürliche Auslese zulassen? Naja, sagt Michael Kaatz. „Die meisten Probleme der Störche sind ja auf Menschen zurückzuführen.“ Störche haben Kontakt mit elektrischen Anlagen, schnüren sich die Füße ab, prallen mit Autos zusammen oder fressen irgendwelche Gummiringe. „Insofern stehen wir als Mensch auch ein bisschen in der Pflicht.“

Fanden wir auch. Davon ab war das Ganze auch ein ziemliches Abenteuer. Eben noch die Gießkanne in der Hand und dann einen Storch auf dem Arm. Der Lichterfelder Storchenhorst auf dem Grundstück der Familie Stock vielleicht einen guten Kilometer vom Fundort entfernt ist im Übrigen wieder besetzt. Da wurde sehr eifrig geklappert. Gut möglich, dass Bella alias August sich dort aus dem Ei pellte. Aber auch gut möglich, dass sie bereits im Jungstorchen-Trupp unterwegs war, um sich gen Süden aufzumachen. Bis nach Zwickau immerhin wird sie es ja schaffen.