Salzwedel/Lingen l Vor etwa zweieinhalb Monaten soll am Rand von Pretzier in Richtung Riebau „etwas aus der Erde heraus geblubbert sein“. So beschreibt es die Bürgerinitiative (BI) jetzt in einer Pressemitteilung. Anfang Oktober habe er von Anwohnern davon erfahren, präzisiert BI-Mitglied Bernd Ebeling auf Volksstimme-Nachfrage. Bagger und Lkw seien gekommen, Spüllanzen seien eingesetzt worden, Wasser abgepumpt und Boden abgefahren worden, heißt es in der BI-Mitteilung weiter. Die Bürgerinitiative geht davon aus, dass dabei Lagerstättenwasser, das Schwermetalle, giftige Kohlenwasserstoffe und radioaktives Material enthält, in den Boden gelangt ist. Der Altmarkkreis sei nicht informiert, ebensowenig die Anwohner, die in knapp 120 Metern Entfernung leben, gewarnt worden, so die BI.

Engie-Sprecher Stefan Brieske bestätigt, dass Mitarbeiter des Unternehmens am 6. September einen Schaden an einer Nassgasleitung zwischen den Sammelpunkten Klein Gartz und Pretzier entdeckt haben. Die zuständige Aufsichtsbehörde, das Landesamt für Geologie und Bergwesen (LAGB) sei umgehend informiert worden, ebenso der Grundstückseigentümer und der Pächter. Die Reparatur sei mit allen zuständigen Behörden abgestimmt und gutachterlich begleitet worden. Die Leitung ist inzwischen wieder in Betrieb. „Eine Gefahr für die Bevölkerung bestand zu keinem Zeitpunkt“, so Stefan Brieske.

Inbetriebnahme ohne Zaun

Die zuständigen Aufsichtsbehörde ist allerdings nicht die LABG-Außenstelle in Staßfurt, sondern der Hauptsitz in Halle. Von dort wurde der Altmarkkreis jedoch nicht informiert - aus Sicht der Behörde aus Versehen, so Kreissprecherin Birgit Eurich. Nachdem der Altmarkkreis am 2. November vom Schaden an der Gasleitung erfuhr, sei das LABG zu einer schriftlichen Stellungnahme aufgefordert worden. Das LABG sei zu dem Ergebnis gekommen, dass durch den Schaden und seine Beseitigung keine Umweltgefährdung feststellbar sei.

Künftig solle der Altmarkkreis bei ähnlichen Vorgängen zeitnah informiert werden, so Birgit Eurich weiter, ebenso sollen solche Vorgang mit Engie ausgewertet werden. Das LABG behalte die Hoheit in technologischen Entscheidungen. Im Falle eines Falles prüfe das LABG auch die ordnungs- oder strafrechtliche Relevanz und werde sie mit dem Altmarkkreis abstimmen.

Stand der Technik

Die BI erhebt indes weitere Vorwürfe gegen Engie. So soll die Erdgasfördersonde Salzwedel 112 zwischen Seebenau und Luckau wieder in Betrieb genommen worden sein, ohne sie vorschriftsmäßig einzuzäunen. „Diese Behauptung ist falsch. Seit dem 1. Dezember 2014 fördert die Bohrung Sw 112 nicht mehr“, erwidert Stefan Brieske. Sie sei allerdings nicht stillgelegt worden, weil aktuell nicht ausgeschlossen wird, sie wieder in Betrieb zu nehmen. Die Sicherung mit einem Bauzaun sei zulässig.

In zwölf verfüllten Erdgassonden sei zwischen 1997 und 2008 schwermetallhaltiger und radioaktiver Abfall verklappt worden, teilweise nur in 700 Metern Tiefe, so ein weiterer BI-Vorwurf an die Adresse des Unternehmens aus Lingen. Brieske verweist hier auf den zuständigen Bereichsleiter vor Ort, Reiko Simoneit.

Mineralische Rückstände aus der Erdgasförderung, die natürliche radioaktive Stoffe enthalten, seien bis vor etwa zehn Jahren „innerhalb von Stahlrohrcontainern in nicht mehr genutzte Bohrungen in den tiefen Untergrund weit unterhalb der Trinkwasser führenden Schichten einzementiert“ worden heißt es in einem Interview auf der Unternehmenshomepage. Diese Vorgehensweise entsprach dem damaligen Stand der Technik und sei durch die Deckschichten aus Salz und Ton sicher, ergänzt Stefan Brieske.

Aufruf zur Wachsamkeit

Ebenso sei zu keinem Zeitpunkt eine Gefahr für Mitarbeiter und Bevölkerung von den Rohren ausgegangen, die bei Siedentramm (Anfang Oktober - die Volksstimme berichtete) beziehungsweise im März bei Tylsen lagen.

Die BI wirft Engie verantwortungsloses Handeln vor und beschuldigt das Unternehmen, wirtschaftliche Interesse über Gesundheits- und Umweltschutz zu stellen. BI-Sprecher Christfried Lenz fordert das LABG auf, Engie die Betriebserlaubnis für die altmärkischen Erdgasfelder zu entziehen.

Fortsetzung der Förderung

Engie, für das in Salzwedel 90 Mitarbieter tätig sind, kündigt dagegen die Fortsetzung der Förderung in der Region an. Alle Aktivitäten seien eingebettet in behördlich genehmigte Betriebspläne.

Einigkeit herrscht in einem Punkt: „Wir rufen die Bevölkerung zur Wachsamkeit auf“, so die BI. „Wir auch“, fügt Stefan Brieske hinzu. Deshalb sei an jedem Betriebsplatz ein Schild mit einer Kontakttelefonnummer angebracht. Anwohner werden gebeten, bei Ereignissen rund um die Förderplätze das Unternehmen zu kontaktieren. „Verlangen Sie Auskünfte“, fordert die BI. „Allgemeine Fragen zur Erdgasförderung und unserem Unternehmen beantworten wir gerne zu den üblichen Geschäftszeiten unter der Hotline 0591/612 888“, so der Engie-Sprecher.