Salzwedel l Ein Brief vom Chef an die Mitarbeiter Mitte Dezember, der der Volksstimme vorliegt, brachte das Fass zum Überlaufen. Darin beklagt er sich, dass die Bereitschaft Überstunden zu leisten „bei vielen merklich nachlässt.“ Der Auftragseingang sei übers Jahr gesehen nicht gleich. Deshalb sei es im Stanzwerk erprobte Praxis, im Winter Überstunden zu leisten und zu sammeln, um sie im Sommer bei geringerem Arbeitsaufkommen abzufeiern. Indirekt droht er damit, wenn einige Mitarbeiter „den erforderlichen Einsatz vermissen lassen“, nicht weiter in das Werk in Salzwedel zu investieren und einem anderen Standort den Vorzug zu geben.

„Wir waren schockiert, als wir das gelesen haben“, sagt eine Beschäftigte des Unternehmens mit etwa 120 Mitarbeitern am Standort Salzwedel. Das Werk gehört zur Stanzwerk Wetter Sichelschmidt GmbH , mit Hauptsitz in Wetter an der Ruhr in Nordrhein-Westfalen. Sie und ihre Kollegin (Namen der Redaktion bekannt) sahen keinen anderen Weg mehr, als mit ihren Problemen die Öffentlichkeit zu suchen und haben sich deshalb an die Volksstimme gewandt.

Mit Urlaubsabzug gedroht

„Wir wollen ja Überstunden machen, aber in einem verträglichen Rahmen“, sagt eine der Frauen. Seit Ende Oktober seien sie massiv dazu gedrängt worden. Der Arbeitsbeginn wurde von 6 Uhr auf 5 Uhr vorgezogen. „Und drei Wochen vor Weihnachten sollten wir auch noch sonnabends arbeiten. Da war einfach die Luft raus“, berichtet die andere. Wer sonnabends nicht antreten wollte, dem sei vom unmittelbaren Vorgesetzten mit Urlaubsabzug gedroht worden.

Kein Mindestlohn

Was sie aber am meisten umtreibt: sie bekommen keinen Mindestlohn. Auf dem Lohnzettel aus 2019 stehen 8,35 Euro für die Stunde. Der gesetzliche Mindestlohn betrug da noch 9,19 Euro, inzwischen 9,35 Euro. Zu den 8,35 Euro gibt es eine Prämie von 100 Euro im Monat. „Die bekommt voll ausgezahlt keiner“, sind sich die beiden sicher. Denn sie sei an Auflagen gekoppelt. So zum Beispiel durchgehend anwesend zu sein. Wer krank ist oder Urlaub hat, kann sie nicht erreichen. Wer die Norm nicht schafft oder seine Maschine nicht in einem ordnungsgemäßen Zustand verlässt ebenfalls nicht, erzählen sie. Und von Schikane, die sie die Norm nicht erreichen lässt. Höherer Aufwand beim Material holen oder bei der Dokumentation, die wechselnde Arbeit an fremden Maschinen, in deren Handhabung sie sich erst einarbeiten müssen, werden genannt.

Die Belegschaft bestehe überwiegend aus Frauen und Männern gut jenseits der 50. Viele hätten nur noch wenige Jahre bis zur Rente und arbeiteten bereits seit Jahrzehnten im Stanzwerk. Für die Älteren sei es besonders schwer, dass Arbeitspensum zu schaffen. Erst Recht, wenn sich die Arbeitszeit wegen der Überstunden verlängere. „Wir haben den Eindruck, wir sollen es gar nicht schaffen.“

Frauen eingeschüchtert

Zudem herrsche ein „Klima der Angst“ in den Produktionshallen. Vorgesetzte würden vor allem Frauen einschüchtern. Sie bekämen für die gleiche Arbeit weniger Geld, als ihre männlichen Kollegen. Sie seien in allen Abteilungen einsetzbar, würden „hin und her geschubst“. „Es ist eine harte Arbeit auf Leistung, die nicht anerkannt wird“, erzählt die ältere der beiden Frauen. Wortwörtlich sei gesagt worden, „dass Frauen sich besser ausnutzen lassen.“ Dennoch traue sich keiner etwas dagegen zu unternehmen. „Alle haben Angst, dass sie kurz vor der Rente ihren Job verlieren.“ Jüngere Mitarbeiter hätten dagegen mehr Mut, sich zu wehren und auch mehr Geld einzufordern.

Dass seine Mitarbeiter keinen Mindestlohn bekommen, könne er sich nicht vorstellen, sagt der Chef Michael Huneck. Die Prämie sei fester Bestandteil des Lohnes. Sie werde zum Grundlohn pro Stunde dazugerechnet. Eine Schieflage dahingehend gebe es nicht. „Wichtig ist, dass der Mindestlohn pro Monat erreicht wird“, betont er. Er sei sich sicher, dass das „sauber ist“. Und ab Januar werde der Lohn auf die gültigen 9,35 Euro angepasst.

Kunden warten auf Teile

Dass Frauen grundsätzlich weniger Geld als Männer bekommen, will er so ebenfalls nicht stehen lassen. Der Lohn richte sich danach, wie qualifiziert die Mitarbeiter sind und an welchen Maschinen sie arbeiten. Da könne es durchaus vorkommen, dass Frauen mehr verdienen als ihre männlichen Kollegen.

Aufgrund der schwankenden Auftragslage in der Branche sei momentan „ganz klar“, dass Überstunden geleistet werden müssen. Dafür gebe es einen Freizeitausgleich. „Ich kann mir vorstellen, dass das anstrengend ist, aber jetzt ist die Arbeit da, die Kunden warten auf Teile, da müssen alle ran“, sagt er.

Wenn es mit dem Produktionsleiter Unstimmigkeiten gebe, sei das „selbst gemachtes Unglück.“ Die Beschäftigten könnten sich in solchen Fällen an ihn wenden. Er lege großen Wert darauf, dass ein „ordentlicher Umgangston gepflegt werde“. „Wir können über alles reden, was vorgefallen ist, denn wir haben gewachsene Beziehungen in unserem Werk“, erklärt er.

Moralisch fragwürdig

Eine Prämie könne nicht Bestandteil des Mindestlohns sein, schätzt Axel Weber, Geschäftsführer der Geschäftsstelle Magdeburg-Schönebeck der Industriegewerkschaft (IG) Metall ein. Sie sei ein zusätzlicher Bonus für bestimmte Leistungen.

Ein Anspruch auf gesetzlichen Mindestlohn bestehe auch, wenn vertraglich etwas anderes vereinbart sei. „Er ist unabdingbar. Das heißt, dass der Arbeitnehmer auch nicht freiwillig auf ihn verzichten kann“, informiert er. Vereinbarungen, die darauf hinauslaufen, ihn freiwillig zu unterschreiten, seien unwirksam. Weber: „Zusammengefasst, kann man sagen, dass ein Arbeitgeber, der den Mindestlohn nicht zahlt, Gesetze bricht und zur Rechenschaft gezogen werden muss.“

Prämien an Anwesenheitszeiten zu binden, sei zwar nicht ungesetzlich, aber zumindest moralisch fragwürdig, meint er und rät den Mitarbeitern dringend, sich zusammenzuschließen und ihr Recht einzuklagen. Einen Betriebsrat gibt es im Stanzwerk nämlich bislang nicht. Die IG Metall würde sie dabei unterstützen, so sie denn Mitglied in der Gewerkschaft werden würden.