Salzwedel l Eltern, die Anfang dieser Woche (KW 30) mit ihrem Nachwuchs zu einem Kinderarzt im nördlichen Altmarkkreis wollten, hatten es nicht leicht. Gleich drei Praxen, zwei in Salzwedel und eine in Klötze, hatten gleichzeitig geschlossen. Bandansagen teilten mit, welche Ausweichmöglichkeiten es gibt. So wurde am Klötzer Telefon auf Kinderärzte in Haldensleben (58 Kilometer) und Magdeburg (90 Kilometer) verwiesen. In Salzwedel wurde via Telefon und per Aushang mitgeteilt, dass es die Möglichkeiten gebe, einen Arzt in Lüchow (19 Kilometer) oder das Medizinische Versorgungszentrum (MVZ) am Klinikum Gardelegen (41 Kilometer) aufzusuchen.

Die Altkreise Salzwedel und Klötze hätten alle Patienten also verlassen müssen. Damit blieb vielen Eltern wohl nur die Möglichkeit, einen Hausarzt um Rat zu fragen oder direkt in die Notaufnahme zu fahren.

2200 Unterschriften gesammelt

Etwas Entspannung bei der Versorgungslage, die derzeit hauptsächlich krankheits- und urlaubsbedingt so prekär ist, soll es nach Angaben der Kassenärztlichen Vereinigung Sachsen-Anhalt (KVSA) im Oktober geben. Als Ersatz für die Niederlassung von Dr. Waltraud Behrens, die Ende September in Rente geht, soll zum „vierten Quartal 2019“ in Salzwedel eine neue Praxis für Kinderheilkunde eröffnen.

„Der zuständige Zulassungsausschuss hat eine Anstellungsgenehmigung im Wege der Feststellung eines Sonderbedarfs erteilt“, erklärt Bernd Franke, Mitarbeiter für Öffentlichkeitsarbeit bei der KVSA, auf Anfrage der Volksstimme. Damit gibt es weiter fünf Kinderärzte mit dem Umfang von vier Versorgungsaufträgen im Altmarkkreis.

Unterdessen erhöht eine Initiative in Diesdorf den Druck auf die KVSA. Ende 2018 hatte die Vereinigung eine Anfrage einer gut ausgebildeten Kinderärztin aus dem Ort abgelehnt. Die junge Medizinerin beabsichtigte, eine pädiatrische Praxis von Salzwedel nach Diesdorf zu verlegen. Doch per E-Mail erhielt sie von der KVSA eine Absage, unter anderem mit der Aussage, dass zum damaligen Zeitpunkt in der nördlichen Altmark gar keine Kinderarztstelle vakant sei. Dabei war der KVSA damals schon bekannt, dass Waltraud Behrens Ende September in den Ruhestand gehen wird.

Aufgrund der Berichterstattung zu dem Fall wurde Angelika Scholz, Vorsitzende der Diesdorfer Volkssolidarität, aktiv. Nach Gesprächen mit einigen Mitgliedern der Ortsgruppe entstand die Idee, eine Unterschriftensammlung zu organisieren – mit großem Erfolg. Innerhalb weniger Wochen wurden mehr als 2200 Unterschriften (Stand: 19. Juli) zusammengetragen. „Viele haben bei mir Listen nachgeordert“, berichtet Scholz, die für die Linke im Kreistag sitzt.

Zur Thematik suchte Scholz jüngst auch das Gespräch mit Petra Grimm-Benne (SPD), Landesministerin für Arbeit, Soziales und Integration. Die Ministerin besuchte am 15. Juli das Gesundheitszentrum in Winterfeld. „Sie konnte die Entscheidung der KVSA auch nicht verstehen“, berichtete Angelika Scholz.

Die kompletten Unterschriftenlisten will Scholz nun der Kassenärztlichen Vereinigung in Magdeburg, dem Petitionsausschuss des Bundestages sowie dem sachsen-anhaltinischen Landtag zukommen lassen. „Da muss doch eine Verlegung möglich sein“, hofft Scholz. Vor dem Hintergrund der möglichen neuen Praxis in Salzwedel erscheint die Verlegung einer Niederlassung nach Diesdorf nun aber zumindest fraglich.

Fragenkatalog

„Eine Verlegung eines Vertragsarztsitzes kann die Fortführung der Praxis in Frage stellen“, so Franke. Dabei sei davon auszugehen, dass aufgrund der langjährigen Gebundenheit der Patienten an den Standort des Kinderarztes in Salzwedel, ein Neuanfang in Diesdorf mit einem Abstand von rund 30 Kilometern schwierig werden könnte, hatte der Mitarbeiter für Öffentlichkeitsarbeit bei der KVSA, bereits Anfang Juli auf eine Anfrage der Volksstimme geantwortet. Die Kassenärztliche Vereinigung habe ein starkes Interesse, die kinderärztliche Versorgung zu erhalten.

Ende der vergangenen Woche schaltete sich dann eine weitere Partei in die Diskussion ein. Cathleen Hoffmann (Grüne), Kreistags- und Stadtratsmitglied in Salzwedel, sen- dete einen umfangreichen Fragenkatalog an Landrat Michael Ziche und Bürgermeisterin Sabine Blümel. „Welche Bemühungen gab/gibt es seitens des Landkreises/der Stadtverwaltung, die Situation der (fach-)ärztlichen Versorgung in Salzwedel zu verbessern?“, wollte Hoffmann unter anderem wissen.

„Von der Stadt habe ich gar keine Antwort bekommen – nicht mal eine Eingangsbestätigung“, ärgert sie sich. Nun hat sie ein Einschreiben an die Stadt geschickt. Vom Landkreis wurde die Lokalpolitikerin zumindest vertröstet – die Anfrage werde bearbeitet.

Cathleen Hoffmann war selbst schon vom Mangel an Kinderärzten betroffen. Im Juni war ihre Tochter erkrank. Weil sie keinen Kinderarzt fand, der sie als Mutter aufgrund der Krankheit ihrer Tochter krankschreiben konnte, das ist für Arbeitnehmer möglich, musste Hoffmann einen Urlaubstag nehmen. „Sonst hätte ich mich nicht kümmern können – eine Katastrophe.“