Diesdorf l „Ich habe es noch nie gehabt, dass ich meinen Ehrgeiz so runterfahren musste. Das ist richtig anstrengend. Immer, wenn ich Ideen umsetzen wollte, kam erneut das Corona-Stoppschild.“ Das sagt Torsten Neumann, der seit Mai 2010 den Jugendclub in Diesdorf leitet. Für die jungen Leute ist der Treffpunkt eine gute Adresse. Das sanierte Gebäude nahe des Freilichtmuseums, das jetzt genutzt wird, hat einiges zu bieten. Wenn da nicht das Virus wäre, das den normalen Alltag immer wieder ausbremst.

Im Sommer, so erinnert sich Neumann, durfte er nach längerer Pause endlich wieder aufmachen. Doch die geltenden Regeln wie das Tragen der Maske, das Einschreiben und das stündliche Desinfizieren der Türklinken hätten abgeschreckt. „Es kam kaum einer der jungen Leute. Sie fühlten sich zu sehr kontrolliert“, schätzt der Jugendclubleiter.

Angebote neu überdenken

Die Gruppenarbeit, die sich bei solchen Angeboten wie „Mein Leibgericht“, wo gemeinsam mit Erwachsenen aus aller Welt gekocht wird, oder „Andere Kulturen“, um das Wissen zu erweitern, bewährt hatte, sei von einem Moment zum anderen unmöglich gewesen. Dabei sei dies wichtig, um zu lernen, sich gegenseitig auszuhalten und sich auch mal zurückzunehmen. Die Angebote mussten immer wieder neu überdacht werden.

Neumann entwickelte neue Gedanken, die in Kleinstgruppen umsetzbar sind. Ein Projekt trägt den Namen „Verselbstständigung für besonders benachteiligte Jugendliche“. Was bürokratisch klingt, ist Hilfe zur Selbsthilfe. „Dreimal in der Woche waren drei Jugendliche, die in Kinderheimen leben, für einige Stunden im Club zu Gast. Dabei ging es nicht nur ums Kochen, sondern auch um Lebenshilfe“, erzählt er. Mit dem Trio zu arbeiten sei so intensiv wie mit einer zwölfjährigen Gruppe, vergleicht er. Auf jeden Einzelnen könne er gesondert eingehen.

Arbeit in Kleinstgruppen

„Für den Kochkurs habe ich mir kein Programm zurechtgelegt, sondern die Jugendlichen gefragt, was sie kochen wollen“, beschreibt Torsten Neumann. Das DDR-Jägerschnitzel („die Jagdwurst-Variante kannte ich vorher noch nicht“), Aufläufe, Nudeln und Hackfleisch in allen Variationen standen hoch im Kurs. Gemüse sei für die Jugendlichen eher weniger interessant gewesen. „Dass das auch lecker schmecken kann, dazu habe ich Tipps gegeben. Und wir haben es zusammen ausprobiert“, schildert er. Dieses Angebot solle fortgeführt werden, wenn es wieder möglich sei. Vor dem zweiten Lockdown habe er die Türen für die Jüngeren geöffnet, die künftig zu den Besuchern gehören könnten. Denn die Älteren würden nächstes Jahr mit der Ausbildung beginnen.

„Ich brauche dringend neue Jugendliche, die das Angebot nutzen. Aber momentan kann ich ihnen aufgrund der Situation nichts bieten. Das ist ein Zwiespalt, in dem ich stecke“, beschreibt er. Vor allem während der Pubertät sei es für die Heranwachsenden von Vorteil, eine Treffmöglichkeit mit Gleichgesinnten zu haben. Gesprächsangebote seien in jüngster Zeit nur bedingt möglich gewesen.

Freitags habe er, solange es möglich war, einen Filmabend für die Älteren angeboten. „Dabei habe ich pädagogisch wertvolle Filme ausgesucht, wie beispielsweise ,Here‘, über die wir im Nachhinein auch diskutiert haben“, sagt der Leiter.

Mehr virtuelle Freundschaften

Er hat mit Schrecken beobachtet, dass junge Leute nicht mehr von sich aus feiern können. „Durch Corona und die damit verbundenen Einschränkungen entwickelt sich eine Generation Ernsthaftigkeit, was für die Entwicklung gar nicht gut ist“, urteilt der Pädagoge. Er schätzt, dass zu dieser Entwicklung wohl die dauerhafte Nutzung des Internets und damit einhergehend virtuelle Freundschaften führen könnten. „Von Angesicht zu Angesicht zu erzählen, Musik zu hören, sich nach den Melodien zu bewegen, das verkümmert immer mehr“, zeigt sich Neumann besorgt. Bevor der Ernst des Lebens beginne, sei es für die Entwicklung wichtig, auch mal aus sich herauszugehen, im gewissen Sinne über die Stränge zu schlagen.

Derzeit betreut er seit seinem Dienstantritt in Diesdorf die dritte Generation von Jugendlichen. „Die ersten sind in den Jugendclub gekommen, weil sie sich zu Hause gelangweilt haben und hier Freunde treffen konnten. Das ist leider nicht mehr so“, schildert er. Heutzutage müsse er den Jugendclub wie ein Geschäft mit attraktiven Angeboten führen, damit die Besucher kommen. Doch diese kann er momentan nicht bieten.

Kooperation mit der Sekundarschule

„Ich bin froh, dass ich mit der Gruppe, die fünf Jahre im Projekt ,Andere Kulturen‘ mitgemacht hat, griechisch essen gehen durfte. Das hat Anna Stein von Demokratie leben finanziell befürwortet“, blickt er zurück. Denn die jungen Leute seien nach den Sommerferien in ihre Ausbildung gestartet. Für sie sei es auch ein Abschied von der Clubzeit gewesen.

Torsten Neumann hofft, dass er im nächsten Jahr wieder intensiver für die jungen Leute da sein kann. Ideen hat er auch schon mit Katrin Bernickel, Schulsozialarbeiterin der Sekundarschule Dähre, entwickelt, wie die Kooperation zwischen dem Club und der Bildungsstätte fortgeführt werden kann. „Ich freue mich auf die Zeit, wenn regelmäßige Angebote wieder möglich werden“, sagt er.