Salzwedel l Die Türen zum Pflegeheim „Am Karlsturm“ in Salzwedel sind verschlossen. Ein Zettel an der Eingangstür macht klar, hier kommt keiner weiter. Kein Spaziergang mehr vor der Einrichtung, keine Besucher mehr im Haus: Die Bewohner sollen so vor dem Coronavirus geschützt werden. Das soziale Leben für die betagten Damen und Herren geht gegen null. Es bleibt nur der Kontakt zu den Mitarbeitern des Pflegeheims. Das stellt für die Senioren der Einrichtung ein Problem dar, ebenso wie für ihre Angehörigen.

Michael Schermer aus Stendal wollte den regelmäßigen Kontakt zu seiner Mutter aber nicht abbrechen lassen. Seine Idee: Videotelefonie. Einrichtungsleiter Jürgen Letzas war davon sofort begeistert und richtete in seinem Büro in der obersten Etage kurzerhand einen Platz für Senioren ein, um mit ihren Angehörigen über seinen Firmen-Laptop zu telefonieren.

Kontakt via Laptop

„Das ist nicht schlecht“, sagt die 82-jährige Salzwedelerin Elsbeth Schermer am Rollator auf dem Weg zum Büro, auch wenn es für sie etwas gewöhnungsbedürftig sei. Doch für die Rentnerin, ihre drei Kinder, sieben Enkelkinder und drei Ur-Enkeln, ist es derzeit die einzige Möglichkeit, sich von Angesicht zu Angesicht auszutauschen. Eine Pflegemitarbeiterin bringt sie mit dem Fahrstuhl nach oben.

Im Büro angekommen, kämmt sie sich noch schnell die Haare und zupft ihre Bluse zurecht. Unterdessen startet Jürgen Letzas mit Mundschutz das Programm: „Schauen Sie mal, Frau Schermer, Ihr Sohn hat schon geschrieben. Dann rufen wir ihn gleich mal an.“ Nach wenigen Klicks taucht das Gesicht von Michael Schermer auf dem Bildschirm auf. „Da bist du ja“, sagt die Rentnerin und lehnt sich in einem großen Sessel vor dem Bildschirm zurück, während Letzas den Raum verlässt. Rufen Sie, wenn Sie fertig sind“, sagt er und verschwindet.

Nachrichten im Blick

Alle 14 Tage nutze sie diese Möglichkeit, um zu erfahren, wie ihre Nachkommen mit der Pandemie zurechtkommen, wie der Alltag bei ihnen funktioniert. Es sind die alltäglichen Dinge, die die 82-Jährige mit ihrem Sohn am Bildschirm bespricht. Der verlegte Zahnarzttermin, dass Essen im Pflegeheim, die Misere der Landwirte bei der Spargelernte, ausverkaufte Linsen im Supermarkt. Alle großen Artikel zu Corona in der Volksstimme werden im Gespräch kurz ausgewertet. „Mal sehen, wie lang die das noch mit uns treiben“, sagt sie mit Blick auf das eingeschränkte Leben während der Pandemie. Doch sie wisse, wie dramatisch die Situation sei – gerade für Ältere. „Man hat das ja im Fernsehen gesehen.“ Dass Senioren in Altenheimen aufgrund des Virus sterben, bedrückt Elsbeth Schermer. Erst recht die schrecklichen Bilder der vielen Toten aus Italien. Sie hofft , dass sie die Krise gut übersteht. Angst habe sie nicht, aber etwas deprimiert sei sie schon. „Ich bin ja noch fit und möchte noch einige Jahre leben“, sagt sie und fummelt an ihrem Reißverschluss.

Michael Schermer hat die Skypeadresse des Salzwedeler Pflegeheims an die anderen Kinder weitergegeben. „Meine Schwester hat sich deshalb auch das Programm installiert.“ Da Michael Schermer, der selbst zur Risikogruppe gehört, seine Wohnung nicht verlässt, bleibt nur der Kontakt über den Laptop. „Wenn ich sehe, meiner Mutter geht es gut, dann geht es mir auch gleich viel besser.“ Er und seine Geschwister hätten zur Mutter immer einen guten Draht gehabt, sie täglich abwechselnd besucht. „Der Austausch ist uns wichtig.“

Nach dem Gespräch kommt Elsbeth Schermer ins Grübeln. Sie ist 1938 geboren, aber sowas habe sie in ihrem Leben noch nicht erlebt. „Ich hoffe, das geht schnell wieder vorbei.“ Ihr Singkreis fehle ihr, die Bastelarbeiten genauso. „Man kann ja nichts mehr machen.“ Die Videotelefonie habe daher für sie einen hohen Stellenwert im Alltagsleben im Pflegeheim eingenommen.