Salzwedel l Immer wieder musste die Hansestadt Salzwedel in den Jahrhunderten ihres Bestehens schwere Einschläge durch Krankheiten verzeichnen, für die es zum Zeitpunkt ihres Ausbruchs keine wirksamen Gegenmittel gab. So zum Beispiel die Pest, die auch an Salzwedel nicht spurlos vorrüberging und für Hunderte Todesfälle sorgte. „Dabei ist allerdings in Frage zu stellen, ob es sich immer um die Krankheit Pest handelt, wenn man auf historische Aufzeichnungen stößt“, weiß Stadtarchivar Steffen Langusch, dass der Name Pest oder Pestilenz für eine Vielzahl von schweren Erkrankungen benutzt wurde.

Schwarzer Tod

Bleiben wir bei der Pest, später auch als „Schwarzer Tod“ bezeichnet: Über die Zeit der großen europäischen Pest-Pandemie zwischen 1347 und 1352 gibt es im Stadtarchiv nur wenige Aufzeichnungen zum Auftreten der todbringenden Seuche in und um Salzwedel. In einer Dissertation über das älteste Salzwedeler Stadtbuch von 1305 bis 1360 äußert der Autor Joachim Stephan die Vermutung, dass die Pest in Salzwedel 1350 und 1356/57 wütete.

Dies erschließt sich Stephan durch die Zahl der Stadtbucheinträge die von durchschnittlich 50 pro Jahr in den 1340ern auf „über 80 nach 1350“ ansteige. „Offensichtlich infolge verstärkten Erbgangs“, meint Joachim Stephan. Die genaue Zahl der Todesfälle bleibt allerdings unbekannt.

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In diesem ältesten Salzwedeler Stadtbuch geht es in erster Linie um Grundstücksgeschäfte, erklärt Steffen Langusch. „Zu Grundstücksverkäufen kommt es ja häufig auch nach Todesfällen“, kann der Stadtarchivar die Erkenntnisse der Dissertation nachvollziehen.

Von der neuen Krankheit

Genauere Angaben gibt es für die Jahre 1580/81. Nach den chronistischen Notizen aus dem Forschungsnachlass von Karl Gaedcke schreibt der Pfarrer Stephan Praetorius im Traktat „Von der neuen Krankheit“ am 30. Oktober 1580: „Vom 10.9. an bis auf diese Stunde hat uns Gott heimgesucht mit einem neuen Fieber und Frostkrankheit, daß nicht mehr denn 400 Personen auf einen Tag an einem jeden Ort, als mit einer Keulen geschlagen, niedergefallen und lagerhaft geworden.“

Wie schwer die beiden Jahre für die Familien der Hansestadt gewesen sein müssen, wird in einem Absatz eines Aufsatzes von Pastor Max Naegler aus dem Jahr 1928 deutlich. In „Stephan Praetorius und die Trostbüchlein aus dem Salzwedeler Pestjahr 1581“ heißt es: „Nach Ausweis des Kirchenbuches ... starben in diesem Jahre auf der Neustadt 790 Personen, 379 weiblichen und 411 männlichen Geschlechts. Wenn wir bedenken, wie klein die Neustadt damals gewesen ist, ich schätze auf 2-3 Tausend Einwohner – kommt uns die Größe der Katas­trophe recht zum Bewußtsein.“

Aberglaube

Dass die Menschen zu jener Zeit die Ursache der Erkrankungen nicht erklären konnten, zeigt eine weitere Notiz für das Jahr 1581 aus dem Nachlass des Heimatforschers Karl Gaedcke: „Bei in Salzwedel grassierender Pest hat die Ehefrau des Hans Ficke (..) abergläubische Mittel zur Vertreibung der Pestilenz aus der Bürger Häusern gebraucht. Nach ausgestandenem Halseisen wird sie der Stadt Gerichte verwiesen, aber außerhalb der Stadt ohne Vorwissen des Rats durch das zusammenlaufende Volk gesteinigt.“ Ein grausamer Tod für eine Frau, deren Name damals nicht einmal genannt wird.

In den Notizen des Lehrers Karl Gaedcke finden sich weitere Hinweise auf Krankheiten, deren Auswirkungen in Salzwedel deutlich spürbar waren. So sollen 1610 in der Neustadt nochmal 638 Menschen an der Pest sterben. 1673 grassiert dort zudem ein „hitziges Fieber“. 1703 ist das Fleckfieber im Norden der Altmark. Im Herbst und Winter 1705/06 herrschen die Pocken in der Stadt.

Wegen Pocken: Schützenfest verschoben

Für spätere Jahre kann Steffen Langusch auf die Zeitungsauswertungskartei des Stadtarchivs zurückgreifen. So wird für das Jahr 1855 im August vom Ausbruch einer großen Cholera-Epidemie berichtet. Wieder ist die Neustadt besonders stark betroffen. Die Maßnahmen erinnern in Teilen an heute: Die Schulen werden geschlossen und das Trauergeleit bei Beerdigungen wird verboten. Die Cholera lässt die Stadt auch in späteren Jahren nicht los, 1878 berichtet Kreisphysikus Dr. Schwahn von 20 Typhusfällen in Salzwedel – vor allem am Steintor und am Wassertor.

Dass Feste und Veranstaltungen zum Schutz der Bevölkerung verschoben werden müssen, gab es in der heutigen Hansestadt schon im Jahr 1900. Ab dem 10. Juni gibt es in Kemnitz, Ziethnitz und Eversdorf mehrere Fälle von schwarzen Pocken. In Osterwohle stirbt sogar der Ortsvorsteher daran. Das für den 24. bis 27. Juni 1900 geplante Salzwedeler Schützenfest wird bis auf Weiteres verschoben. Am 26. Juni gibt es Entwarnung für Ziethnitz, Osterwohle und Wallstawe – „Pocken erloschen“. Allerdings gilt an diesem Tag noch Quarantäne für Kemnitz und den Haase‘schen Hof in Eversdorf. Die Lage scheint sich zu entspannen. Ab dem 10. Juli ist der Bismarckturm wieder geöffnet und das Schützenfest kann vom 2. bis 5. August gefeiert werden, schreibt das Salzwedeler Wochenblatt.

Im Kriegsgefangenenlager

Doch nicht nur die einheimische Bevölkerung ist von Seuchen betroffen. Recherchen von Steffen Langusch legen den Schluss nahe, dass in einem Salzwedeler Kriegsgefangenenlager zu Zeiten des Ersten Weltkriegs die sogenannte Spanische Grippe grassierte.

Für eine Veröffentlichung des Landesheimatbundes über Kriegsgräber in Sachsen-Anhalt trug Steffen Langusch im vergangenen Jahr sämtliche Sterbefälle von Kriegsgefangenen aus den Jahren 1914 bis 1921 zusammen. In einer Liste sammelte er 470 Namen mit Nationalität, Dienstgrad, Informationen zum jeweiligen Regiment, Alter und Sterbedatum.

Herbstwelle der Spanischen Grippe

Mit Beginn des Ersten Weltkriegs wurde das Barackenlager entlang der Arendseer Straße errichtet. „Etliche 1000 Mann waren dort inhaftiert“, berichtete er im Gespräch mit der Volksstimme. Später wurde es zu einem speziellen Ukrainerlager.

Vor allem im Herbst 1918 kommt es zu einer auffälligen Häufung von Sterbefällen bei Inhaftierten. Sterben in den Jahren des Bestehens des Lagers selten mehr als zehn Gefangene in einem Monat, sind es im Oktober des letzten Kriegsjahres 99 Tote, im November noch 51 Verstorbene. „Das steht meiner Meinung nach mit der zweiten oder ‚Herbstwelle‘ der Spanischen Grippe in Zusammenhang“, schätzt Langusch ein.

„Aus Salzwedel und anderen Orten der Altmark wird etwa in der Zeit vom 10. Oktober bis 15. November 1918 über zahlreiche Grippeerkrankungen, zum Teil auch mit Todesfällen und Auswirkungen auf das gesellschaftliche Leben, berichtet“, weiß Langusch außerdem. Die Maßnahmen die er aufzählt, ähneln denen von heute sehr: Schließung von Schulen, Absage von Tanz- und Vergnügungsveranstaltungen, verkürzte Öffnungszeiten von Firmen und verringerte Aufnahmekapazität im Kreiskrankenhaus.