Salzwedel l Zum Fußballtraining, zur Schule oder schnell einen Kumpel besuchen: Wer in ländlichen Regionen wie der Altmark aufwächst, hat beim Thema Mobilität einen entscheidenden Nachteil zu Metropolen wie Hamburg oder Berlin. Hier sind die Jugendlichen auf den Bus angewiesen – und der fährt nicht im Minutentakt wie U-Bahn oder Tramm. Also müssen oftmals die Eltern oder Großeltern als Taxifahrer für ihre Sprösslinge fungieren. Doch was, wenn sie arbeiten sind?

Mobilität auf dem Land steigern

Dafür hat man in Sachsen-Anhalt, Thüringen und Sachsen seit 2013 das Mindestalter für die „Mopedfahrerlaubnis AM“ von 16 auf 15 Jahren gesenkt. Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern folgten der Idee wenig später. Mit dem Projekt stieg schließlich die Nachfrage bei Führerscheinen für Roller, Moped und Co. – und die Gefahr, dass Jugendliche verunfallen gleich mit.

„Seit Beginn des Modellprojektes haben sich insgesamt mehr als 7100 Jugendliche zum ‚Mopedführerschein mit 15‘ in Sachsen-Anhalt zur Prüfung angemeldet“, heißt es aus dem Ministerium für Verkehr – mit einer Besteherquote von etwa 80 Prozent. Ziel sei es, die Mobilität der Jugendlichen im ländlichen Raum zu erhöhen. Doch nicht nur die Mobilität wurde erhöht. „Durch das Modelprojekt ‚AM15‘ sind die Unfallzahlen in der Klasse im Vergleich zu den Vorjahren zwar angestiegen. Dieser Anstieg beruht aber auf der größeren Zahl der am Verkehr teilnehmenden AM-Fahrer und nicht darauf, dass diese ein Jahr jünger sind“, erklärt das Ministerium weiter.

Opfer für Mobilitätsgewinn?

Das sieht der Unfallforscher der Versicherer, Siegfried Brockmann aus Berlin, erwartungsgemäß anders: „Natürlich geht die Unfallzahl deutlich nach oben, weil wir einen zusätzlichen Jahrgang einer Hochrisikogruppe im Verkehr haben.“ Daher drängt sich dem Unfallforscher die Frage auf, „ob wir für den Mobilitätsgewinn diese zusätzlichen Opfer in Kauf nehmen wollen“. Für Siegfried Brockmann ist das sowohl eine politische, als auch gesellschaftliche Frage.

Peter Mennicke, Pressesprecher aus dem Magdebuger Ministerium hält dagegen: „In der Gesamtheit sind die Unfallzahlen so gering, dass fundierte Aussagen über Ereignis und Unfall nicht möglich sind.“ Auch sei der Anteil verkehrsauffälliger Jugendlicher sehr gering. Zudem gibt es in Sachsen-Anhalt seit der Einführung nicht einen Unfalltoten, bei den AM-Fahrern.

Entlastung für die Eltern

Das kann Frank Semisch vom Polizeirevier des Altmarkkreis Salzwedel bestätigen. Denn in der Altergruppe von 15 bis 18 Jahren konnte er im vergangenen Jahr nur fünf AM-Fahrer als Unfallverursacher ausmachen. „Es gibt keine nennenswerten Probleme“, sagt der Polizeisprecher. Auch bläst Frank Semisch in ein ähnliches Horn wie die Landesregierung. Denn auch er sieht den Vorteil der Mobilität. „Bei den weiten Strecken im Kreis macht es Sinn, dass Jugendliche so zur Schule kommen – dafür ist diese Fahrerlaubnis ein sinnvolles Mittel“, so Semisch. Für ihn steht daher eine qualitativ hochwertige Ausbildung im Vordergrund.

Ebenfalls für den Salzwedler Fahrlehrer Dietmar Gäde, der seit 1984 ausbildet. „Für den ländlichen Raum ist das gut. Außerdem ist es eine große Entlastung für die Eltern, so kommen die Jugendlichen allein zum Musikunterricht, Sport oder zur Schule.“ Daher ist auch Dietmar Gäde für die Fahrerlaubnis „AM15“, auch er fuhr bereits mit 15 Moped.

Ob sich das Modell noch auf die alten Bundesländer ausweitet, ist bisher offen. Anfang 2018 hat das Bundesministerium den Modellversuch bis zunächst 2020 verlängert.