Salzwedel l Mitten auf einer Wiese, auf der sonst Schafe weiden, haben Studenten der Universität Göttingen eine Entdeckung gemacht: Die Überreste der mittelalterlichen Schulenburg. Verdeckt von Bäumen und Gebüsch kann davon nichts erkannt werden. Auch wird der Laie hinter einer Geländeerhebung kaum den Stammsitz derer von der Schulenburg erwarten.

Im Rahmen eines dreijährigen Forschungsprogrammes haben angehende Archäologen unter der Leitung des Mittelalterarchäologen Felix Biermann und seines Mitarbeiters Normen Posselt zwölf Burgen im flachen Land zwischen Altmark und Niederschlesien untersucht und erstaunliche Funde gemacht.

„Wir haben zwei Äxte im Flussbett der Jeetze, eine Buntmetallschnalle, ein Kurzschwert und etliche Tonscherben von Gefäßen, sowie Eisenteile und noch mehr gefunden“, sagt Biermann und zeigt die Relikte einer längst vergangenen Zeit. Manche künden von adeligem Luxus, wie glasierte Keramik aus Frankreich oder Belgien. Diese Funde müssen im Anschluss an die Grabung aufwendig gewaschen, inventarisiert, fotografiert und bezeichnet werden.

Insgesamt zwei Wochen war ein sechsköpfiges Team an dem Hügel anzutreffen. Am Anfang waren noch ehrenamtliche Detektorgänger dabei, die das Gelände abgegangen sind. Was die Göttinger genau gefunden haben, beeindruckt auch Felix Biermann. „Das ist eine gewaltige Burganlage“, sagt er, „wahrscheinlich der Stammsitz derer von der Schulenburg.“ Im 14. Jahrhundert habe diese Anlage bereits Erwähnung gefunden. Zu diesem Zeitpunkt sei sie aber bereits zerstört gewesen – oder, wie Biermann es sagt: „Kriegerisch zerstört und planmäßig abgetragen.“

Wände bis zu 1,60 Meter dick

Im 19. Jahrhundert, bei Planierungs- und Erdarbeiten habe man an dieser Stelle unter anderem Waffen gefunden. Jetzt war es deshalb an der Zeit, die Überreste so weit zu erfassen, um die Anlage rekonstruieren zu können. Während der 14 Tage Arbeit konnte bereits ein Großteil des achteckigen Burgturms freigelegt werden, zumindest die Fundamente und Teile der Wände, die bis zu 1,60 Meter dick sind.

Bei der Bauweise, erklärt Felix Biermann, seien unvermörtelte Feldsteine in den Erdgrund gelegt worden, um gegen die Nässe in dem sumpfigen Gebiet anzukommen und gegen Belagerungsmaschinen, wie Rammböcke, gewappnet zu sein. Zwischen zwei Reihen massiver Steine seien dann kleinere vermörtelte Steine gekippt worden, um darauf mit Backsteinen weiter zu bauen. Etwa zwölf Meter Durchmesser habe der Turm einmal gehabt, die komplette Anlage 60 bis 70 Meter, schätzt Biermann.

„Die Burg wurde auf einer Art Insel erbaut“, erklärt der Archäologe. „Die Anlage war oval, weil zwei Arme der Jeetze sie umflossen und abgrenzten.“ Wie eine Wasserburg müsse man sich das vorstellen.

Errichtet worden sei sie im späten zwölften Jahrhundert, sagt der Göttinger. „Eine historische Schriftquelle deutet an, dass die Salzwedeler die Burg um 1214 zerstört haben“, sagt Biermann. Es muss also eine Rivalität gegeben haben. Das sei unter anderem eine Frage, die zu klären sein werde. „Wer baut denn so abgelegen eine Burganlage?“, fragt Felix Biermann rhetorisch.

Fest steht für die Archäologen aber, dass dahinter ein höheres Adelsgeschlecht gesteckt haben muss. „Die Askanier kommen in Frage“, erzählt Biermann weiter, „denn diese hatten zu dieser Zeit die Herrschaft über die nördliche Altmark. Die Burg könnte Machtsymbol und militärischer Stützpunkt in den Auseinandersetzungen zwischen verschiedenen konkurrierenden Herrschaftsträgern dargestellt haben.“

Siedlung bereits im achten Jahrhundert

Zu 100 Prozent könne man das aber nicht sagen. Deshalb sei die Ausgrabung umso wichtiger und spannender, sind sich Dozenten und Studenten einig. „Es gibt immer noch etwas herauszufinden“, sagt Mitarbeiter und Co-Ausgrabungsleiter Normen Posselt. „Wir erfassen gerade das System der Burg und versuchen, daraus Informationen abzuleiten.“

Felix Biermann fügt an: „Neben den Ausgrabungen führen wir auch geomagnetische Untersuchungen durch, die den Verlauf der Mauern und Gräben zeigen, danach ist eine Rekonstruktion der Anlage fast vollständig möglich.“

Anhand vorheriger Untersuchungen im Erdboden konnten die Archäologen bereits herausfinden, dass schon im achten Jahrhundert an dieser Stelle gesiedelt worden sein muss. „Wir haben Scherben entdeckt, die auf eine sächsische, beziehungsweise slawische, Vorbesiedelung verweisen“, sagt Biermann, der am Seminar für Ur- und Frühgeschichte der Uni Göttingen arbeitet.

Diese Funde stammen größtenteils aus dem zum Burggelände gehörigen viereckigen Gebäudes, das Biermann als Palas identifiziert, also das Wohnhaus der Herrschaften. „Hier ließe sich noch viel mehr finden und ausgraben, aber leider ist unsere Zeit vorbei“, sagt die Studentin Alexandra Philippi. Jeden Tag seien sie von von morgens bis abends im Gange gewesen.

Am letzten Tag, Sonnabend, wurde die Ausgrabungsstätte aber wieder zugeschüttet. Dabei geht es um die Witterung. „Sonst würden Wind und Nässe die Bauwerke abtragen und zerstören“, klärt Normen Posselt auf. Biermann sieht es aber positiv: „So lässt sich auch noch in mehreren Hundert Jahren an dieser Stelle forschen.“

Vortrag im Herbst im Danneil-Museum geplant

Die Ausgrabung, die gleichzeitig die Lehrgrabung der sechs Studenten ist, wurde vom Landesmuseum für Vorgeschichte unterstützt und von der Deutschen Forschungsgemeinschaft finanziert. Felix Biermann ist froh, dass sie so viel Hilfe erhalten haben. So zum Beispiel auch von der Stadt Salzwedel, der das Gelände gehört und dieses für die Untersuchung freigegeben hat. Auch das Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie unterstützte das Projekt, denn die Burgreste sind definitiv ein Denkmal, was zu erhalten würdig ist.

„Im Herbst planen wir einen Vortrag über unsere Erkenntnisse im Danneil-Museum“, kündigt Felix Biermann an. Bis dahin müssen die Forscher eine Menge Arbeit leisten: Die Funde waschen, inventarisieren, fotografieren und bezeichnen. „Es wäre natürlich spannend, noch mehr von dieser Anlage freizulegen, da sie so groß ist“, sagt Biermann zum Schluss. „Aber so bleibt ein Geheimnis bewahrt, das die archäologische Arbeit ja erst interessant macht.“