Altmark

Kunstfestival gewagt und gewonnen

Kunst und Kultur an 40 Orten bot das Festival Wagen & Winnen. Für Besucher gab es in Altmark und Wendland viel zu entdecken.

Salzwedel (me/jsc/hrl/obe) l „Zu einem besonderen Kunstfestival in einem wohl unvergesslichen Jahr“ begrüßte Heinrich Herbrügger am Freitag (11. September) die Besucher im Bürgermeisterhof. Noch im Frühjahr mussten die Organisatoren damit rechnen, dass das Festival wie viele andere Veranstaltungen der Corona-Pandemie zum Opfer fällt. Letztlich durften sich die Veranstalter jedoch nicht nur über eine gelungene Eröffnung mit vielen Gästen, sondern auch über die erste offizielle Kooperation mit der Kulturellen Landpartie aus Lüchow-Dannenberg freuen. „25 Kunsträume aus dem Wendland sind ein schönes Zeichen für die gute Zusammenarbeit der Künstler auf beiden Seiten des Grünen Bandes“, sagte Herbrügger.

Mit einer echten Überraschung konnte er jedoch am Ende seiner Begrüßungsrede aufwarten: der Bürgermeisterhof hat neue Besitzer. Eine Gruppe engagierter Salzwedeler hat das Areal im Herzen der Hansestadt erst in der vergangenen Woche erworben. Sie wollen den Hof als Denkmal erhalten und nach neuesten ökologischen und ökonomischen Gesichtspunkten beleben. Gesucht sind zudem Idee aus der Bevölkerung.

Schon allein die nackten Zahlen des Festivals können sich sehen lassen: Rund 150 Künstler und Kunsthandwerker mit 60 Ausstellungen an 40 Orten. Wie viel dahinter steckt, konnten Besucher ausprobieren, die Abwechslung war groß – von Arbeiten aus dem 3-D-Drucker bis zu historischer Handwerkskunst. Im Atelierhaus Hilmsen erklärte Künstler Hans Molzberger, wie sich Kunst aus dem 3-D-Drucker gestalten lässt. Dort gab es auch eine Fotoausstellung mit Aufnahmen von Jürgen Bode. Und bei Evelyn und Jürgen Neumann konnten Gäste selbst Metall bearbeiten. Sie staunten über das Plasma-Schneiden, mit dem die Metall-Künstlerin Stahlblechplatten zerteilte.

Selbst Altmärker die sich in ihrer Heimat gut auskennen stellte das Architekturrätsel der Initiative Kulturerbe Salzwedel vor echte Herausforderungen. In welcher Kirche ist der Drachentöter zu finden? Das fragten sich nicht nur Sigrid Scholz und Hans-Jürgen Ostermann. Ist er in der St. Georg-Kirche oder doch in einem der anderen Gotteshäuser der Hansestadt zu finden? Mit der Antwort konnten sich die beiden Besucher der Trauerhalle am Steintor, wie auch alle anderen Besucher, Zeit lassen. Schließlich hatte der Verein für ausreichend Sitzmöglichkeiten nebst Verpflegung im Birkenwäldchen gesorgt.

Für viele der Besucher bot sich zum ersten Mal die Möglichkeit, in das Gebäude „Alte Brauerei Wande“ an der Altperverstraße einen Blick zu werfen. Für Eigentümer Enrico Dannies war es zuvor ein gewaltiger Kraftakt, das Gebäude so herzurichten, dass es allen Sicherheitsanforderungen entsprach. Er zeigte sich überaus glücklich, dass ihm dieses gelungen war. Auch darüber, dass er nun zum ersten Mal sein Bergschloss Bräu, gebraut nach seiner Rezeptur in einer Brauerei bei Lüneburg, an die Besucher ausschenken lassen konnte. Das Gebäudeensemble mit seinen morbiden Charme bot eine romantische Kulisse für die Exponate der teilnehmenden Künstler. Neben Malerin Susanne Didszun, Fotograf Heinrich Herbrügger und der Künstlergruppe „Ro sa Ga ra ge“ konnte sich auch Christian Mittag, mit Künstlernamen Zcen, ein paar Räume für seine Arbeiten sichern. Viel Beachtung fanden die detailreichen, gezeichneten Tierporträts, die Kerstin Rüter gefertigt hatte.

In der Heilig Geist Kirche präsentierten Grünholzwerker und Bogenbauer Alexander Hess und Textilkünstlerin Jana Petersen auf dem historischen Gelände ihre Exponate. Die Hansische Gesellschaft informierte in einer Ausstellung über die Geschichte des ehemaligen Klosters. Am Sonntag hielt Bernd Frommhagen vom Verein einen Vortrag über „Geld und Münzen“.

Natürlich war an dem Wochenende auch die Kulturnische mit von der Partie. Von der Malerei über die Metallgestaltung bis zur musealen Kunst reichte die Palette der Exponate, die die sechs Künstler vorstellten.

Einen seit zwei Jahren gehegten Wunsch konnte sich Vita Meyer zu Hörste in der Galerie Marie 9 erfüllen. Neben der Ausstellung mit Bildern und Fotografien gab es dort die Möglichkeit, sich von Jan Vogtschmidt fotografieren zu lassen. Das Besondere: der Fotograf hatte den hochwertigen Nachbau einer Plattenkamera, wie sie um 1860 Verwendung fand, mitgebracht. Entwickelt wurden die Bilder im mobilen Labor direkt vor Ort.

In Kaulitz empfingen die Wagen-und-Winnen-Gastgeber Besucher im Hotel Kaulifornia. Zwei Auto-Kofferräume waren zu einladenden Gästelounges umfunktioniert worden. Auf dem Hof konnten dekorative Gartenleuchter, Keramik von Anna Zorn Bölke aus Schrampe, ausgefallene Bekleidung in einer Modemanufaktur, Schmiedearbeiten, Möbel und Holzspielzeug bewundert werden. In der Scheune standen Tischkicker für Partien bereit.

Musik ertönte – unter anderem spielte Karolin Sattler auf der Gitarre. Auch Tanzeinlagen gab es. In Kerkuhn präsentierten die Bewohner vom Hof Nummer 30 Ausstellunggen mit Malerei, Upcycling, Schmuck und Fotografie.

Kunst war auch in Höwisch bei der Hofgemeinschaft 36 zu erleben. Nadja Lüttich und Rieke Kreß präsentierten im weitläufigen Permakulturgarten eine männliche Statue am Teich, die der Bildhauer und „Wundersammler“ Marc Hasselbach ebenso wie einige Büsten geschaffen hatte. Im Hofcafé waren eine Videoinstallation mit Naturbildern des Niederländers Wilco De Jong, Origami-Kunst von Papierfaltkünstlerin Katrin Zarah und Mangazeichnungen von Ranja Lüttich ausgestellt.

Weitere kulturelle Erlebnisse bescherten Expositionen bei Christa Ringkamp auf dem Neulinger Landhof mit Werken der Malerin Stefanie Genera und der Fotografin Sabine Ringkamp sowie die Keramik- und Bilder-Galerie bei Helga Geissler in Molitz.