Waldbesetzer gegen das System

Waldbesetzer bei Stendal: Diese Strategien verfolgen die Behörden in der Altmark bei den Aktivisten

Die Waldbesetzer, die seit Freitagnacht bei Losse campieren, um den Autobahnbau zwischen Osterburg und Seehausen zu verhindern, lassen keine Zweifel daran aufkommen, dass sie länger bleiben wollen. Die Behörden arbeiten mittlerweile an Strategien für den Umgang mit den Besuchern.

Von Ralf Franke
So sehen sich die Waldbesetzer von Losse, die guerillamäßig, aber (noch) friedlich gegen die A 14 sowie das gesellschaftliche Wertesystem und bei ihrem Internetauftritt übrigens auch gegen die Kiefernmonokultur protestieren, in der sie campieren. Screenshot: Ralf Franke

Seehausen/Losse. Für die einen ist das Waldlager bei Losse eine willkommene Gelegenheit, im Namen des Umweltschutzes ihre Weltanschauung zu verbreiten und den eigenen Lebensstil zu pflegen. Für die Gastgeber wider Willen ist das naturnahe Domizil, das seit Freitagnacht in einem Kiefernbestand bei Losse Formen annimmt, eine Bedrohung von Ordnung und Werten. Beide Parteien haben die Gesellschaft im Fokus – allerdings aus völlig gegensätzlichen Perspektiven.

Und was ist mit Corona?

Die Resonanz bei den Behörden ist derweil eindeutig, weil die jungen Leute auf breiter Front gegen geltendes Recht verstoßen. Das Missachten des Camping- und Demonstrationsverbotes dürften noch die harmlosesten Vergehen sein. Von anderem Kaliber sind da schon Infektionsschutzmaßnahmen, der Umgang mit fremden Eigentum (der Waldbesitzer hat inzwischen Anzeige erstattet) und nicht zuletzt die Waldbrandgefahr.

Da nicht damit zu rechnen ist, dass sich der Zauber demnächst von selbst wieder auflöst, beschäftigen sich inzwischen auch die Ordnungsämter der Verbandsgemeinde Seehausen sowie des Landkreises, das Forstamt und die Polizeiinspektion Stendal mit der Sache, um verschiede Szenarien durchzuspielen.

Wobei es nicht immer gleich ums Räumen geht. Aber selbst das Feststellen von Personalien dürfte schwierig werden. Die Neu-Losser sind erkennbar protesterprobt und haben sich auf Bäumen und abseits von Wegen so eingerichtet, dass sie kaum mit Überraschungseffekt zu erreichen sind, so der Eindruck von Verbandsgemeindebürgermeister Rüdiger Kloth, der zudem nicht glaubt, dass die jungen Leute Ausweispapiere dabei haben. Aus Erfahrung weiß er, dass die Leute insbesondere darüber gebrieft sind, was sie nicht sagen sollen.

Auch der erste Verwaltungsbeamte im Seehäuser Rathaus bezweifelt, dass es den ortsunkundigen Waldbesetzern wirklich nur um den Bau der Autobahn geht. Bestätigt wird er im Online-Aufruf der Waldbesetzer, in dem es unter andrem heißt: „Wir wollen keinen grünen Kapitalismus, der weiterhin auf die Vernichtung von Lebensräumen und Ausbeutung von Lebewesen und Natur insbesondere im globalen Süden setzt. Solange dieses koloniale und patriarchale System existiert, werden wir auf die Bäume klettern und Wälder besetzen, um zerstörerische Großbauprojekte wie die A 14 zu verhindern.“

Die größte Sorge des Verbandsgemeindebürgermeisters gilt derzeit dem Brandschutz. Dass der Niederschlag vom gestrigen Donnerstag die Sache etwas entspannt hat und die Warnstufe von III auf I korrigiert wurde spielt eine untergeordnete Rolle, weil der Waldboden nach wie vor ausgedörrt ist und die rund fünf Liter pro Quadratmeter der sprichwörtliche Tropfen auf den heißen Stein sind. Mit Führungskräften der Feuerwehr sieht er sich gezwungen, ein Notfallszenario zu entwerfen, weil die Löschwasserversorgung in diesem Teil der „Altmärkischen Höhe“ zu allem noch sehr angespannt ist.

Ehrenamt missachtet

Kloth hat nicht das geringste Verständnis dafür, dass das ehrenamtliche Engagement der Brandschützer derart von Leuten missachtet wird, die der Gesellschaft bislang kaum einen Dienst erwiesen haben dürften. Nach dem großen Waldbrand 2018 an den Bahngleisen bei Seehausen will er sich dieses Szenario auf der anderen Seite der B 189 nicht ausmalen. Dort könnten durch Leichtsinn zwischen Osterburg und Seehausen reichlich 2500 Hektar zusammenhängender Wald in Flammen aufgehen. Auf das verantwortungsvolle Verhalten der wilden Camper würde Kloth wohl eher nicht wetten, nach dem die angehalten seien, neben vielen Alltagsutensilien Feuerzeuge, Gaskocher sowie Pfannen und Töpfe mit in den Wald zu bringen.

Als große Gefahr nehmen die Umlandkommunen und viele Feuerwehrleute die unbestellten Gäste im Losser Wald wahr.
Foto: Feuerwehr