Salzwedel l Es gibt Menschen, die füllen Räume durch ihre bloße Anwesenheit. Alexander Netschajew ist wohl so einer. Als er die Kunsthaus-Aula am Donnerstagabend mit Schillers „Der Handschuh“ gleich zu Beginn erzittern lässt, da hat er das Publikum schon gewonnen.

Netschajew versetzt die Leute in Entsetzen über den Auftrag des Fräuleins Kunigunde, die ihren Verehrer, Ritter Delorges, wegen eines absichtlich weggeworfenen Handschuhs ins Himmelfahrtskommando in die Raubtier-Arena schickt. Er nimmt die Zuhörer mit in die Arena zu den blutrünstigen Raubkatzen. Und sie stehen neben Delorges, als der Kunigunde – froh sein Leben gerettet zu haben und immer noch entsetzt über deren Charakter – den Handschuh ins Gesicht schleudert. Netschajew verwandelt das angestaubte Schulbuch-Gereime in „actionreiches“ Drama, wie er selbst es ausdrückt.

70 Besucher

Es ist ein Auftakt, der dem Anlass gerecht wird. Denn die Einzelaufführung des Intendanten des Theaters der Altmark mit Balladen der berümtesten deutschen Dichter ist eine Premiere. Erstmals ist das Theater zu Gast im Salzwedeler Kunsthaus. Rund 70 Besucher sind gekommen, um Netschajew und seinen sympathischen Begleiter, Robert Grzywotz, zu sehen, der mit schönen Klängen an der Gitarre zwischen den Stücken zuverlässig die Gemüter beruhigt.

Netschajew ist vielseitig. Es muss nicht immer die hohe Ethik Friedrich Schillers sein, er kann auch lustig. Schon nach „Der Handschuh“ merkt er an: „Ich danke Ihnen sehr, dass Sie nicht mitgesprochen haben.“ In „Botenart“ von Anastasius von Grün, lässt er den Knecht á la Didis „Kuh Elsa“ danach erst vom Tod des Haushundes berichten, um dann Stück für Stück mit dem Untergang der gesamten Familie herauszurücken. „Da hat der Didi wohl abgeschrieben“, sagt Netschajew. Das Publikum lacht. „Hört Erdogan zu?“, fragt der Intendant vor seiner nächsten Ballade „Schwabenstreich“ von Johann Ludwig Uhland, die auf einem Kreuzzug zu Zeiten Kaiser Barbarossas spielt.

Einst als Heldensaga Pflichtlektüre in jedem deutschen Schulbuch, ist es im Kunsthaus nichts als Satire, als Netschajew den Säbelschlag des in Bedrängnis geratenen christlichen Ritters rezitiert: „Zur Rechten sieht man, wie zur Linken, einen halben Türken heruntersinken.“ „Kreuzzüge gibt es ja heute Gott sei dank nicht mehr“, hat er vorher noch kommentiert. Hinterher weiß das Publikum, so weit sind auch die Deutschen noch nicht entfernt von Nationalismus und Kreuzzugsdenken.

Langfristige Kooperation

Für Achim Dehne vom Vorstand der Kunststiftung ist der Abend ein gelungener Auftakt. „Ich fand‘s prima“, sagte er gestern. Nach der Eröffnung des Hauses habe der Stiftungsvorstand überlegt, wie es auch inhatlich weiterentwickelt werden könnte. „Das Theater der Altmark stand dabei ganz oben auf unserer Liste“, so Dehne. Auch wenn es noch keinen weiteren Termin gibt: Die Premiere am Donnerstag dürfte dann auch Auftakt für eine langfristige Kooperation von Kunsthaus und Theater sein. „Wir setzen dabei auf Vorstellungen im kleinen Rahmen“, sagt Dehne. Den Premieren-Zuschauern jedenfalls hat‘s gefallen. Netschajew und Grzywotz bekamen immer wieder verdienten Beifall.