Salzwedel l Mit einem Gottesdienst können die Klein Chüdener am 24. März von ihrer kleinen Dorfkirche Abschied nehmen. Dies berichtete Dr. Jochen Alexander Hofmann, Leiter des Diesdorfer Freilichtmuseums, am Montagabend zum Abschluss seines Vortrages über die bewegte Geschichte des kleinen Gotteshauses im Gemeindezentrum St. Georg. Der Perver Förderverein St. Georg hatte dazu eingeladen und rund 60 interessierte Gäste verfolgten die Ausführungen des Museumsleiters – darunter auch eine kleine Gruppe aus dem Salzwedeler Ortsteil Klein Chüden.

„Für uns ist es immer noch sehr schwer“, berichtete im Anschluss an den Vortrag Waltraud Hempel aus dem Ort, der noch in diesem Jahr sein Gotteshaus verlieren soll. Hempel bezeichnete den Fachwerkbau als Kulturdenkmal. „Ich freue mich aber, dass sie so viel Wert darauf legen, die Kirche wieder aufzubauen“, bedankte sie sich bei Dr. Hofmann.

Wieder Gottesdienste

Der Museumsleiter hatte zuvor auch vom Stand der Planungen zur Umsetzung der Kirche berichtet. Demnach werde das Gebäude eine wertvolle Vervollständigung des altmärkischen Dorf-Ensembles in Diesdorf. Wie in Klein Chüden soll die Kirche auch auf dem Museumsgelände etwas abseits der anderen historischen Baudenkmäler stehen. Daneben werde ein Pfarrgarten eingerichtet. Die Innenausstattung werde sich am Zeitschnitt von 1900 bis 1920 orientieren. Die Umsetzung ist noch für dieses Jahr geplant. 2020 soll die Kirche dann wieder eröffnet werden, aber nicht gewidmet. „Dies ist bei evangelischen Gotteshäusern ja nicht üblich“, erklärte Hofmann.

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Und die Kirche soll dann auch wieder regelmäßig für Gottesdienste genutzt werden. Der Museumsleiter kann sich dies zum Beispiel während des Erntedankfestes, ein Publikumsmagnet der Diesdorfer Freiluftausstellung, vorstellen.

Besondere Glockengeschichte

Dem Gebäude bleibt zudem ein wertvolles Stück Zeitgeschichte erhalten. Die Glocke, des in den 1950er-Jahren geschliffenen Dorfes Jahrsau, werde als Dauerleihgabe nach einer Vereinbarung mit dem Altmarkkreis und der Kirchengemeinde mit nach Diesdorf gehen. „Die Glocke aus Jahrsau stammt aus dem Jahr 1488 und ist von sehr guter Gussqualität“, berichtete Dr. Gerhard Ruff als Gast des Vortrages. Heute erinnert in Klein Chüden eine Informationstafel daran, dass die Glocke heimlich gerettet wurde.

Über die ebenso spannende Geschichte des Klein Chüdener Kirchenbaues berichtete Dr. Jochen Hofmann zuvor in seinem kurzweiligen Vortrag. Dabei wurde besonders deutlich, wie stark sich die Klein Chüdener im 18. Jahrhundert für den Neubau einer Kirche in ihrem kleinen Ort einsetzten. Diverse Briefwechsel mit der preußischen Verwaltung und gar mit König Friedrich Wilhelm II wertete der Museumschef bei seinen Recherchen aus.

Ein Gotteshaus in Klein Chüden ist demnach erstmals 1388 urkundlich erwähnt. „Dies ist der früheste Beleg für eine eigene Kapelle an diesem Ort“, erklärte Hofmann. Auch diese soll bereits ein Fachwerkbau gewesen sein.

Immer wieder Mängel

Der Referent berichtete weiter, dass im Jahre 1767 ein Pfarrer namens Johann Stephan Valentin – „er war gerade ein Jahr im Amt“ – in einem Brief an den königlichen Amtsrat in Salzwedel den schlechten Zustand des Gebäudes bemängelte. Dort seien zu dieser Zeit „die Schafe des Ortes“ untergebracht. Zudem sei der Kirchenbau an diversen Stellen dringend sanierungsbedürftig.

„Doch mit dieser Antwort hatte der Pastor nicht gerechnet“, beschrieb Hofmann die Antwort des Amtsrates. Der empfahl in seiner brüsken Antwort, das Gotteshaus an den Meistbietenden zum Abbruch zu veräußern. „Es ist eine unnötige Reparatur bei nur vier Predigten im Jahr“, zitierte Hofmann aus dem Antwortschreiben.

Beharrliche Gemeinde in Klein Chüden

Doch der Pfarrer und die kleine Kirchengemeinde gaben ihre Bemühungen nicht auf. 20 Jahre später am 22. Februar 1787 wendeten sich die Gläubigen an das Oberkonsistorium in Berlin und schilderten die „Kapelle von elender Beschaffenheit“. Auch darauf war die Antwort, auch wenn sich die Gemeinde finanziell an einem Neubau beteiligen wollte, negativ. Hofmann bescheinigte den Klein Chüdener mit Einblick in seine Recherche jedoch eine „bemerkenswerte Beharrlichkeit“. So sprach die Gemeinde in einem Brief auch direkt den als sehr fromm bekannten Friedrich Wilhelm II an. Es folgten längere Briefwechsel, in denen es vorrangig um die Finanzierung der Kirche ging. „Das Geld spielte damals wie heute eine Rolle“, meint Roland Lahmann, Vorsitzender des Perver Fördervereins.

Die Beharrlichkeit der Klein Chüdener zahlte sich aus. Aus dem Jahr 1791 ist eine erste Bauzeichnung erhalten. Diese zeigt noch einen Kirchturm, der allerdings beim späteren Bau den Sparzwängen zum Opfer fiel. Dennoch: 1793 konnte in der neuen Klein Chüdener Kirche die erste Taufe gefeiert werden.

Und die Situation aus dem 18. Jahrhundert wiederholt sich später in der Neuzeit. So berichtet Jochen Hofmann davon, dass die Kirche 1969, wieder von einem Pfarrer, als baufällig beschrieben wird. Nach umfangreichen, aber nicht nachhaltigen Sanierungsarbeiten Anfang der 1990er-Jahre, gab es 2009 wieder ähnliche Mängel. Diese können mit der Umsetzung nach Diesdorf nun in Angriff genommen werden.